Montag, 21. Oktober 2019

Fridays For Future und Klimaschutz Schule schwänzen für das Klima - weil wir es verbockt haben

Fridays for Future: Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg hat den Anstoß für die Klimademos gegeben

Dass sich eine Generation über die andere beklagt ist nichts Neues, Vergleichbares hat es in der Menschheitsgeschichte schon immer gegeben. Vermutlich haben sich schon in der Steinzeit die jüngeren Höhlenmaler über die spießigen und vermufften Arbeiten ihrer Altvorderen lustig gemacht. Die letzten großen Protestbewegungen unserer Zeit waren die Studentenrevolten der 68er und der grünen Umwelt- und Anti-Atomkraft-Aktivisten. Seither war über die jüngere Generation eher die Klage zu hören, sie sei politisch indifferent, nicht engagiert und im Wesentlichen auf sich selbst bezogen

Lass das mal den Profi machen - Wachtposten erwachen aus dem Tiefschlaf

Umso überraschender muss es für einige sein, dass diese politisch angeblich so Uninteressierten plötzlich für das große Thema Klimaschutz auf die Straße gehen, sich organisieren und das Ganze auch noch nachhaltig angehen. Auch von Drohungen mit schulischen Sanktionen ´lassen sie sich nicht bremsen.

Zuerst wird also das politische Desinteresse und dann das politische Engagement beklagt? Die Reaktion von FDP-Chef Christian Lindner war exemplarisch für die Einstellung zahlreicher Politiker aber auch anderer Angehöriger der älteren Generationen: Die jungen Leute sollten doch gefälligst erstmal zur Schule gehen und ordentlich lernen. Bei so komplizierten Fragen wie dem Klimaschutz mit seinen schwierigen ökologischen und ökonomischen Kontexten könnten sie noch gar nicht mitreden. Das sollten sie den "Profis" überlassen.

Diese Reaktion ist entlarvend. So reagiert jemand, der gerade wie ein Wachtposten im Tiefschlaf ertappt wurde und jetzt lautstark Alarm schlägt. Nur leider aus den falschen Gründen. Denn nun beklagt er die Aufgeregtheit und plötzliche Hektik derjenigen, die seinen Tiefschlaf kritisieren, weil sie sich und ihre Zukunft in Gefahr sehen - zu Recht.

Es geht Lindner und den anderen Kritikern der Freitagsdemonstrationen also vor allem darum, von eigenen Versäumnissen abzulenken.

Eine Bewegung mit Fernwirkung - unsere Generation hat es verbockt

Ulrich Goldschmidt
  • Copyright: Gerhard Blank
    Gerhard Blank
    Ulrich Goldschmidt ist Vorstands-vorsitzender des Verbands für Fach- und Führungskräfte (DFK) in Essen. Der Jurist ist Spezialist für Führungsfragen, Vergütung und Corporate Governance. Außerdem ist er Ansprechpartner für die Sprecherausschüsse der Leitenden Angestellten sowie Berater und Coach für Vorstände und Aufsichtsratsmitglieder.

Natürlich können die Schülerinnen und Schüler keine "Profis" in Sachen Klimawandel und Klimaschutz sein. Das behaupten sie auch gar nicht. Sie legen kein Maßnahmenpaket vor, das Politik und Wirtschaft nur noch umsetzen müssten. Mit guten Gründen können sie jedoch geltend machen, dass sie diesen sogenannten Profis in Politik und Wirtschaft nicht mehr vertrauen, wenn es um Klimaschutz geht.

Um es deutlich zu sagen: Unsere Generation hat es in den letzten Jahrzehnten verbockt. Und zwar so richtig schlimm verbockt.

Warum sollten die jungen Menschen glauben, wir könnten es jetzt auch ohne ihre Ermahnungen richten? Warum sollten sie darauf vertrauen, dass ihre Fridays-For-Future-Demos überflüssig seien, weil wir schon an den richtigen Lösungen arbeiten würden? Dieses Vertrauen haben wir verspielt. Und wir sind dabei, die Zukunft der jungen Menschen auf diesem Planeten zu verspielen.

Die Menschen, die wir heute auf den Freitagsdemonstrationen sehen, erinnern mich stark an die Menschen, die vor Jahren in Leipzig bei den Montagsdemonstrationen mit dem Ruf "Wir sind das Volk" mutig auf die Straße gegangen sind. Und wir alle erinnern uns daran, was für eine machtvolle Bewegung daraus geworden ist. Die Politiker, die den Freitagsdemonstranten ihr Recht streitig machen wollen, sollten daran denken, dass diese Schülerinnen und Schüler bald wählen dürfen und sich daran erinnern werden, wie man auf ihr Anliegen reagiert hat. Ihre Bewegung hat Fernwirkung.

Politisches Engagement muss unbequem sein

Es ist also alles andere als klug, den Jugendlichen die Schulpflicht entgegen zu halten oder ihnen fehlende professionelle Expertise vorzuwerfen. Wer von jungen Menschen politisches und gesellschaftliches Engagement einfordert, muss damit leben, dass es unbequem werden könnte. Und genau das ist der Grund, warum diese Demonstrationen oder Klimastreiks nicht am Sonntagnachmittag als gemütlicher Verdauungsspaziergang nach dem Mittagessen stattfinden, sondern eben am Freitag, wenn sie für Unmut und Aufregung sorgen.

Die Vernachlässigung des Klimawandels hat jeden Unmut und jede Aufregung verdient. Da braucht es keine angepassten, obrigkeitsgläubigen, pflegeleichten und stromlinienförmig designten Mitglieder parteilicher Jugendorganisationen, wie sie wohl Christian Lindner im Sinn hatte. Dazu bedarf es einer Gallionsfigur wie der schwedischen Schülerin Greta Thunberg und eines großen Themas, hinter dem sich Hunderttausende Schülerinnen und Schüler weltweit versammeln können. Der Klimawandel und die eigene lebenswerte Zukunft sind solche Themen

Der Markt wird es nicht richten

Zu den klassischen Verteidigungsmechanismen in diesem Streit gehört auch, dass den jungen Menschen nicht nur hinreichende naturwissenschaftliche Kenntnisse abgesprochen werden, sondern ihnen auch mangelndes ökonomisches Verständnis unterstellt wird. Wenn nicht gerade die Schulpflicht als Schutzschild hochgefahren wird, ist es der Satz: "Der Markt wird es richten." Das ist schlicht und ergreifend töricht, denn für die Gesetze der Physik, für die Gesetze der Natur ist der Markt komplett irrelevant.

Da helfen auch Erläuterungen unseres Bundeswirtschaftsministers Peter Altmeier nicht weiter, der allen Ernstes behauptet: "Klimaschutz funktioniert nur, wenn er den Wohlstand nicht gefährdet." Das Gegenteil dürfte richtig sein. Ohne einen wirksamen Klimaschutz, der den Klimawandel bändigt, wird die junge Generation keinen Wohlstand mehr erleben. Wollen wir, die älteren Generationen, dafür wirklich die Verantwortung übernehmen?

Der Satz von Peter Altmeier macht ungefähr so viel Sinn, wie einem schmelzenden Eisberg zu erklären, er möge erstmal die grundlegenden Werke von Adam Smith und den anderen Ökonomen lesen, bevor er sich zum weiteren Abschmelzen entschließt. Die Natur ist an Marktgesetzen nicht interessiert. Und kein wohlstandsorientiertes Parteiprogramm und kein noch so imposantes Bruttoinlandsprodukt werden die Polkappen davon überzeugen, nicht abzuschmelzen und die im Eis gespeicherten Unmengen an CO2 nicht freizusetzen.

Für diese Erkenntnis bedarf es keines abgeschlossenen Studiums. Die Schülerinnen und Schüler dürfen sich aber dadurch bestärkt fühlen, dass sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz inzwischen mehr als 23.000 Wissenschaftler als "Scientists For Future" ihren Protesten angeschlossen haben.

Es geht um Verantwortung, nicht ums Schule schwänzen

Von daher ist es im höchsten Maße unfair, aber eben auch verdächtig, wenn den jungen Menschen unterstellt wird, die Umwelt und das Klima seien ihnen egal, denn eigentlich gehe es ihnen doch nur darum, die Schule zu schwänzen. Mal abgesehen davon, dass wir früher wesentlich komfortablere Wege zum Schwänzen des Unterrichts gefunden haben, als bei Regen und Kälte auf eine Demo gegen den Klimawandel zu gehen, ist der Vorwurf auch nachweisbar falsch. Einer Untersuchung der Universität Konstanz zufolge sehen tatsächlich nur rund 10 Prozent der teilnehmenden Schüler die Freitagsdemos als gute Gelegenheit, nicht zu Schule zu gehen. Gleichzeitig sind 95 Prozent von dem Wunsch angetrieben, etwas Wichtiges für die Zukunft bewegen zu wollen. 83 Prozent würden sogar Sanktionen seitens der Schule (Tadel, Nachsitzen, Eintrag ins Zeugnis etc.) akzeptieren.

Wer angesichts dessen noch immer von Schulpflicht und Profis faselt, um die Fridays For Future zu verhindern, bestärkt damit nur die jungen Leute. Es ist für sie nicht einmal im Ansatz zu erkennen, dass Politik und Wirtschaft sich um ihre Zukunft sorgen und Gefahren für diese Zukunft beseitigen wollen. Wenn Politiker nur Verteidigungskämpfe führen, statt die Zeit zur Problemlösung zu nutzen, manifestiert sich für die Schülerinnen und Schüler darin der Mangel an Verantwortung. Die Alten stellen sich ihrer Verantwortung nicht, sondern setzen an ihre Stelle Schulpflicht, nach der Maxime Befehl und Gehorsam. Wir sollten zusehen, dass wir es nicht ein zweites Mal verbocken.

Ulrich Goldschmidt ist Vorstandsvorsitzender des Berufsverbandes "Die Führungskräfte" (DFK) und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung