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Rohstoffsuche: Dem Schiefergas auf der Spur

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Forscher und Fracking Schiefergas-Streit spaltet Deutschland

Für die einen ist es ein Geschenk Gottes, für die anderen Teufelszeug: Schiefergas, zu Tage gefördert durch die umstrittene Methode Fracking, spaltet Deutschland. Inmitten der hitzigen Debatte erkundet eine Spezialeinheit von Geologen die Vorkommen.

Bückeburg - Im alten Steinbruch bei Bückeburg klopft Stefan Ladage mit seinem Geologenhammer gegen einen schwarzen Schieferbrocken. Sofort zerfällt er sauber in zwei Teile - entlang einem der Risse im Gestein. "Um unter Tage da heranzukommen, ist schon etwas mehr Aufwand nötig", sagt der Wissenschaftler und lacht.

Auf diese Risse im Fels haben es Ladage und seine Mitarbeiter von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffen (BGR) aus Hannover abgesehen. Denn in den winzigen Zwischenräumen lagert womöglich deutschlandweit ein Milliardenschatz - Schiefergas. Und seit ein paar Jahren gibt es einen Weg, ihn zu heben: Fracking.

Lange galten Felsen wie in Bückeburg als uninteressant. Es war viel zu teuer, die darin enthaltenen Rohstoffe zu fördern. Doch inzwischen holen Explorationsunternehmen Gas in den USA auf günstige Weise aus dem Untergrund. Schlüssel zum Erfolg ist die umstrittene Fördermethode Fracking, bei der eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien den Stein aufbricht und Gas nach oben strömen lässt.

Große Hoffnungen in den USA

In den USA hat das Verfahren die Energiewirtschaft auf den Kopf gestellt. Billiges Gas senkt die Abhängigkeit vom Ausland, dämpft den Strompreis und lässt Amerika von einer neuen industriellen Revolution träumen. Vor allem die Chemiebranche preist Fracking, sie nutzt Gas als Grundstoff. Umweltschützer warnen dagegen vor einer Verschmutzung des Trinkwassers, und manche Ökonomen halten die Lobgesänge für zu laut.

Doch angespornt von den Erfolgen in Amerika, erkunden Konzerne wie ExxonMobil, ob sich die Sache auch in Deutschland lohnt. Die Bundesregierung will ebenfalls wissen, welche Reserven unter der Erdoberfläche schlummern und ob eine Bonanza wie in den USA möglich ist. Deshalb schickt sie eigene Forscher los - in verlassene Steinbrüche, aber auch mitten in eine hitzige Debatte über Energiepolitik und Umweltschutz.

Ihr Anführer strahlt vor allem eins aus: Gelassenheit. Gemächlich stapft Ladage durch den alten Steinbruch im Wesergebirge. Unter dem Helm schaut eine etwas lang gewordenen Kurzhaarfrisur hervor, unter der neongelben Sicherheitsweste trägt er Outdoorjacke und Karohemd.

"Es ist Sache der Unternehmen, die besten Lagerstätten zu finden", sagt Ladage mit ruhiger Stimme. "Wir machen die Grundlagenforschung." Das ist kein Typ "gieriger Schatzsucher", eher das komplette Gegenteil. Dollarzeichen sind hinter der Halbrandbrille beim besten Willen nicht zu erkennen. Den Leuten erklären, was unkonventionelle Kohlenwasserstoffe sind, das will er. Der Wissenschaftler sieht sich in einer neutralen Position.

Untersuchungen der Geologen entfalten Sprengkraft

Tatsächlich kreist die aufgeregte Fracking-Debatte aber auch um die Arbeit der Geologen. Berechnen sie große Vorkommen, die sich nach ihrer Einschätzung sicher fördern lassen, ist das Wasser auf die Mühlen der Befürworter.

Im Steinbruch lassen Ladage und seine drei Kollegen den Blick kreisen. Gegenüber ragt eine Wand aus Sandstein empor. Über Jahrzehnte haben Arbeiter den beigefarbenen Fels Stück für Stück weggesprengt und so Material für den Straßenbau gewonnen. Doch Ladage und seine Leute interessieren sich mehr für die andere, dunkle Seite der Grube. Die, wo sich das Schiefergestein stapelt.

"Die Farbe deutet auf einen hohen Kohlenstoffgehalt hin", sagt Ladage. Sein Kollege Friedrich Luppold, ein Fossilienexperte, holt eine Pipette heraus und tröpfelt Salzsäure auf einen Brocken. Sofort sprudeln die Bläschen nur so aus dem Schiefer. "Kohlendioxid", sagt Luppold - die Vermutung mit dem Kohlenstoff stimmt.

Die Forscher entwerfen eine neue unterirdische Landkarte

Doch die Diagnose bedeutet nicht, dass Förderunternehmen demnächst mit schwerem Gerät ins Wesergebirge anrücken werden. Denn hier im Steinbruch, wo der Schiefer ans Tageslicht kommt, ist der Druck viel zu gering, als dass sich wirklich nennenswerte Mengen Gas aus abgestorbenen Organismen gebildet haben könnten.

Allerdings ziehen die Geologen ihre Schlüsse, wie es sich Hunderte Kilometer entfernt verhält, wo dieselbe Gesteinsschicht mehr als 1000 Meter unter der Erdoberfläche verläuft. In Kleinarbeit entwerfen sie auf Grundlage der Funde in der Natur und von Laboruntersuchungen eine neue Landkarte von Deutschlands Untergrund.

Die vorläufigen Ergebnisse entfalten bereits einiges an Sprengkraft. So ist es nicht zuletzt eine Untersuchung der Bundesanstalt aus Hannover , die die Fantasie von Förderkonzernen, Industrie und manchen Politikern blühen lässt. Etwa 1,3 Billionen Kubikmeter Erdgas seien "technisch gewinnbar", schätzt die BGR vorläufig - das ist eine Menge, mit der sich Deutschland immerhin etwa 17 Jahre selbst versorgen könnte.

Keine schlechte Aussicht, finden die Forscher, zumal die konventionellen Gasvorkommen rasch zur Neige gehen. Und überhaupt werden die staatlichen Geologen nicht müde, in ihrer Studie die Vorteile des Frackings zu betonen. Die Methode könne die Energieversorgungs-Sicherheit "signifikant" erhöhen, die Risiken unter Tage seien "gering". Mit dem kritischen Umweltbundesamt haben sich die Wissenschaftler deshalb so manches Fernduell geliefert.

Aggressive Mails im Postfach

Die verschiedenen Ansichten seien "in der Natur der Behörden" begründet, heißt es im Umweltbundesamt. Die Geologen wollten eben die Möglichkeiten der Rohstoffförderung aufzeigen, die Umweltexperten müssten die Risiken kritischer untersuchen. "Entscheidend ist das Zusammenspiel der Behörden." Und das laufe inzwischen wieder gut.

Landauf, landab hat sich die Debatte aber kaum beruhigt. Bürgerinitiativen kämpfen in weiten Teilen Nord- und Westdeutschlands verbissen gegen die Fracking-Methode. Rückenwind bekommen sie von kritischen Filmen wie "Gasland" oder "The Promised Land", der gerade in die deutschen Kinos kommt.

Die Bundesregierung ist in der Fracking-Frage gespalten - Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) will zumindest Versuche mit Fracking ermöglichen, Umweltminister Peter Altmaier (CDU) ist deutlich zurückhaltender. Ein Gesetz, das den Rahmen für Fracking setze sollte, ist vorerst gescheitert. Die deutsche Industrie schimpft lauthals über das zögerliche Vorgehen, auch wenn Fracking Gasmarktexperten zufolge kaum Vorteile für den Standort Deutschland bringt. Es geht eben ums Prinzip.

Wissenschaftler unter Rechtfertigungszwang

"Populistische Aussagen gibt es auf beiden Seiten", sagt Ladage. Dem Mann, der seine Siebensachen in der Biomarkt-Tasche umherträgt, ist der Streit irgendwie fremd. Ein paar aggressive E-Mails hat er schon im Postfach gefunden. "Es erstaunt mich, mit welcher Vehemenz die Technik infrage gestellt wird", sagt der Geologe später, vor sich ein Lachsfilet in der BGR-Kantine in Hannover. "Da stelle ich mir manchmal schon die Frage, ob ich betriebsblind bin." Es klingt tatsächlich nachdenklich.

Als "Herzschrittmacher des fossilen Zeitalters" hat der schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habeck (Grüne) Fracking einmal bezeichnet. Nein, nein, wiegelt Ladage ab. "Wir brauchen einen realistischen Blick auf unsere Energieversorgung. Unkonventionelle Kohlenwasserstoffe stehen nicht in Konkurrenz zur Energiewende, das wird nur auf sie projiziert."

Das ist auch das Argument der Förderkonzerne: Erdgas ergänze die erneuerbaren Energien auf ideale Weise, weil Gaskraftwerke die unregelmäßige Stromeinspeisung aus Wind und Solarkraftwerken flexibel abpuffern können.

Dass sich Geologen auf diese Weise für ihr Tun rechtfertigen müssen, ist noch ein recht neues Phänomen. Ist die Suche nach Rohstoffen doch fast so alt wie die Menschheit und hat die moderne Industriegesellschaft erst ermöglicht.

Das Atomlager Asse als "Ursünde" der Geologen

Doch Ladages Berufstand ist schon länger ins Visier von Kritikern geraten. Auch in der Debatte um Atommüllager und der Verpressung von Kohlendioxid spielen die Wissenschaftler eine wichtige Rolle und werden dabei als zu unternehmensfreundlich kritisiert.

Im Frühling beschwerten sich drei prominente Geologen im Magazin "DER SPIEGEL" darüber, dass Forschung kaum noch möglich sei. "Es scheint, als ob Bürger bei Projekten im Untergrund jegliches Risiko für unvertretbar halten", schrieben Andreas Dahmke, Martin Sauter und Frank Schilling .

Doch sie räumen auch eine Mitschuld des Berufstandes ein. Die "Ursünde" seien zu optimistische Annahmen von Geowissenschaftlern zum Atommüllendlager Asse gewesen. Anders als vorausgesagt, dringt dort Wasser in die Lagerschächte ein, und die Fässer sollen mit einem Milliardenaufwand geborgen werden.

Zerhacken, durchleuchten, vermessen

Und jetzt mal eben mit Schiefergas-Fracking beginnen? Das konnte wohl nicht gut gehen. Viel zu intransparent hätten die Genehmigungsbehörden anfangs ihr Platzet gegeben, heißt es auch bei manchem Bundesbeamten. Jetzt kommt die Quittung. "Viele Menschen können es sich nicht vorstellen, wie es im Untergrund aussieht", erklärt Ladage die tiefe Skepsis.

In den Laboren der Bundesanstalt ist von einer Sinnkrise der Zunft wenig zu spüren. Mehr als 30 Mitarbeiter werten in einem unscheinbaren Flachdach-Gebäude Gesteinsproben aus ganz Deutschlandaus. Die Wissenschaftler zerhacken, durchleuchten und vermessen die Brocken samt ihrer wertvollen Poren.

"Die Zwischenräume sind so klein, dass wir mit dem Mikroskop an Grenzen stoßen", sagt Mineraloge Stephan Kaufhold. Also müssen die Forscher anders vorgehen. Ein Kollege legt einen Gesteinsbrocken in eine Mörsermühle. Das Steinmehl kommt in einen Röntgenapparat. Die Strahlenreflexe geben Aufschluss darüber, woraus der Stein besteht. Daraus lassen sich wiederum Rückschlüsse auf den Gehalt an Kohlenwasserstoffen ziehen.

Als Nächstes geht es um Erdöl

Ob die Arbeit der Wissenschaftler in Hannover dazu beiträgt, die Bedenken gegen Fracking auszuräumen? Zuletzt sind die Schiefergas-Befürworter mächtig in die Defensive geraten. Jüngster Höhepunkt war die Warnung der Brauer, Fracking-Zusätze könnten das Wasser und damit das deutsche Bier verunreinigen. Aus Sicht mancher Wissenschaftler war das pure Polemik; in der PR-Schlacht um die neue Fördermethode jedoch ein Volltreffer.

Ladage sieht die Sache anders. "Ich denke, dass die Brauer einfach tatsächlich besorgt sind." Dann zieht er noch ein Flugblatt zum Thema Schiefergas hervor. Links alle Pro-Argumente, rechts alle Gründe, die dagegen sprechen. Um jeden Preis wollen die Forscher den Eindruck vermeiden, voreingenommen zu sein.

Das letzte Wort ist beim Fracking ohnehin noch nicht gesprochen. Ladages Projekt endet 2015, bis dann sollen endgültige Zahlen zu den Gasvorkommen vorliegen. Die Forscher wollen auch das Potenzial eines weiteren Energieträgers abschätzen, der durch Fracking gehoben werden könnte: deutsches Schieferöl. Neuer Zündstoff ist damit programmiert - ob es die Wissenschaftler wollen oder nicht.

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