EEG-Umlage Jammern auf hohem Niveau

Zum Jahreswechsel steigt die Ökostrom-Umlage erneut - um einen knappen Cent. Doch die Chancen stehen gut, dass Unternehmen und Haushalte kaum etwas davon spüren werden. In den kommenden Jahren könnte es sogar Entlastung an der Stromfront geben.
Kompliziertes System: Die Ökostrom-Zulage steigt, der Strompreis in vielen Fällen nicht

Kompliziertes System: Die Ökostrom-Zulage steigt, der Strompreis in vielen Fällen nicht

Foto: Marcus Brandt/ picture alliance / dpa

Hamburg - Auf die Energiewende ist in der deutschen Wirtschaft kaum noch jemand gut zu sprechen. Hatten zunächst noch viele Manager und Unternehmer Verständnis, als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei der Atomkraft den Stecker zog, dominiert inzwischen die Wut über hohe Preise, die vor allem aus dem teuren Boom der Solarenergie resultieren.

Nun steigt die Umlage für Ökostrom erneut, und es ist wenig überraschend, dass der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) das zum Anlass nimmt, erneut nach einer "radikalen" Reform zu rufen. "Bereits jetzt kostet die EEG-Umlage jeden Tag 56 Millionen Euro, davon trägt die Wirtschaft fast 30 Millionen Euro", sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber.

Trotz aller Aufregung wird die nun gestiegene Umlage die Stromverbraucher allerdings weit weniger kosten, als es auf den ersten Blick erscheint. Denn die Ökostromschwemme verteuert nicht nur die Umlage, sondern senkt gleichzeitig den Strompreis an der Börse.

Einige Anbieter könnten Preise sogar senken

In Zahlen: Die Ökostromumlage steigt 2014 um 0,96 Cent pro Kilowattstunde. Derweil sinken die Strom-Beschaffungskosten um 0,57 bis 1,97 Cent, wie das unter anderem für die vier Übertragungsnetzbetreiber tätige Beratungsunternehmen Energy Brainpool ermittelt hat. Die Beschaffungspreise für 2014 lassen sich relativ sicher eingrenzen, weil die Verträge in der Regel weit im Voraus geschlossen werden. Wie viel sich genau sparen lasse, hänge von der Einkaufstrategie ab. Als typischen Wert nennt das Beratungsunternehmen 0,63 Cent.

Aus diesem Grund dürfte die EEG-Umlage bei weitem nicht in voller Höhe an die Kunden weitergereicht werden. "Im Schnitt entstehen den Stromanbietern unterm Strich Zusatzbelastungen von gut 0,3 Cent pro Kilowattstunde", heißt es bei Energy Brainpool. Reichen sie diese an die Stromkunden weiter, steigt der Strompreis für Haushaltskunden von derzeit etwa 27,5 auf 27,8 Cent pro Kilowattstunde, also um 1,2 Prozent, das ist weniger als die Inflation.

Doch damit nicht genug. "Durch einen Wechsel in eine risikofreudigere Beschaffungsstrategie ließe sich der Anstieg der EEG-Umlage vollständig kompensieren. Dem Energieversorger könnte sich sogar Spielraum für Preisnachlässe eröffnen", heißt es bei Energy Brainpool. Versorger, die den Strom kurzfristig an der Börse kaufen, sparen besonders viel.

So weit die Theorie. In der Praxis zeichnet sich bereits ab, dass zumindest einige Anbieter den Strompreis trotz steigender EEG-Umlage im kommenden Jahr nicht erhöhen wollen.

Große Stromanbieter: Der Preis soll nicht steigen

"Wir können die Steigerung der EEG-Umlage voraussichtlich durch gesunkene Beschaffungspreise für Strom kompensieren", sagt ein Sprecher des Hamburger Ökostromanbieters Lichtblick gegenüber manager magazin online. Nun hänge es von anderen Abgaben ab, ob der Preis steigt. "Wenn die übrigen Umlagen nicht unerwartet stark steigen, bestehen durchaus Chancen, dass der Preis im neuen Jahr konstant bleibt", so der Unternehmenssprecher.

Ähnliche Signale gibt es auch von großen Anbietern. So will der Karlsruher Energieversorger EnBW  die niedrigeren Großhandelspreise an seine Kunden weitergeben und so dem Anstieg der staatlichen Umlagen entgegenwirken. "Die Preise für Haushaltsstrom bleiben für die große Mehrzahl der EnBW-Kunden voraussichtlich bis weit ins Jahr 2014 stabil", hieß es am Dienstag in einer EnBW-Mitteilung.

Die Konkurrenten RWE  und Vattenfall  wollen sich noch nicht so weit aus dem Fenster lehnen. "Wir werden uns in aller Ruhe anschauen, wie sich sämtliche Faktoren entwickeln und dann schauen, ob es Auswirkungen auf den Endkundenpreis gibt", sagt ein RWE Sprecher gegenüber manager magazin online. Auch Vattenfall will die Sache erst ausführlich prüfen, wie es in der Konzernzentrale heißt. Einfach weiterreichen werde das Unternehmen die Umlage aber nicht.

Unsicherheitsfaktor Netzentgelte

Ein Unsicherheitsfaktor sind noch die Netzentgelte, die zum Jahreswechsel ebenfalls steigen sollen. Die Übertragungsnetzbetreiber wollen den Wert in Kürze bekannt geben. Branchenexperten gehen davon aus, dass die Entgelte nicht so stark steigen wie zuletzt befürchtet. War zuletzt noch von 10 bis 20 Prozent Erhöhung die Rede, sprechen Kenner nun von 6 bis 10 Prozent. Versorger EWE aus Oldenburg senkt die Gebühren in seinem Stromnetz für Haushaltskunden zum Jahreswechsel sogar um 10 Prozent - der Netzausbau im Zuge der Energiewende sei weniger kostspielig als erwartet.

Das Strompreis-Vergleichsportal Verivox hatte noch in der vergangenen Woche erwartet, dass die Strompreise im kommenden Jahr um 7 Prozent steigen dürften. Niedrigere Steigerungen bei den Netzentgelten und mögliche Preisrückgänge bei der Strombeschaffung waren in dieser Zahl aber nicht enthalten, wie ein Sprecher bestätigt. Am wahrscheinlichsten sind Strompreiserhöhungen seinen Angaben zufolge im Grundversorgungs-Tarif. Wer wechsele, komme womöglich ohne Zusatzbelastung davon.

Für die kommenden Jahre könnte es noch weitere Entlastungen an der Stromfront geben. So ist es durchaus möglich, dass die EEG-Umlage im Jahr 2015 wieder sinkt. Ein Grund dafür ist, dass die derzeit hohe Umlage stark dazu dient, die Defizite der Vergangenheit auszugleichen.

Offshore-Wind als Kostentreiber, Solarenergie als Billigheimer

Das so genannte EEG-Konto ist noch immer tief im Minus, weil die Umlage 2012 angesichts des damals starken Zubaus von Solaranlagen viel zu niedrig bemessen war. Ohne diese Tilgung von Altschulden (0,58 Cent pro Kilowattstunde) und einen Sicherheitspuffer (0,51 Cent) läge die Umlage schon heute nur bei 5,15 statt 6,24 Cent pro Kilowattstunde, wie die Übertragungsnetzbetreiber berechnet haben.

Die Extra-Aufschläge entfalten inzwischen die gewünschte Wirkung. Schon am Ende dieses Jahres könnte das EEG-Konto wieder im grünen Bereich sein - falls es nicht wochenlang stark stürmt und die Kosten für Windstrom in die Höhe schnellen.

Dämpfend wirkt künftig zudem, dass der Zubau neuer Ökostrom-Anlagen weit weniger kostet, als noch vor ein paar Jahren. Das wird schon daran deutlich, dass neue Solaranlagen die Umlage im kommenden Jahr um ganze 0,08 Cent pro Kilowattstunde verteuern (8 Prozent des Anstiegs), obwohl die Übertragungsnetzbetreiber erneut damit rechnen, dass Kollektoren von einer Gesamtleistung in Höhe von vier Gigawatt zugebaut werden; das ist die Leistung von etwa drei Atomkraftwerken. Hintergrund sind stark gesunkene Solarstrom-Vergütungssätze und der zunehmende Eigenverbrauch, der gar nicht über die Umlage abgegolten wird.

Kein Grund, auf Reformen zu verzichten

Die neuen Preistreiber beim Ökostrom sind dagegen Offshore-Windkraftanlagen. Sie stehen schon für 20 Prozent der Umlagen-Steigerung für 2014. Ob und wie stark die Ökostrom-Belastungen in den kommenden Jahren steigen, hängt vor allem vom Ausbau dieser Technologie ab.

Unterm Strich dürfte die EEG-Umlage in den kommenden Jahren aber auch ohne Reformen eher sinken als steigen. Das Freiburger Öko-Institut rechnet mit einem Rückgang von jeweils 0,1 Cent pro Kilowattstunde in den kommenden beiden Jahren.

So sehr die Wirtschaft diese Atempause bei den Kosten begrüßen dürfte - das Jammern über das anhaltend hohe Niveau dürfte weiterhin zu vernehmen sein. Deutsche Firmen, die nicht von der EEG-Umlage befreit sind, zahlen laut BDI die zweithöchsten Strompreis ein Europa.

Zudem bleiben jenseits der Kostenproblematik zahlreiche Widersprüche und Fehlentwicklungen der Energiewende. Die neue Regierungskoalition hat in Sachen Energie in jedem Fall ein paar harte Nüsse zu knacken. Sie muss beispielsweise einen Markt für Back-up-Kraftwerke schaffen und Anreize setzen, dass Ökostrom-Anlagen an den richtigen Orten gebaut werden. Da drohen harte Kämpfe mit zahlreichen Lobbyverbänden. So gesehen mag es eine erfreuliche Aussicht sein, dass die EEG-Umlage vergleichsweise leicht in den Griff zu bekommen sein dürfte.

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