Montag, 16. September 2019

Alternative zum Nationaltheater Demokratisiert die Globalisierung!

Nationen können die Probleme des 21. Jahrhunderts nicht mehr alleine lösen. Wir brauchen neue Formen von überstaatlicher Staatlichkeit - als Alternative zum großen Nationaltheater.

Staatliche Ordnung ist dazu da, gesellschaftliche Konflikte zu lösen und öffentliche Güter bereitzustellen (siehe Teil 3 dieser Miniserie). In einer Welt grenzüberschreitender Konflikte und internationaler öffentlicher Güter bedarf es folglich Formen einer überstaatlichen Staatlichkeit. Diese Formulierung mag paradox klingen. Aber das ist sie nicht.

Der Nationalstaat erlebte seine Blüte im 19. Jahrhundert, als die großräumigeren Strukturen der Wirtschaft größere Marktgebiete, mehr öffentliche Güter, insbesondere stärkere Investitionen in Wissen (Humankapital) und Vertrauen (Sozialkapital), erforderten. Dieses Modell weiterzuentwickeln für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts, ist keine visionäre Utopie, sondern eine Notwendigkeit. Es ist die Alternative zum großen Nationaltheater, in dem wieder und wieder derselbe Refrain zu hören ist: Abschottung und Abgrenzung.

Buchtipp

Henrik Müller
Nationaltheater:
Wie falsche Patrioten unseren Wohlstand bedrohen.

Campus Verlag; Februar 2017; 224 Seiten; 19,95 Euro

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Nationen sind keine Inseln. Sie stehen in einer Vielzahl von Wechselbeziehungen mit dem jeweiligen Rest der Welt: Handelsströme überwinden Grenzen und Kontinente, weil Fähigkeiten und natürliche Gegebenheiten nicht gleichmäßig über die Fläche verteilt sind, sondern verschiedene Länder und Regionen aus ihren jeweiligen Spezialitäten Vorteile ziehen.

Ersparnisse werden nicht nur im eigenen Land investiert, sondern überall dort angelegt, wo sie Rendite bei annehmbarem Risiko versprechen. Nicht alle Menschen wollen oder können ihr Leben an dem Ort verbringen, an dem sie geboren wurden, sondern suchen anderswo Entfaltungsmöglichkeiten. Ideen, Informationen, Wissen, Kultur und Unterhaltung sind nicht ortsgebunden, sie schwirren um den Globus.

Verstehen sich Nationen als geschlossene Verbände, die am liebsten für sich sein möchten, entgeht ihnen eine Menge. Mehr noch: Sie tragen kaum zum Wohlergehen anderer bei; womöglich schädigen sie sogar den Rest der Welt.

Einerseits verfügt die Organisation des Nationalstaats über eindeutige Vorteile. Solange sich Gesellschaften als Nationen verstehen, wäre es absurd - und zutiefst illiberal -, alles Nationale abschaffen und durch eine globale (oder europäische) Superbürokratie ersetzen zu wollen. Andererseits beeinflussen Nationalstaaten einander, im Guten wie im Schlechten. Als Ordnungsprinzip für die Welt des 21. Jahrhunderts ist der Nationalstaat deshalb nur noch bedingt tauglich. Ziel sollte es vielmehr sein, ein abgestuftes System von demokratisch legitimierten überstaatlichen Institutionen zu schaffen, denen wiederum überstaatliche Öffentlichkeiten gegenüberstehen. Es geht um nichts weniger als um die Demokratisierung der Globalisierung. Ansätze dazu gibt es einige.

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