Dienstag, 20. August 2019

Schwache Netze Stromkrise bedroht E-Auto-Boom in Schweden

Wie hier in Stockholm tanken immer mehr Elektroautos Strom in schwedischen Städten. Doch auch andere Verbraucher fragen mehr Energie nach. Die Kapazität der erneuerungsbedürftigen Stromnetze ist beschränkt.
Bloomberg via Getty Images
Wie hier in Stockholm tanken immer mehr Elektroautos Strom in schwedischen Städten. Doch auch andere Verbraucher fragen mehr Energie nach. Die Kapazität der erneuerungsbedürftigen Stromnetze ist beschränkt.

Schweden will 2045 Null-Emissions-Land sein. Erheblich dazu betragen sollen Millionen neue Elektroautos, die kein CO2 mehr in die Luft pusten. Doch in den wachsenden Städten ist das Stromnetz zu schwach und veraltet, konkurrieren neue Verbraucher mit dem Bedarf der E-Autos. Verkehrswende und Klimaziele sind in Gefahr. Doch es gibt eine verblüffend einfache Lösung, behaupten Experten.

Geht es darum, ein Land möglichst schnell klimaneutral zu gestalten, gilt Schweden nicht wenigen als Vorbild. Zuletzt zog Munich-Re-Chef Joachim Wenning das skandinavische Land heran, um seiner Forderung nach einer horrenden Verteuerung von CO2-Emissionen Nachdruck zu verleihen. Schweden hat sich zum Ziel gesetzt, im Jahr 2045 kein Kohlenstoffdioxid mehr in die Luft zu pusten

Um dieses Ziel zu erreichen, müsste die größte Volkswirtschaft in der nordischen Region die Emissionen durch den Verkehr drastisch senken und nach Berechnungen von Power Circle, ein Interessenverband der schwedischen Energiewirtschaft, bis Ende nächsten Jahrzehnts 2,5 Millionen Elektroautos und Plug-In-Hybride zusätzlich auf die Straße bringen.

Ende Mai waren in Schweden 83.240 Elektroautos und Plug-In-Hybride registriert. Auch getrieben durch das neue Model 3 von Tesla und erhöhte Kaufanreize der Regierung zogen die Verkäufe in den ersten fünf Monaten um 250 Prozent an. Bis zum Ende des Jahres prognostizieren Experten rund 110.000 zugelassene elektrisch betriebene Autos auf Schwedens Straßen.

Es könnte aber schwierig werden das erklärte Ziel zu erreichen. Der beginnende Elektroautoboom könnte womöglich sogar bald abreißen. Denn die Stromnachfrage insbesondere in Großstädten übersteige mittlerweile die Kapazität der Netze, berichtet der Finanzdienst Bloomberg. Notwendige Ladestationen für Elektroautos konkurrierten dabei mit anderen Verbrauchern, wie neuen Wohnkomplexen oder U-Bahnen, die ebenfalls ans Netz angeschlossen werden müssen.

Während Schweden im vergangenen Jahr noch mehr als 10 Prozent seiner Stromerzeugung exportierte, tut sich das alternde Netz offenbar schwer damit, die Ware Strom dorthin zu transportieren, wo sie am dringendsten benötigt wird. Der Bau neuer Versorgungsleitungen mit ausreichend Kapazität könne bis zu zehn Jahre in Anspruch nehmen.

Wie mehr Elektroautos das Problem entschärfen könnten

Auf längere Sicht ist das ein Problem: Nach Einschätzung des regionalen schwedischen Stromversorgers Ellevio AB werde deshalb Stockholm zum Beispiel seinen Stromverbrauch voraussichtlich bis zum Jahr 2030 nicht wesentlich steigern können - eine Perspektive, die im Ergebnis den Klimaschutzbemühungen der schwedischen Regierung geradewegs zuwiderläuft.

Damit der Boom bei Elektrofahrzeugen nicht abreißt und trotz fehlender Kapazität beherrschbar bleibt, schlägt Power Circle vor, dass die Fahrzeughalter Anreize bekommen, während der Stoßzeiten am Morgen und am Nachmittag keinen Strom zu laden. Im Gegenteil sollen sie wenn nötig dann sogar Strom ins lokale Netz abgeben, um Spitzenlasten auszugleichen.

Der Verband ist dabei überzeugt: Wenn in Zukunft genügend Elektroautos angeschlossen sind und bereit seien, ihre Batterien mit dem Stromnetz zu teilen, würden mehr Elektrofahrzeuge das Kapazitätsproblem sogar verringern, anstatt es zu verschärfen.

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