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Wind, Sonne, Stroh: So krempelt Dänemark sein Energiesystem um

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Nordische Energiewende Wie Dänemark die Welt retten will

In Sachen Energiewende eilt Dänemark Deutschland weit voraus: Öl- und Gasheizungen sind verboten, Windturbinen erzeugen ein Drittel des Stroms. Sogar Industrie und Energieversorger ziehen mit. Was machen die Nordländer besser?

Laut klingt sie, die dänische Energierevolution - laut und so gar nicht abgestimmt. Holzpellets klackern ins Feuer, ein Motor brummt. Wenige Schritte weiter brüllen die Wärmetauscher einer solarthermischen Großanlage, und aus einem hinteren Winkel quietscht es fürchterlich im nagelneuen Fernwärmekraftwerk Gråsten bei Sønderborg, kurz hinter der Grenze.

Projektleiter Christian Eriksen ist bei all dem Lärm kaum zu verstehen. Gemütlich schlendert der Mittdreißiger mit sportlicher Kurzhaarfrisur in eine Nebenhalle. Er zeigt auf ein Förderband, aufgeständert und von rotem Stahl ummantelt. "Dort rollen im Winter auch noch Strohballen in den Kessel", ruft er und sieht sich in der Halle um. "Wir können hier 1500 Ballen lagern." Dann geht es zurück nach nebenan ins lärmende Energie-Orchester.

In dieser südjütländischen Kakophonie ist viel enthalten von dem, was die Energiewende Made in Denmark ausmacht. So wie dem örtlichen Wärmeversorger an der Flensburger Förde fast jede Energiequelle Recht ist, Erdgas zu ersetzen, so energisch treibt das ganze Land den Umstieg auf Effizienz und erneuerbare Energien voran. Und während Deutschland angesichts steigender Strompreise tief gespalten ist in der Energiepolitik, bringen die Dänen die Bedürfnisse der Industrie und den Klimaschutz vergleichsweise gut unter einen Hut.

In 37 Jahren soll mit Öl, Gas und Kohle ganz Schluss sein

Schon jetzt stammen knapp 50 Prozent des in Dänemark erzeugten Stroms aus erneuerbaren Energien, in Deutschland sind es 23. Allein die Windkraft steuert 30 Prozent bei (Deutschland: 8 Prozent). Bis zum Jahr 2020 sollen die Rotoren beim nördlichen Nachbarn jede zweite Kilowattstunde erzeugen.

Und bereits in 37 Jahren will Dänemark vollständig auf Kohle, Erdgas und Öl verzichten - in Kraftwerken, Heizungen und Autos. Das alles sieht der dänische Energiekonsens vom vergangenen Jahr vor, den das Parlament mit einer breiten Mehrheit verabschiedet hat.

Wie ernst es die Dänen meinen, zeigt sich daran, dass Bau und Erweiterung von Kohlekraftwerken nicht mehr erlaubt sind. Verboten sind seit diesem Jahr auch Öl- und Gasheizung in neuen Privathäusern. Bauherren haben die Wahl zwischen Fernwärme, Wärmepumpen und Holzpellets, oder sie entscheiden sich gleich für ein Passivhaus. Ab dem Jahr 2016 sind Öl- und Gasheizungen auch in bestehenden Gebäuden verboten, sofern sie in Gemeinden mit Fernwärmenetz stehen.

Derart radikale Maßnahmen wären in Deutschland kaum vorstellbar. Doch in Dänemark läuft manches anders in der Energiepolitik. Das hat nicht zuletzt mit der traditionell überragenden Rolle des Staates zu tun. Die Übertragungsnetze sowie der Großversorger Dong sind in seinen Händen, seit jeher erhebt Kopenhagen drastische Steuern auf Energie.

"Hohe Energiepreise sind gut für uns"

Das alles führt dazu, dass Strom, Gas und Benzin in kaum einem europäischen Land so teuer sind wie in Dänemark. Haushalte zahlen knapp 30 Cent pro Kilowattstunde Strom (Deutschland: etwa 28), auch Gewerbestrom ist mit hohen Steuern und Abgaben belastet.

Wer allerdings von Sønderborg weiter nach Osten fährt, lernt auch, wie die Dänen aus der Not eine Tugend gemacht haben. Grasbewachsene Hügel, Kühe, Pferde und das eine oder andere Windrad prägen den Landstrich. Kurz vor dem Städtchen Nordborg jedoch erhebt sich ein in dieser Idylle reichlich überdimensioniertes Bürohochhaus aus den 60-er Jahren. Dort hat die Firma Danfoss ihr Hauptquartier.

Hinter der Glasfassade herrscht gedämpfte Geschäftigkeit. Die Mitarbeiter tragen ordentliche Kostüme oder dunkle Anzüge mit Krawatte. Längst nicht jeder ist hier gleich mit jedem per Du - und überhaupt findet sich nicht viel vom weit verbreiteten Bild der doch so lockeren Dänen. Es geht ernsthaft und korrekt zu.

Deutschland als interessanter Markt für dänische Produkte

Kim Christensen ist ein bulliger, etwas untersetzter Manager mit festem Händedruck. Er empfängt Besucher in einem Konferenzraum, der ziemlich gut verkörpert, was Danfoss predigt: Effizienz. Mehr als zwei Menschen passen hier nicht wirklich rein. Der Chef der Heizsystem-Sparte lehnt sich über den Tisch, die blauen Augen funkeln. "Hohe Energiepreise", sagt er, "sind gut für uns".

Das ist nachvollziehbar, schließlich ist Danfoss so etwas wie das Konzern gewordene Prinzip des Energiesparens. Die Firma wurde einst berühmt, weil ihre Ingenieure das Heizkörper-Thermostat erfunden haben. Manche von Christensens Produkten lohnen sich erst, wenn Strom, Gas und Öl teuer sind. "Je höher der Preis ist, desto größer ist der Anreiz zu sparen."

Deutschland sei ein sehr interessanter Markt, findet Christensen und lacht. Aber auch in den USA und Asien dämmere den Leuten allmählich, dass sie sorgsamer mit den Ressourcen umgehen sollten. In China entwickelt Danfoss für Städte ganze Fernwärme-Systeme.

Windkraftbranche erwirtschaftet 3 Prozent des BIP

Der dänische Industrieverband sieht die hohen Energiepreise etwas weniger rosig und fordert in regelmäßigen Abständen ein "Lebewohl für die zerstörerischen Steuern". Er hat zuletzt auch darauf hingewiesen, dass dänische Betriebe industrielle Arbeitsplätze ins Ausland verlagern.

Auffällig dabei ist, dass sich der Zorn vor allem auf allgemeine Steuern, nicht aber auf die erneuerbaren Energien richtet. Dabei werden diese wie in Deutschland mit einer Einspeisevergütung über eine Umlage auf den Strompreis gefördert. Allerdings lag diese zuletzt unter 2 Cent pro Kilowattstunde (Deutschland 5,3 Cent, Tendenz steigend) und wird von niedrigen Börsenstrom-Preisen spürbar gemildert.

Ein Grund: Anders als Deutschland hat Dänemark mit seiner Förderpolitik nie solche Traumrenditen ermöglicht, die einen unkontrollierten Megaboom etwa von Solaranlagen nach sich zogen. Und nicht zuletzt sind die Bedingungen für Windenergie in Dänemark sehr gut.

Die Geografie bietet Vorteile

"Die Dänen haben es aufgrund ihrer geografischen Voraussetzungen etwas einfacher", sagt Energieexperte Jörg Heidenreich vom international agierenden Infrastruktur-Investor Recap. Und wenn der Wind nicht weht, steht meist genügend Strom aus norwegischen und schwedischen Wasserkraftwerken zur Verfügung.

Das alles lässt Risiken und Nachteile der Energiewende in den Hintergrund rücken - zugunsten der Chancen und Vorteile. Danfoss ist bei weitem nicht das einzige dänische Unternehmen, das von der vergleichsweise radikalen Energiepolitik profitiert. Allein die Windenergiebranche um Vestas  und Siemens  behauptet von sich, mehr als 3 Prozent zur gesamten dänischen Wirtschaftsleistung beizutragen - vornehmlich über Exporte.

Aber auch vor der eigenen Küste ist gerade ein weiterer Offshore-Windpark ans Netz gegangen. Die 400-Megawatt-Anlage bei der Skagerrak-Insel Anholt erzeugt 4 Prozent des dänischen Stroms und versorgt 400.000 Haushalte.

Mitbetreiber ist der staatliche Energieversorger Dong, in dessen Portfolio die Windenergie längst die wichtigste Rolle spielt. Zwar leidet das Unternehmen ähnlich wie Eon und RWE in Deutschland unter sinkenden Großhandelspreisen für Elektrizität, doch das starke Windgeschäft dämpft die Probleme. Und so kann Dong verschmerzen, dass der Anteil von Strom aus den alten großen Kohlekraftwerken stetig sinkt.

Gestritten wird vor den politischen Entscheidungen - nicht hinterher

"Dong ist bei der Windenergie viel weiter als die deutschen Versorger", sagt Heidenreich. "Dong kommt jetzt zugute, dass das Unternehmen einen Großteil der dänischen Windkraftanlagen selbst besitzt."

Dagegen hätten Eon, RWE und Co. regenerative Energien zu lange bekämpft anstatt sie ernst zu nehmen, sagt Heidenreich. "Die deutschen Versorger hätten sich einen großen Teil des Marktes sichern können, doch sie haben zu spät reagiert."

Tatsächlich bauten die deutschen Energieriesen sogar störanfällige Windräder, um zu zeigen, "dass es eben nicht geht", wie von einem RWE-Manager überliefert ist. Das alles wirkt nach und erklärt zum Teil, weshalb sich große Teile der Industrie in Deutschland nie mit der Idee von grünem Strom anfreunden konnte, sondern ihn eher als Bedrohung ansehen. Und es erklärt vielleicht auch manche Überförderung erneuerbarer Energien als gezielte Gegenreaktion, die die unwilligen Versorger schwächen sollte.

Erneuerbare Energien und Fernwärme als DNA der Industrie

Dagegen ist in Dänemark kaum zu übersehen, wie sich die Ziele von großen Teilen der Wirtschaft inzwischen mit denen der politisch gewollten Energiewende decken. Insbesondere Fernwärme auf Basis erneuerbarer Energien sowie die Windkraft gehören inzwischen zur industriellen DNA des Landes, gegen die sich niemand mehr ernsthaft auflehnt.

In sieben Ausschüssen sei Danfoss vertreten gewesen, als in Kopenhagen der neue, radikale Energieplan entwickelt wurde, sagt Manager Christensen stolz. Auch die Energiewirtschaft gestaltete das Konzept aktiv mit, so dass es hinterher einen echten Konsens und kaum Gezerre mehr gab. Hilfreich ist zudem, dass es in Dänemark keinen Streit mehr über die Atomenergie gibt, seit die Bürger diese Form der Stromerzeugung in den 80er-Jahren per Volksentscheid ablehnten.

Außen vor fühlen sich in Dänemark indes zusehends Bürger, die ihren Strom selbst produzieren wollen. Neue Gesetze haben einen zwischenzeitlichen Mini-Solarboom beendet sowie den Bau von Bürgerwindparks und Kleinwindanlagen erschwert. Die großen Unternehmen und die Regierung machten die Energiewende unter sich aus, kritisieren Vertreter dieser Branchen. Die dänische Energiewende, so scheint es, ist eine Energiewende von oben.

Das zeigt sich auch in der Region Sønderburg. Sie hat sich ein besonders ambitioniertes Ziel gesetzt. Schon bis zum Jahr 2029 will der Landstrich kein Kohlendioxid mehr freisetzen - das soll mithilfe von Fernwärme, Wind und Effizienz klappen. Es ist dies keine Idee von milde belächelten Öko-Enthusiasten. Zu den tragenden Unterstützern des Projekts zählen die Firmen Danfoss und Dong.

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