Mittwoch, 26. Juni 2019

Alternative zum Nationaltheater Demokratisiert die Globalisierung!

4. Teil: Die Sache mit der Identität

Dazu bedarf es keiner Weltregierung. Es wäre schon viel gewonnen, wenn internationale Exekutivgremien durch legislative Teile ergänzt würden: Parlamente, parlamentarische Ausschüsse, Planungszellen, spezialisierte Polit-Schöffen und dergleichen mehr - Formen, auch neue, in denen sich Bürger repräsentiert sehen. Dadurch würden Institutionen mit größerer Legitimation ausgestattet, gewissermaßen mit einem eigenen parlamentarischen Arm.

Karneval der Kulturen in Berlin.

Die Sache mit der Identität

Der neonationale Zeitgeist behauptet, die nationale Identität sei das Maß aller Dinge. Nur das starke Zugehörigkeitsgefühl zu einer Nation könne Solidarität schaffen, Gesellschaften zusammenhalten, Gerechtigkeit herstellen, Staatlichkeit und Demokratie legitimieren. Die notwendige Schlussfolgerung lautet: Alles muss sich dem nationalen Prinzip unterordnen. Doch Identität ist kein Konzept, das einer scharfen Abgrenzung bedürfte.

Es kann viele Facetten annehmen: Geschlecht, Familie, Schicht, sexuelle Orientierung, Generation, Region, Dialekt, Beruf, Religion, Nation, Europa … - Identitäten haben diverse Schichten. Wir können uns als Deutsche fühlen, als Ostfriesen, als Mittelschichtsbürger, als Ingenieurin der Generation X und und und. Warum nicht auch als Europäer, Westler, Weltbürger? In Gesellschaften, die heute zu einem großen Teil aus Bürgern bestehen, die selbst Migranten oder Kinder von Migranten sind, passen scharfe nationale Identitätsgrenzen entlang ethnisch definierter Linien gar nicht mehr ins Bild.

Wir sollten uns vor falschen Alternativen hüten. Wir brauchen uns nicht zu entscheiden zwischen der Nation und postnationalem Internationalismus, zwischen Nationalstaatlichkeit und internationalisierten Formen von Souveränität, zwischen Globalisierung und staatlicher Regulierung.

Statt ideologische Fundamentalpositionen auszutauschen, sollte es um die pragmatische Weiterentwicklung der bestehenden Ordnung gehen, mit dem Ziel, möglichst vielen Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen, ganz gleich, wo sie leben. Und zwar keineswegs aus Altruismus oder falsch verstandenem Gutmenschentum, sondern weil es in unserem eigenen langfristigen Interesse liegt.


Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem gerade erschienenen Buch "Nationaltheater" (Campus Verlag, 19,95 Euro) von Henrik Müller ("Müllers Memo"). Darin sucht Müller Antworten auf drei Fragenkomplexe:

  • Warum ausgerechnet jetzt? Warum erstarkt gerade jetzt das nationale Moment und stellt die Globalisierung infrage?
  • Warum gibt es überhaupt Nationalstaaten? Wie sind sie einst entstanden? Welches sind ihre ökonomischen Funktionen? Warum erscheinen sie uns heute als natürliche Ordnung der Welt?
  • Gibt es Alternativen zum Nationalstaat? Wie ließen sich die großen überstaatlichen Probleme lösen? Welche Gegenentwürfe sind denkbar?

Bereits erschienen sind: Politik verkommt zum Nationaltheater, Stresstest für die Demokratieund Falsche Patrioten und ihre Versprechen .

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