Kampf gegen Isis-Rebellen US-Spezialtruppen landen im Irak - Experte erwartet Luftangriffe

Mit hunderten Spezialkräften will Washington US-Bürger im Irak schützen. Ein Experte rechnet damit, dass die Truppen auch Militärschläge vorbereiten sollen. Derweil führen die USA Gespräche mit Iran - und auch die Briten nähern sich den Mullahs wieder.
US-Soldat (Archivbild): 275 Mann starke Spezialeinheit im Irak

US-Soldat (Archivbild): 275 Mann starke Spezialeinheit im Irak

Foto: JUNG YEON-JE/ AFP

Washington/London/Bagdad - Die USA schicken eine 275 Mann starke Spezialeinheit des Militärs in den Irak, um die US-Botschaft und die dort arbeitenden Amerikaner zu schützen. Die Truppe sei wenn nötig auch für den Kampf gerüstet, teilte Präsident Barack Obama in einem Brief an den Kongress mit. "Diese Einheit wird im Irak bleiben, bis die Sicherheitslage es nicht länger erfordert", hieß es in dem Schreiben. Obama habe den Schritt als Oberbefehlshaber der Streitkräfte veranlasst, um seine Landsleute zu schützen. Die irakische Regierung habe dem Schritt zugestimmt.

Wie Pentagon-Sprecher John Kirby mitteilte, erreichten 170 der Soldaten Bagdad bereits am Wochenende. Rund 100 weitere sollen falls erforderlich Flugplätze verwalten, logistische Maßnahmen unterstützen und zur Sicherheit beitragen. Alle Kräfte seien dazu ausgebildet, sich den Teams der US-Botschaft anzuschließen oder als eigenständige Truppe vorzugehen.

"Die Sicherheit des in ausländischen diplomatischen Vertretungen dienenden Personals ist eine unserer höchsten Prioritäten", teilte Kirby weiter mit. Bisher waren im Irak zwischen 200 und 300 Soldaten stationiert, um US-Einrichtungen zu schützen und irakische Sicherheitsleute zu unterstützen.

Obama traf am Montagabend in Washington erneut mit seinen Sicherheitsberatern zusammen, um über den Vormarsch sunnitischer Isis-Dschihadisten zu beraten. Als mögliche militärische Optionen der USA gelten derzeit Luft- und Drohnenangriffe sowie ein umfassenderes Training irakischer Sicherheitskräfte. Der Einsatz von US-Bodentruppen scheint nach wie vor ausgeschlossen.

Gespräche mit Iran - London öffnet Botschaft wieder

Zudem tauschten sich US-Vertreter am Rande der Atomverhandlungen in Wien mit iranischen Abgesandten über die Krise im Irak aus. Washington sei bereit, sich sowohl mit Teheran als auch mit anderen Mächten in der Region über das Vorgehen gegen die Isis-Kämpfer abzustimmen, sagte ein hochrangiger Vertreter des US-Außenamtes. Eine Koordinierung militärischer Maßnahmen werde es aber nicht geben.

Der Iran bestätigte Verhandlungen mit den USA. "Wir haben auch die Brutalitäten der Isis im Irak besprochen", sagte der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif iranischen Medien. Am Rande der Atomverhandlungen in Wien hatte Sarif am Montag den amerikanischen Vizeaußenminister William Burns getroffen.

Rund zweieinhalb Jahre nach einem Angriff auf die britische Botschaft im Iran will das Vereinigte Königreich seine Vertretung in Teheran wieder öffnen. Die Umstände dafür seien richtig, sagte Außenminister William Hague in London. Angesichts der Krise im Irak hatte Hague am Wochenende mit seinem iranischen Amtskollegen Mohammed Dschawad Sarif telefoniert.

Großbritannien hatte seine Botschaft in Teheran 2011 geschlossen, nachdem Anhänger des damaligen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad sie gestürmt hatten. London warf Teheran damals vor, die Botschaft nicht ausreichend zu schützen. Die Beziehungen entspannten sich nach der Wahl von Hassan Ruhani zum neuen Präsidenten des Irans im Sommer vergangenen Jahres. Großbritannien und der Iran benannten daraufhin Diplomaten, die zunächst von ihren Heimatländern aus arbeiteten.

Experte erwartet US-Militärschläge - Siemens-Mitarbeiter aus Irak gerettet

Die USA bereiten nach Einschätzung des Nahost-Experten Michael Lüders wahrscheinlich Militärschläge auf Stellungen der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien (Isis) vor. Bei der angekündigten Entsendung der US-Spezialeinheit gehe es nicht nur darum, amerikanische Bürger zu schützen, sagte Lüders dem Sender n-tv. "Die Kunst besteht für die amerikanische Führung darin, nicht den Eindruck zu erwecken, noch einmal mit Bodentruppen massiv im Irak intervenieren zu wollen." Das könnte Präsident Barack Obama innenpolitisch nicht verkaufen. "Aber es ist ganz klar: Die USA wollen etwas unternehmen, sie wollen nicht zusehen, wie der Irak zerfällt und radikale Sunniten die Oberherrschaft in weiten Teilen des Iraks übernehmen."

In dem Konflikt spiele der Iran eine "sehr wesentliche Rolle", sagte Lüders. Teheran sei paradoxerweise neben Washington der engste Verbündete des irakischen Regierungschefs Nuri al-Maliki. "Das ist das Erstaunliche in dieser Krise, dass auf einmal ehemalige Feinde zusammenrücken. Wohin das Ganze führt, mit Blick auf die USA und den Iran, bleibt abzuwarten. Aber dass es schon eine Kooperation gibt, Gespräche in dieser Frage, das ist schon eine kleine Sensation."

Auch die Türkei und die Kurden im Norden des Iraks arbeiteten mittlerweile sehr eng zusammen. "Auch das ist erstaunlich mit Blick darauf, dass ja die Kurden in der Türkei selbst seit Jahrzehnten unterdrückt werden", so Lüders.

Mehrere deutsche Bedienstete der Firma Siemens sind derweil aus dem Rebellengebiet im Irak gerettet worden. "Alle deutschen Mitarbeiter, die in dem Kraftwerk in Baidschi festsaßen, sind inzwischen in Sicherheit", bestätigte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes einen Bericht von "Spiegel Online". Demzufolge handelte es sich um 50 ausländische Siemens-Mitarbeiter, darunter acht Deutsche.

Kämpfe dauern an - Irakische Truppen formieren sich neu

"Spiegel online" berichtete, Hubschrauber des irakischen Militärs und ein von Siemens gechartertes Flugzeug hätten die ausländischen Siemens-Mitarbeiter ab Sonntag aus der Gefahrenzone rund 200 Kilometer nördlich von Bagdad ausgeflogen. Die Techniker seien mit Modernisierungsarbeiten an dem Kraftwerk beschäftigt gewesen. Für die Siemens-Beschäftigten habe keine akute Gefahr bestanden, da die Isis-Rebellen das Gelände, auf dem sie sich versteckten, nicht angegriffen hätten. Es sei aber befürchtet worden, dass die Islamisten die Ausländer als Geiseln nehmen könnten. Siemens wollte sich zu dem Thema nicht äußern.

Nördlich der irakischen Hauptstadt Bagdad dauern die Gefechte zwischen dschihadistischen Milizen und kurdischen und irakischen Soldaten an. Wie das Nachrichtenportal "Sumaria News" berichtete, verhinderten Sicherheitskräfte in der Provinz Kirkuk einen Angriff sunnitischer Isis-Extremisten auf einen Schiitenschrein. In der Provinz Dijala seien zudem bei Gefechten mindestens 19 radikale Islamisten getötet worden, hieß es weiter.

Die Terrorgruppe Isis hatte in der vergangenen Woche die Millionenstadt Mossul im Nordirak eingenommen und sich daraufhin in Richtung Bagdad bewegt. Inzwischen haben sich kurdische und irakische Streitkräfte neu formiert und leisten zusammen mit zahlreichen Freiwilligen zunehmend Gegenwehr. Viele Schiiten meldeten sich zum Dienst an der Waffe, um sich den Dschihadisten entgegenzustellen. Die jüngste Eskalation dürfte die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten im Irak noch weiter vorantreiben.

ts/dpa/rtr
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