Die Erkenntnisse des Jahres Was wir 2017 gelernt haben

Das Jahr 2017 war sehr lehrreich - wenn man nur ein wenig mitgelesen hat. Die Redaktion von manager-magazin.de hat ihre wichtigsten Erkenntnisse für Sie zusammengefasst.
Von mm-Redaktion
Bitcoin-Geldautomat in Hongkong

Bitcoin-Geldautomat in Hongkong

Foto: AP

Der letzte Crash ist schon wieder zu lange her

Wer alt genug ist, um sich an die Finanzkrise von 2008/09 oder die Dotcom-Blase der Jahrtausendwende zu erinnern, findet im Bitcoin-Boom viel altbekanntes. Dazu gehört auch der Standardsatz: Diesmal ist alles anders. Diesmal gelten die alten Regeln nicht. Diesmal entsteht mit dem Bitcoin  etwas wirklich Neues. Dabei ist vor allem die kollektive Gier nach schnellem Reichtum am Werk. Ein heilsamer Schock kann diesen Herdentrieb zügeln - aber immer nur, so lange die Erinnerung noch frisch ist. Was haben wir also gelernt? Wohl vor allem, dass wir nichts gelernt haben. (ak)

Die Macht der Chauvinisten in der Wirtschaft ist gebrochen

Weg: Uber-Gründer Travis Kalanick.

Weg: Uber-Gründer Travis Kalanick.

Foto: REUTERS

Am 20. Januar wurde ein Chauvinist zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Das sah wie ein Rückschritt aus, war aber tatsächlich ein Katalysator für eine große Gegenbewegung.

Was jahrelang entweder verschwiegen oder wie ein Naturgesetz bedauert wurde, bekam jetzt, ausgelöst durch einige mutige Wortführerinnen , Wucht: Bei Uber musste Unternehmensgründer Travis Kalanick gehen, weil er eine chauvinistische Unternehmenskultur förderte. Die Enthüllungen über den Film-Produzenten Harvey Weinstein haben anderen (vor allem) Frauen und Männern den Weg für deren Anklage geebnet.

Die Chance ist groß, dass der Tatort Unternehmen von Diskriminierung und (krimineller) Gewalt dauerhaft befreit wird. In Deutschlands Wirtschaft läuft das derzeit noch deutlich anonymisierter ab als in den USA, allerdings glücklicherweise inzwischen auch recht wirkungsvoll, wie manager magazin in seinem großen Report "Sex, Drugs & CEO" nachzeichnet.

Torsten Albig (r.), neben SPD-Chef Martin Schulz.

Torsten Albig (r.), neben SPD-Chef Martin Schulz.

Foto: Rainer Jensen/ dpa

Wie sensibel die deutsche Öffentlichkeit inzwischen auf Sexismus, auch der verdrucksten Art, reagiert, hat auf hoffentlich sehr heilsame Weise der Fall Thorsten Albig gezeigt. Der zweifache Vater und Ministerpräsident Schleswig-Holsteins hatte kurz vor der Landtagswahl in einem Interview seine neue Lebensgefährtin gepriesen und zu den Gründen für die Trennung von seiner Ehefrau gesagt: "Irgendwann entwickelte sich mein Leben schneller als ihres. Wir hatten nur noch ganz wenige Momente, in denen wir uns auf Augenhöhe ausgetauscht haben. Ich war beruflich ständig unterwegs, meine Frau war in der Rolle als Mutter und Managerin unseres Haushaltes gefangen."

Wenig später hatten ihn die Bürgerinnen und Bürger Schleswig-Holsteins abgewählt. (soc)

Der Shareholder-Value-Geist feiert Urständ

Demonstrierende Siemens-Arbeiter

Demonstrierende Siemens-Arbeiter

Foto: Getty Images

Der Shareholder-Value-Geist ist zurück

Das Wohl der Aktionäre über das aller anderen Interessengruppen in einem Unternehmen zu stellen, war ja schon mega-out. Auch Beschäftigte, Kunden, Lieferanten oder Standort-Kommunen ("Stakeholder") sollen zu ihrem Recht kommen. Siemens-Chef Joe Kaeser, ein berufslebenslanger Siemensianer, schien diese Leitlinien zu verkörpern. Aber jetzt legt er sich für Werksschließungen und den Abbau tausender Stellen trotz Rekordgewinns mit der Belegschaft an - sein Hauptmotiv: Diesen Schritt lieber selbst zu tun, bevor ihn aktivistische Investoren eines Tages dazu zwingen. Er kann immerhin auf schmerzvolle, einschlägige Erfahrungen des Dauerrivalen GE und des deutschen Traditionskonzerns Thyssenkrupp verweisen. Shareholder Value rules. (ak)

Die Autoindustrie bewegt sich doch - weg vom Diesel

VW-Chef Matthias Müller

VW-Chef Matthias Müller

Foto: Andreas Arnold/ dpa

Was ist passiert?

Seit dem Dieselskandal sinken die Zulassungszahlen für Neuwagen mit Selbstzünder-Motor kräftig. Die Diskussion um drohende Innenstadt-Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verunsichert Autokäufer noch weiter. Trotzdem hat die Autobranche jahrelang das Hohelied des Selbstzünders weitergesungen. Nun schert VW-Chef Matthias Müller aus der Phalanx der Dieselgläubigen aus - er räsoniert in einem Interview offen darüber, die steuerliche Begünstigung für Diesel auslaufen zu lassen. Das würde den Selbstzünder für viele Autokäufer unattraktiver machen, abgasfreie Elektroautos dagegen in Summe günstiger - und Innenstädte langfristig sauberer.

Was lernen wir daraus?

Auch die deutsche Autoindustrie ist lernfähig - und muss sich der Macht ihrer Kunden beugen. Jahrzehnte haben deutsche Motorenentwickler damit verbracht, Dieselaggregate für die Autofahrer-Massen zu perfektionieren. Doch die millionenfachen Motormanipulationen und messbare Umweltprobleme in Innenstädten haben das Vertrauen in die Auto-Ingenieure erschüttert. Autokäufer glauben den Beteuerungen nicht, dass Dieselmotoren neuester Bauart wirklich sauber und zukunftsweisend sind. Der Chef des größten deutschen Autokonzerns zeigt nun indirekt, dass sich Autoriesen doch bewegen können - wenn der Druck stark genug wird. (nis)

It's not only the economy, stupid

AfD-Macher Alexander Gauland.

AfD-Macher Alexander Gauland.

Foto: AFP

    Was ist passiert?

    Die Wirtschaft in Deutschland brummt - dennoch haben viele Wähler Angela Merkel und die regierende Union sowie den Koalitionspartner SPD abgestraft. Bei der Bundestagswahl hat zum Beispiel die AfD 12,6 Prozent geholt - und in manchen Teilen Ostdeutschlands sogar rund ein Drittel der Stimmen. Dabei ist die Arbeitslosenquote gerade dort zuletzt deutlich zurückgegangen. In Thüringen und Sachsen liegt sie mit 5,5 und 6 Prozent niedriger als etwa in Hamburg. Auch die Oppositionsparteien FDP, Linke und Grüne haben zugelegt.

    Was lernen wir daraus?

    It's not (only) the economy, stupid. Spätestens seit Bill Clintons erfolgreichem Wahlkampf gegen Amtsinhaber George Bush senior gilt die Wirtschaftslage als entscheidender Faktor für den Wahlausgang. Doch es gibt offenbar emotionale Themen, die Arbeitslosigkeit, Jobsicherheit und Konjunktur überlagern können - und für Amtsinhaber schwer zu beherrschen sind. Ein solches Thema war 2017 offensichtlich die weit verbreitete Angst vor ungesteuerter Zuwanderung. Massiv über soziale Medien befeuert, schaffte das Thema trotz sinkender Flüchtlingszahlen ein unerwartetes Comeback und überlagerte die gute Wirtschaftslage. (nis)

Deutschland kann vielleicht doch Großprojekte

L`Elphie.

L`Elphie.

Foto: Fabian Bimmer/ REUTERS

Was ist passiert?

Flughafen Berlin, Stuttgart 21, Elbphilharmonie - geht es um milliardenschwere Großprojekte, gab es bislang zwei Gewissheiten: Sie kosten x-mal mehr als ursprünglich avisiert und werden letztlich doch nie fertig. Zumindest was Letzteres angeht, gab es 2017 jedoch einen Lichtblick: Gleich zu Jahresbeginn konnte in Hamburg die glanzvolle Eröffnung des neuen Konzerthauses direkt am Elbufer gefeiert werden.

Was lernen wir daraus?

Pessimismus und Miesepetrigkeit haben seit eh und je ihren ersten Wohnsitz in Deutschland. Das gleiche gilt für den Wunsch, alles unter Kontrolle haben zu wollen, und die Manie, alles zu einem perfekten Abschluss bringen zu müssen. Klar, dass ausufernde Katastrophenprojekte à la BER da schwer zu ertragen sind. Seit diesem Jahr wissen wir aber zumindest: Das Scheitern der Großprojekte ist kein Naturgesetz. Eine Erkenntnis, die sich in China übrigens schon früher durchgesetzt hat: Dort entstehen Flughäfen vom Spatenstich bis zur Eröffnung mitunter in fünf Jahren - und der Fertigstellungstermin wird während der gesamten Zeit nicht einmal verschoben. (cr)

Personenkult in Europas Demokratien

Kurz regiert.

Kurz regiert.

Foto: LEONHARD FOEGER/ REUTERS

Was ist passiert?

Macron, Trump und Kurz - es ist die Zeit der Populisten, der charismatischen Persönlichkeiten. Sie versprechen den Bruch mit den politischen Eliten und umfassende Reformen. Bemerkenswert, wie aus dem Nichts selbst etablierte Parteien auf einzelne Personen zugeschnitten werden - zuletzt zu beobachten bei Österreichs neuem Bundeskanzler, Sebastian Kurz, der die ÖVP quasi gekapert hat. Anders Emmanuel Macron, aber deshalb vielleicht noch imponierender, wie der Franzose mit seiner neu gegründeten Bewegung geradewegs in den Élysée-Palast marschierte. Donald Trump wechselte statt dessen mehrere Male die Partei, bevor er es letztendlich über die Republikaner ins Weiße Haus schaffte.

Was lernen wir daraus?

Nach der Wahl, das lässt sich auch beobachten, sorgt der Realitätsschock für abstürzende Beliebtheitswerte. Trump wie Macron kämpfen um schwindende Zustimmungswerte. Und was kommt dann? Die Gier der Wähler nach einfachen Antworten ist sicherlich nicht gestillt. Wie sonst ließe sich der dauerhafte Erfolg von Populisten wie Victor Orbán oder Jaroslaw Kaczynski erklären. Und dennoch: Es gibt Hoffnung auf wieder vernünftigere Zeiten, etwa nach dem schwächeren Abschneiden von Geert Wilders bei den jüngsten Wahlen in den Niederlanden. (akn)