Donnerstag, 17. Oktober 2019

Notenbanken versus Politik Wie der Irrsinn unser Geld bedroht

US-Notenbankchefin Yellen: Garantin der Vernunft - aber wie lange noch?

Während die Politik vielerorts unberechenbar geworden ist, halten die großen Notenbanken den Laden zusammen. Noch. Ob sie auf Dauer Erfolg haben werden, ist höchst fraglich.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Manchmal scheint es, als seien Amerikas Notenbanker die einzigen Erwachsenen in der amerikanischen Politarena. Der Washingtoner Zirkus mag immer absurdere Züge annehmen - mit Donald Trump in einer Doppelrolle als Zeremonienmeister und Pausenclown. Diverse Akteure präsentieren sich dem verblüfften Publikum mit erstaunlichem Dilettantismus. Nur bei der Federal Reserve sitzen noch Leute, die ihr Handwerk verstehen. Fed-Chefin Janet Yellen bemüht sich fast schon demonstrativ, stoische Vernunft auszustrahlen. Wenn sie und die übrige Führungsriege der Fed sich öffentlich äußern, dann reden sie über Zahlen und Fakten, und wenn sie etwas nicht wissen oder nicht verstehen, dann machen sie daraus keinen Hehl, sondern formulieren auch öffentliche Zweifel.

Die Fed ist, so gesehen, das Gegenteil des Weißen Hauses in seinem gegenwärtigen Zustand.

Am Mittwoch wird die Fed über ihren weiteren Kurs entscheiden. Es gilt als ausgemacht, dass die Leitzinsen ein weiteres Mal angehoben werden. Außerdem dürfte die Fed konkretisieren, wie sie die Billionen Dollar von Wertpapieren, die sie im Zuge Krise aufgekauft hat, in den kommenden Jahren wieder abzustoßen gedenkt.

Das mag langweilig klingen. Aber es gibt gegenwärtig wohl kein wichtigeres Ereignis für die Wirtschaftsentwicklung.

Während die klassische Politik vielerorts unberechenbar geworden ist, halten die großen Notenbanken den Laden noch zusammen. Das gilt nicht nur für die USA, sondern auch für Europa: Die Europäische Zentralbank steuert unter Mario Draghi unbeirrbar ihren Kurs, ebenso die Bank von England unter Mark Carney (die Donnerstag über ihr weiteres Vorgehen befindet).

Da mag Großbritannien keine klare Parlamentsmehrheit mehr zusammenbringen und mit einer extrem schwachen neuen Regierung in die folgenschweren Brexit-Verhandlungen starten. Da mag in Italien der Irrsinn eine Mehrheit haben - in Umfragen kommen gegenwärtig Beppe Grillos "Fünf Sterne", Silvio Berlusconis "Forza Italia" und die rechte "Lega Nord" auf zusammen 56 Prozent der Stimmen -, die den drittgrößten Euro-Staat aus der Währungsunion katapultieren könnte. Die Notenbanken halten gegen, wahren die Stabilität und beruhigen die Börsen.

Immer noch sind Yellen, Draghi und Co. die wichtigsten Akteure auf den Finanzmärkten. Ohne sie hätte der anschwellende Lärm der politischen Verwerfungen wohl längst die nächste Finanzkrise ausgelöst.

Vier Lehren aus der Notenbankpolitik

Was die Fed als nächstes tut, hat deshalb kaum zu überschätzende Bedeutung für die Weltwirtschaft. Als wichtigste Notenbank der Welt managt sie die meistgenutzte internationale Währung, den US-Dollar. Und da die USA im Konjunkturzyklus deutlich weiter fortgeschritten sind als die anderen großen Volkswirtschaften, hat das, was Janet Yellen tut oder unterlässt, sagt oder verschweigt, Vorbildcharakter für andere Notenbanken.

Vier Lehren lassen sich aus den bisherigen Erfahrungen der US-Notenbank ziehen:

Erstens, von einer Normalisierung der Geldpolitik kann noch längst keine Rede sein. Obwohl die USA im Konjunkturzyklus weit fortgeschritten sind, dürfte die Fed auch diese Woche wieder die Leitzinsen um nur einen Viertel Prozentpunkt anheben, auf einen Zielwert von dann 1 bis 1,25 Prozent, weniger als die Inflationsrate. Der reale Zins bleibt also negativ - und Geld sehr billig.

Zweitens, der Ausstieg aus dem Krisenmodus vollzieht sich extrem langsam. Bereits seit 2009 debattieren die Notenbanker darüber, wie ein Einstieg in den Ausstieg aus den Krisenmaßnahmen gelingen kann. Doch nach wie vor sind sie davon weit entfernt. Vor mehr als vier Jahren hat die Fed angekündigt, ihre Anleihekäufe zurückzufahren. Es dauerte lange, bis sie tatsächlich soweit war. Die erste Zinserhöhung ließ noch länger auf sich warten. Die weiteren Zinsschritte verliefen in Zeitlupe. Wenn sich die EZB die Fed zum Vorbild nimmt, heißt das: Auch wenn Draghi nun den allmählichen Ausstieg aus dem europäischen Programm zum Wertpapierankauf ankündigt, dürfte die Geldpolitik noch auf Jahre expansiv bleiben.

Drittens, Notenbanken agieren in einem Umfeld, das sie nicht mehr richtig verstehen. Ökonomische Mechanismen, die früher als Gesetzmäßigkeit angesehen wurden, gelten nicht mehr. So bleiben zum Beispiel selbst bei guter Konjunkturlage die Investitionen schwach. Wenn Firmen investieren, dann überwiegend um bestehende Kapazitäten zu erneuern, nicht um neue schaffen, hat die OECD gerade auf Basis von Unternehmensumfragen herausgefunden. Solides Wachstum sieht anders aus. Warum ist das so? Weil viele Unternehmen immer noch zu hoch verschuldet sind? Oder weil sie lieber an den aufgepumpten Finanzmärkten zocken, als in Maschinen, Software oder Gebäude zu investieren?

Auch auf den Arbeitsmärkten hat sich offenkundig Fundamentales verändert. So liegt die Arbeitslosenquote in den USA inzwischen so niedrig wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Damals sorgte die Knappheit an Arbeitskräften für kräftige Lohnsteigerungen: Durchschnittliche Zuschläge zwischen 8 und 10 Prozent waren für die Beschäftigten drin. Auch jetzt herrscht nach gängiger Definition in den USA Vollbeschäftigung. Doch die nominalen Lohnsteigerungen bleiben verhalten: unter 3 Prozent. (Eine Entwicklung, die sich übrigens ähnlich auch in Deutschland und in Japan, wo Freitag die Notenbank tagt, beobachten lässt.)

Woran liegt das? Haben die Beschäftigten den Schock der Krise ab 2008 nicht verwunden und halten sich lieber mit Lohnforderungen zurück, als ihren Job zu riskieren? Sind es technologische Umwälzungen (Digitalisierung, Roboterisierung), die die Löhne drücken? Oder die Globalisierung? Viele Hypothesen schwirren durch die Debatte. Doch es gibt gegenwärtig wenig Gewissheiten darüber, was eigentlich wirklich los ist mit der Wirtschaft.

Viertens, die Inflation kommt nicht richtig in Gang. Nach traditionellem Konjunkturmuster müssten die Konsumentenpreise in den USA längst schneller steigen. Tatsächlich ist der Indikator, den die Fed besonders intensiv beobachtet ("Deflator des privaten Konsums"), in den vergangenen drei Monaten gesunken, wie die Ökonomen des Bankhauses J. Safra Sarasin vorrechnen. Gegenwärtig legen die Verbraucherpreise nur mit einer Jahresrate von 1,5 Prozent zu. Deutlich langsamer als jene 2 Prozent, die die Fed als Ziel anstrebt. Nur einmal seit April 2012 erreichte der Indikator eine Steigerungsrate von über 2 Prozent.

Warum ist die Preisdynamik eigentlich so schwach? Beobachten die Notenbanken die falschen Indikatoren? Sollten sie eher auf Immobilienpreise und Börsenkurse achten, die die Geldpolitik ja ebenfalls beeinflusst, als auf die Preise von Gütern und Dienstleistungen? Ist 2 Prozent eigentlich noch eine sinnvolle Norm für die angestrebte Inflationsrate? Sollte sie höher sein oder niedriger? Fragen über Fragen. Die Debatte läuft. Definitive Antworten gibt es nicht.

So erfolgreich die Notenbanken gegenwärtig dabei sind, den Irrsinn populistischer Politik einzuhegen und von den Finanzmärkten fernzuhalten, so wenig gewiss ist, dass ihnen dies auch auf Dauer gelingt. Denn einerseits können auch Notenbanken in einen Strudel geraten; Trump kann kommendes Jahr, wenn Yellens Amtszeit endet, die Fed-Führung austauschen.

Andererseits kann die Politik für Notenbanken unlösbare Situationen kreieren. Sollte etwa in Italien eine demokratisch gewählte Regierung den Ausstieg aus der Währungsunion beschließen, wären der EZB rechtlich die Hände gebunden. Draghi darf vielleicht eingreifen, wenn Spekulanten ein Land aus der Währungsunion drängen wollen. Aber nicht, wenn der politische Wille fehlt, ein Land im Euro zu halten. Eine Staatspleite wäre dann kaum noch abwendbar.

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