Mittwoch, 27. Mai 2020

Was nach Corona anders wird Never waste a good crisis

Klare Sicht: Ohne Abgase läuft's
Julian Stratenschulte / dpa
Klare Sicht: Ohne Abgase läuft's

Kann das Coronavirus auch Gutes bewirken? Wenigstens in dem Sinn, dass wir den Lockdown als Chance nutzen, um innezuhalten, um angesichts der radikalen Änderung unserer Lebensweise in kurzer Zeit zu hinterfragen, was wir künftig anders machen könnten? Der Reset für einen besseren Neustart der Weltwirtschaft gewissermaßen. Um mit Winston Churchill zu reden: Never waste a good crisis.

Schön wäre es ja. Um nicht zu sagen: Schön wär's. Gehen wir mal ein paar offensichtliche Zweifel am Status Quo durch.

"Gesundheit ist das Wichtigste." Wie hohl diese Phrase ist, zeigt sich in dieser Krise. Natürlich ist uns allen die Gesundheit wichtig, jederzeit. Aber wäre der Superlativ ernst gemeint, hätte sie also Vorrang vor allem anderen, dann hätte es niemals Sparmaßnahmen an Krankenhäusern und Pflegepersonal gegeben, und auch jetzt müssten wir nicht über eine Abwägung zwischen Schutz von Menschenleben und Kosten der Quarantäne diskutieren. Gesundheit geht vor, ist doch klar.

Jetzt haben wir tatsächlich eine Situation, in der sich diese Whatever-it-takes-Haltung durchsetzt. Vorerst. Denn die Geduld mancher Investoren und Wirtschaftslenker bis hin zu US-Präsident Donald Trump ist schon nach weniger als einer Woche, in der sie nichts verdienen, überspannt; sie rufen nach dem schnellen Exit, zur Not auch ohne Strategie. Kein Preis für die Prognose, wie es danach weitergeht. Gesundheit ist das Wichtigste - ja, klar….

Keine Flugzeuge, kaum Autos, blauer Himmel

Für das Klima ist der Lockdown ein Segen. Keine Flugzeuge, kaum Autos, wenig Industrie - selbst die deutschen CO2-Ziele für 2020, die schon beinahe offiziell aufgegeben waren, gelten plötzlich als erreichbar. Der Smog in China ist weg, das Wasser in Venedig auf einmal klar. Nebenbei bemerkt ist meine persönliche Verschwörungstheorie, dass wegen Corona plötzlich selbst in Hamburg gutes Wetter herrscht; wir haben uns bisher immer von Abgasen einlullen lassen, die wiederum zur Wolkenbildung beitragen. Auch die Kondensstreifen von Flugzeugen, ganz ohne Chemtrail.…

Manche Städte widmen Auto- in Radspuren um, die theoretisch auch nach Corona so bleiben könnten. Die Vielfliegerei wird auch grundsätzlich hinterfragt. Selbst Lufthansa-Chef Carsten Spohr geht davon aus, "dass alle globalen Airlines ihre Flotten neu planen müssen", schon weil die Globalisierung zurückgedreht werde. Es werde "Jahre brauchen", sagte er dem SPIEGEL, bis sie das Vorkrisenniveau wieder erreichen. Ach so, spätestens nach ein paar Jahren läuft es doch wieder wie gehabt. Ich fürchte, der Mann hat Recht.

Schon in der Finanzkrise von 2008 gab es den Effekt, dass das Klima kurzfristig vom Produktionseinbruch profitierte. Im folgenden Jahrzehnt war dann aber der Preis für Energie und CO2-Zertifikate so niedrig, dass sich das Verschmutzen erst recht lohnte und das Investieren in weiteren Klimaschutz erst recht nicht. Damit Firmen sich selbst einschränken, müssten die wirtschaftlichen Anreize ganz anders laufen. Not gonna happen.

Schub für die Digitalisierung

Die Digitalisierung könnte auch einen ordentlichen Schub bekommen - dadurch, dass plötzlich so viele auf Homeoffice mit Videokonferenzen und Online-Schule angewiesen sind. Erster Lerneffekt: Erstaunlich, wie gut das funktioniert (auch wenn wir jetzt Microsoft ausgeliefert sind). Warum machen wir das also nicht immer, und investieren ernsthaft in die Infrastruktur, damit es dann wirklich pannenfrei läuft?

Nun ja, zum einen wohl, weil Investieren nichts anderes heißt als €€€. Und zweitens, Hand aufs Herz: Sie als Chef sehnen sich doch insgeheim nach dem Tag, an dem Sie das Team wieder richtig unter Kontrolle haben.

"Solidarität" ist das Wort dieser Tage. Wir applaudieren jeden Abend auf dem Balkon den Menschen, die dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft auch unter Druck weiter funktioniert. Es ist wirklich eine beeindruckende Übung in Zusammenhalt, Kooperation statt Konkurrenz hält mitunter selbst zwischen Konzernen Einzug. Sehr schön. Meine Prognose: Das hält ungefähr so lange wie das gute Wetter, und damit höchstens bis zum Ende des Lockdown.

Eigentlich schade um die schöne Krise.

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