Dienstag, 2. Juni 2020

Euro-Corona-Paket vor dem Aus  Euro-Gruppen-Chef Mário Centeno - der falsche Mann?

Will zurück zur Zentralbank: Portugals Finanzminister und Euro-Gruppen-Chef Mário Centeno

In einer Situation, wie sie die Euro-Gruppe gerade erlebt, mit endlosen Verhandlungen, die auch nach mehreren Tagen noch nicht zu einem Ergebnis gekommen sind, wird vor allem eines benötigt: ein starker Moderator und Diskussionsleiter, der in der Lage ist, Widersacher einander näher zu bringen und Kompromisse herbeizuführen. Ein erfahrener Diplomat womöglich, im Idealfall ein Vollblutpolitiker.

Diplomat und Vollblutpolitiker, das ist Mário Centeno gerade nicht. Als Chef der Euro-Gruppe versucht der 53-jährige Portugiese seit Wochen, die Finanzminister aller Mitgliedstaaten zu einem gemeinsamen, milliardenschweren Corona-Krisenpaket zu bewegen - bislang vergeblich. Am Mittwochmorgen scheiterte ein weiterer Versuch, einen Kompromiss zu finden, "nach 16 Stunden Diskussionen", wie Centeno auf Twitter mitteilte. Nun soll am Donnerstag weiter debattiert werden. Ob sich die nach wie vor querliegenden Italiener und Niederländer dann umstimmen lassen, wird auch vom Euro-Gruppen-Chef abhängen, der die Video-Sitzung erneut leiten soll.

Man kann sich gut vorstellen, dass Centeno diesen Termin kaum herbeisehnen dürfte. Das liegt nicht nur daran, dass er im Grunde bereits so etwas wie eine "lame duck" ist, ein Politiker auf Abruf: Ende vergangenen Jahres wurde bekannt, dass Centeno keine zweite Amtszeit an der Spitze der Euro-Gruppe anstrebt. In wenigen Monaten wird er also seinen Hut nehmen, nach lediglich zweieinhalb Jahren im Amt. Zum Vergleich: Vorgänger Jeroen Dijsselbloem aus den Niederlanden hatte den Posten fünf Jahre inne und hätte womöglich auch noch weitergemacht, wäre seine Partei nicht aus der Regierung seines Landes ausgeschieden. Beim Luxemburger Jean-Claude Juncker währte die Zeit an der Spitze der Euro-Gruppe zuvor sogar acht Jahre.

Ist Centeno also bereits amtsmüde? Ohnehin wirkt der Mann mit dem vollen grauen Haar ein wenig, als sei er nie richtig angekommen auf der politischen Bühne Europas. Kein Wunder: Centeno ist eigentlich kein Politiker. Erst Ende 2015 kam er erstmals als Abgeordneter ins portugiesische Parlament. Da hatte er bereits eine Laufbahn als Ökonom hinter sich, die ihn bis in die Führungsränge der Zentralbank Portugals gebracht hatte.

Centeno war 2000 in der Wirtschafts- und Forschungsabteilung der Bank von Portugal gestartet, im Gepäck einen Abschluss in angewandter Mathematik der Hochschule ISEG in Lissabon sowie eine Promotion in Wirtschaftswissenschaften an der US-Eliteuniversität Harvard. Seit 2014 ist er Sonderberater der Bank, und auch nach Abschluss seiner politischen Karriere will er Berichten zufolge dorthin zurückkehren.

Centenos Zeit in der Politik war zwar kurz, aber ereignisreich: 2015 wurde er Finanzminister Portugals, im Januar 2018 Chef der Euro-Gruppe.

Auf diesem Posten gibt es allerdings schon seit Längerem Kritik an seiner Arbeit. Hinter vorgehaltener Hand werde Centenos Führungsstil bemängelt, berichtete beispielsweise das "Handelsblatt". Der Portugiese bereite die Sitzungen der Euro-Gruppe nicht gut genug vor, anders als etwa sein Vorgänger Dijsselbloem.

So habe der niederländische Finanzminister die wichtigsten Entscheider unter seinen Kollegen vor bedeutenden Treffen häufig bereits persönlich aufgesucht, um Absprachen zu treffen und Kompromisse vorzubereiten. So systematisch gehe Centeno nicht vor, zitierte die Zeitung dessen Kritiker.

Die lasche Arbeitsweise könnte Centeno auf den letzten Metern seines Weges in Brüssel nun zum Verhängnis werden. In der Öffentlichkeit wirkt der Portugiese wie eine traurige Figur: der Verhandlungsleiter, dem es trotz aller Bemühungen nicht gelingt, eine Einigung herbeizuführen, und der letztlich das Debakel, welches ein Scheitern der Corona-Rettungsbemühungen auf Euro-Ebene bedeuten würde, womöglich nicht verhindern kann. Immer wieder hatte Centeno in jüngster Zeit die große Bedeutung dieses Projektes beteuert, verbunden allerdings meist mit der Zuversicht, eine Einigung stehe kurz bevor.

Der Hintergrund zu seiner Person, seiner Arbeitsweise und seinen geringen politischen Ambitionen für die Zukunft legt allerdings eine Vermutung nahe: Sollte das Corona-Paket der Euro-Gruppe tatsächlich nicht zustande kommen, so könnte es auch am Fehlen eines starken Moderators und Verhandlungsführers gelegen haben. Dann war Mário Centeno womöglich der falsche Mann an der Spitze der Euro-Gruppe.

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