Chancengerechtigkeit Darf noch jemand gegen die Frauenquote argumentieren?

Von Florian Schilling
Wer in einem politisch korrekten Umfeld gegen Quoten argumentiert, sieht sich oft als genereller Gegner von Frauen in Spitzenpositionen abgestempelt. Dagegen wehrt sich Personalberater Florian Schilling - und antwortet auf einen Debattenbeitrag von Ex-Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger.
Männer-Brücke für Frauen: Politisch andere Meinungen unterdrückt?

Männer-Brücke für Frauen: Politisch andere Meinungen unterdrückt?

Foto: Corbis

Hamburg - Über Sinn und Unsinn von Quoten für Aufsichtsräte streiten die Experten. Personalberater Florian Schilling hat sich im Interview mit manager magazin online dagegen ausgesprochen. Im aktuellen manager magazin kontert Ex-Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger. Nun antwortet Schilling auf Sattelbergers Replik und fragt sich unter anderem, ob die Quotenbefürworter auch in ein Flugzeug mit quotal besetztem Cockpit einsteigen würden.

Thomas Sattelberger fordert in seiner Kolumne unter der Überschrift "Kompetenz statt Stallgeruch" mehr Quereinsteiger in Vorstand und Aufsichtsrat. Dabei gelingen ihm in einem kurzen Nebensatz gleich zwei ebenso interessante wie unzutreffende Unterstellungen: ich wolle mit subtilen Spitzen gegen Frauen in Aufsichtsräten nur das diskrete Wohlwollen der Gestrigen gewinnen. Anlass ist wohl das Interview in der Online-Ausgabe des manager magazins zu Fragen der Unternehmensaufsicht.

Darin wird eindeutig für umfassendes Geschäftsverständnis und fundiertes Urteilsvermögen als wesentliche Qualifikationskriterien für Aufsichtsräte plädiert. Sattelberger könnte das nur dann als Spitze gegen Frauen in Aufsichtsräten missverstehen, wenn er Zweifel hätte, dass Frauen diese Voraussetzungen erfüllen können.

Auch ob man mit der Forderung nach fachlicher Kompetenz das "Wohlwollen der Gestrigen" gewinnen könnte, darf bezweifelt werden. Erfahrungsgemäß haben Verteidiger traditioneller Netzwerke meist wenig Sympathie für die Forderung nach kompetenten, unabhängigen Aufsichtsratsmitgliedern.

Man könnte Diskussion damit auf sich beruhen lassen, wenn Sattelberger nicht der gleichen Fehlauffassung unterläge, an der auch die öffentliche Debatte über Aufsichtsräte krankt: Er sieht offenbar nur die quotale Besetzung von Aufsichtsräten als Alternative zu den bestehenden "Old Boys Networks". Das ist ungefähr so, als ob man Magersucht als Alternative zur Fettleibigkeit darstellte.

Traditionelles Bild der Aufsichtsratstätigkeit

Sattelbergers Äußerungen liegt, vermutlich ungewollt, ein sehr traditionelles Bild der Aufsichtsratstätigkeit zu Grunde. Früher spielte in vielen Honoratiorengremien die Qualifikation der einzelnen Mitglieder tatsächlich keine signifikante Rolle, weil die Aufsichtsfunktion fast alleine vom Vorsitzenden wahrgenommen wurde. Da konnte man sich problemlos mit klangvollen Namen schmücken, von denen sowieso keine aktive Mitwirkung erwartet wurde. Ähnliches wird jetzt offenbar für fachfremde Quereinsteiger unterstellt, die demnach ebenfalls kein spezifisches Geschäftsverständnis benötigen.

Gute Aufsichtsgremien arbeiten heute sehr viel intensiver und arbeitsteiliger. Fast jedes Mitglied übernimmt in Ausschüssen eine eigenständige Verantwortung, für deren erfolgreiche Wahrnehmung es umfassenden Geschäftsverständnisses und intensiver Vorbereitung bedarf. Da reicht es eben nicht mehr, ein paar originelle Fragen zu stellen, auf die die "alte Garde" bisher noch nicht selbst gekommen ist, sondern man muss wissen, wovon man redet, wenn man mehr als schmückendes Beiwerk sein will.

Wer bei Aufsichtsräten so großzügig mit Qualifikationskriterien umgeht, muss sich fragen lassen, ob er bereit wäre, dieses Prinzip auch in anderen Bereichen zu akzeptieren?

So könnte man eine interessante Parallele zwischen dem Anteil von Frauen in Aufsichtsräten und in Flugzeugcockpits ziehen. Ursprünglich war der Pilotenberuf, ähnlich wie die Aufsichtsratstätigkeit, eine rein männliche Domäne. Seitdem hat sich, ganz ohne Quote, eine ständig wachsende Zahl von Frauen erfolgreich dem harten Auswahlprozess unterworfen und die Pilotenausbildung absolviert.

Sollen auch Chirurgen nicht nach Kompetenz angestellt werden?

Auch hier hätte man früher die Anzahl weiblicher Flugkapitäne als völlig unzureichend kritisieren können, um daraus die Forderung abzuleiten, dass den konservativen Fluggesellschaften offenbar mit einer staatlich verordneten Frauenquote auf die Sprünge geholfen werden müsste.

Es wäre dann interessant zu sehen, ob Quotenbefürworter wie Herr Sattelberger oder Frau von der Leyen bereit wären, in ein Flugzeug zu steigen, dessen Kapitän nicht nach Erfahrung und nachgewiesener Kompetenz, sondern nach quotalen Faktoren ausgewählt wurde.

Ähnlich gering dürfte die Bereitschaft sein, sich unter das Messer eines Chirurgen zu begeben, der als Quereinsteiger seine Position der Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe und nicht seiner Expertise als Chirurg verdankt.

Wer darauf einwendet, dass das nicht vergleichbar sei, weil für Flugkapitäne und Chirurgen besondere fachliche Qualifikationen notwendig sind, auf die man bei Aufsichtsräten verzichten kann, offenbart damit eine erstaunliche Ignoranz der heutigen Anforderungen professioneller Unternehmensaufsicht.

Wer in einem politisch korrekten Umfeld heute noch gegen Quoten argumentiert, sieht sich mit einer gewissen Zwangsläufigkeit als genereller Gegner von Frauen in Spitzenpositionen abgestempelt. Deswegen sei die Bemerkung erlaubt, dass die kleine Partnerschaft, der der Verfasser angehört, in den vergangenen Jahren an rund einem Drittel der externen weiblichen Berufungen in Dax-Vorstände mitgewirkt hat. Das wird die zahlreichen Gesinnungsethiker vermutlich nicht besänftigen, überzeugt aber vielleicht den einen oder anderen verantwortlich Handelnden.

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