Samstag, 30. Mai 2020

Neues Angebot Estland verkauft digitale Staatsbürgerschaft für 50 Euro

Estlands Hauptstadt Tallinn: Eine Reise wert - man kann dort bald aber auch residieren, ohne jemals hinzufahren

Für Ausländer wird es bald sehr einfach, sich in der EU niederzulassen - virtuell zumindest. Estlands Parlament hat die "E-Residency" beschlossen. Mit der digitalen Identität will der Kleinstaat die Zahl seiner Bürger verzehnfachen und vor allem Firmen aus dem Silicon Valley locken.

Hamburg - Es ist eine Weltpremiere. Zum Jahresende führt Estland die "E-Residency" ein, hat das Parlament der baltischen Republik am Dienstag mit großer Mehrheit beschlossen. Menschen aus aller Welt können sich dann einen estnischen elektronischen Personalausweis besorgen - ab Ende 2015 auch, ohne das Land jemals zu betreten, berichtet das "Wall Street Journal" (€).

Das Dokument kostet einmalig 50 Euro und enthält nach der Abgabe einiger persönlicher sowie biometrischer Daten wie Fingerabdruck oder Iris-Scan eine vom Staat beglaubigte digitale Unterschrift. Vor allem verschafft es Zugang zu Diensten wie Bankgeschäften in dem Kleinstaat oder der Gründung eines estnischen Unternehmens - das dann zur pauschalen Einkommensteuer von 21 Prozent die Vorzüge des EU-Binnenmarkts genießt.

Das Herkunftsland von Skype und Transferwise rühmt sich als "E-State", als Vorreiterland der digitalen Transformation. Bankgeschäfte, Steuererklärungen und selbst Wahlen werden überwiegend online abgewickelt. In der Hauptstadt Tallinn residiert die EU-Agentur für IT-Systeme, die für sicheren Datenaustausch innerhalb Europas sorgen soll.

Ein neuer Weg für Geldwäsche

Mit nur 1,3 Millionen Einwohnern zählt Estland zu den bevölkerungsärmsten EU-Staaten. Laut einem auf ZDNet wiedergegebenen Bericht von "Estonia Uncovered" sieht der Regierungsplan allerdings bis zu 10 Millionen E-Residents bis zum Jahr 2025 vor. Die Zahl der Unternehmen solle sich von heute 80.000 verdoppeln.

Die Verantwortlichen zeigen sich in dem Bericht durchaus bewusst, dass sie auch einen neuen Weg für Geldwäsche und andere Kriminalität schaffen. Nachbarland Lettland steht immer wieder unter dem Verdacht, zunehmend als Fluchtburg für russisches Schwarzgeld genutzt zu werden.

"Kriminelle wird es immer geben", zitiert "Estonia Uncovered" den estnischen Bankmanager Andres Kitter von der LHV Pank. Doch "diese Leute werden ja nicht hier leben, sondern die estnische E-Identität nutzen, um in der Europäischen Union zu investieren und Geschäfte zu machen, während sie anderswo leben". Der Staat verleihe den E-Residents nur ein Privileg, das er ihnen im Missbrauchsfall auch wieder entziehen könne, keine vollen Staatsbürgerrechte.

Ex-Skype-Manager Sten Tamkivi hat dem Bericht zufolge im Silicon Valley bereits begeisterte Anhänger des neuen Modells gefunden. "Wenn die Startups ihr Geschäft nach Europa ausdehnen wollen, müssen sie nicht einmal mehr herüberfliegen, sondern nur zum estnischen Honorarkonsul gehen." Ein Großinvestor habe das Vorhaben als "freaking huge" geadelt.

Folgen Sie Arvid Kaiser auf Twitter

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung