England macht alle Kohlekraftwerke dicht Energiewende, very british

Kohlekraftwerk bei Liverpool: Aussterbende Spezies

Kohlekraftwerk bei Liverpool: Aussterbende Spezies

Foto: PHIL NOBLE/ REUTERS

Welches Land in Europa hat die größten Energieprobleme? Die Antwort lautet gemeinhin Deutschland - dem Mix aus hastigem Atomausstieg, ehemals hohen Solarsubventionen und milliardenschweren Stillhalteprämien für Braunkohlekraftwerke sei Dank.

Inzwischen schickt sich allerdings Großbritannien an, Deutschland als Energie-Sorgenkind Nummer eins rasant zu überholen. So ist zuletzt in weiten Teilen des Landes fast der Strom ausgefallen  - ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Kraftwerkspark des Landes hoffnungslos veraltet ist und schrumpft.

Grafik: Strommix in Großbritannien 2014 - zum Vergrößern bitte klicken

Grafik: Strommix in Großbritannien 2014 - zum Vergrößern bitte klicken

Foto: manager magazin online

Die konservative Energieminsterin Amber Rudd legt nun heute ihren Plan vor, mit dem sie das Energie-Chaos beseitigen will. Dabei heraus kommt nach Informationen der "Financial Times"  eine Energiewende, die in dieser Form europaweit ziemlich einmalig ist:

• Bis zum Jahr 2025 will Großbritannien alle Kohlekraftwerke des Landes abschalten. Das ist angesichts der aktuellen Versorgungsprobleme bemerkenswert - zumal diese Energiequelle 2014 zusammen mit Gas die wichtigste war. Der Anteil an der Stromerzeugung lag bei 30 Prozent

• Gaskraftwerke sollen eine noch wichtigere Rolle spielen. Die Regierung will Anreize für den Bau solcher Anlagen setzen. Laut dem "Guardian"  sind sowohl Subventionen denkbar als auch neue Marktanreize - Gaskraftwerke sollen als Sicherheitsreserve besser Geld verdienen können, auch wenn sie gar keinen Strom produzieren

Grafik: Strommix in Deutschland 2014 - zum Vergrößern bitte klicken

Grafik: Strommix in Deutschland 2014 - zum Vergrößern bitte klicken

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• Auch die Atomkraft hat offenbar weiterhin eine Zukunft im Königreich. Dies sei ohne Subventionen allerdings nicht möglich, bezieht sich der "Guardian" auf die geplante Rudd-Rede. Atom- und Gaskraft seien künftig die verlässlichsten Energiequellen

• Die Subventionen für erneuerbare Energien werden gekürzt. Dies dürfte vor allem Solaranlagen und Windparks an Land treffen. Diese Pläne hat die britische Regierung zum Teil bereits umgesetzt. Den Ausbau von Offshore-Windkraftanlagen verfolgt London dagegen offenbar weiter.

Alles in allem steht die Strategie in einem krassen Widerspruch etwa zum deutschen Vorgehen. Hierzulande ist beispielsweise ein baldiger Kohleausstieg nicht in Sicht, weil nach und nach die Atomkraftwerke ersatzlos vom Netz gehen. Dafür steigt der Ökostrom-Anteil rasant.

"Vergessen Sie es!" - Britische Industrie will keinen Atomstrom

Den Ausstieg aus der Kohle begründet Rudd vor allem mit dem Klima- und Umweltschutz. "Dies ist nicht die Zukunft", zitierte die FT Rudd mit Blick auf den Kohlendioxid-intensiven Energieträger.

Offshore-Windpark vor der britischen Küste: Die Branche soll weiter wachsen

Offshore-Windpark vor der britischen Küste: Die Branche soll weiter wachsen

Foto: Christopher Furlong/ Getty Images

"Es ist für eine moderne Volkswirtschaft wie die des Vereinigten Königreichs nicht zufriedenstellend, sich auf schmutzige und 50 Jahre alte Kohlekraftwerke zu verlassen." Tatsächlich war es vor wenigen Wochen fast zum Blackout gekommen, weil alte Kraftwerksblöcke unvorhergesehen ausgefallen waren.

Es wird für die britische Regierung jedenfalls schwer, wenn nicht unmöglich, alle ihre Ziele mit dem neuen Programm zu erreichen: Die Stromversorgung soll sicher sein, umweltfreundlich und günstig. Hinter allen Attributen steht zumindest ein großes Fragezeichen.

Extrem teure Energie-Pläne

Vor allem aber sind die Pläne extrem teuer. Elektrizität aus neuen Gas- und Atomkraftwerken zählt zu den kostspieligsten Formen der Stromerzeugung überhaupt. Nur mit den vorgesehen Subventionen und Markteingriffen lässt sich daher verhindern, dass die Strompreise in Großbritannien explodieren oder der bereits wachsende Stromimport weiter stark zunimmt.

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Rudds Aussagen zur Atomkraft lassen darauf schließen, dass es mit dem geplanten Bau des Kernkraftwerks Hinkley Point in Südwest-England weitergeht. Dabei haben die Kostenschätzungen für das Projekt haben inzwischen astronomische Ausmaße angenommen - die 3200-Megawattanlage soll knapp 26 Milliarden Euro kosten.

Betreiber EDF soll eine garantierte Vergütung von 132 Euro pro Megawattstunde bekommen. Dieser Wert liegt deutlich über der Vergütung für Wind- und Solarenergie und wird zudem an die Inflation angepasst. EU-Mitglied Österreich sieht in den Subventionen eine unzulässige Beihilfe.

Manager schütteln den Kopf

Manager von Industriebetrieben schütteln bereits den Kopf über die Pläne der Regierung. "Vergessen Sie es", sagte Jim Ratcliffe , Chef des Industriekonzerns Ineos schon 2013 auf die Frage, ob der Strom aus dem geplanten Atomkraftwerk wettbewerbsfähig sei. "Niemand in der Branche ist bereit, einen solchen Preis zu bezahlen."

Eines haben die deutsche und die britische Energiewende also offenbar gemeinsam: Mit marktwirtschaftlichen Mitteln lässt sich der Umbruch nicht bewältigen - am Ende müssen Steuerzahler und private Stromkunden dafür die Taschen aufmachen.