Mittwoch, 8. April 2020

Schwächen in Gesundheitssystem und Arbeitsrecht Warum Covid-19 die USA besonders hart treffen könnte

Risikofaktor Covid-19: Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom musste wegen der Virusausbreitung bereits den Notstand ausrufen - die USA insgesamt gelten ebenfalls als schlecht gewappnet.
Foto: Rich Pedroncelli /AP / dpa
Risikofaktor Covid-19: Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom musste wegen der Virusausbreitung bereits den Notstand ausrufen - die USA insgesamt gelten ebenfalls als schlecht gewappnet.

Wie viele Menschen in den USA hat Danjale Williams Angst vor dem Coronavirus. Doch die 22-jährige Barkeeperin aus Washington fürchtet nicht nur die Ansteckung, sondern auch die Behandlungskosten. Denn wie 27,5 Millionen andere US-Bürger auch ist Williams nicht krankenversichert. Dies ist einer der Gründe, warum in den USA eine schnelle Ausbreitung des Virus zu befürchten ist.


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"Ich würde sicher zwei Mal nachdenken, bevor ich zum Arzt gehe, denn die Arztrechnungen sind irre hoch", sagt sie. "Wenn es wirklich so weit kommt, dann habe ich nicht genug Ersparnisse, um mich behandeln zu lassen."

Das Virus breitet sich gerade vor allem an der Westküste der USA aus, am Wochenende starben im Bundesstaat Washington die ersten beiden Patienten an der Lungenkrankheit Covid-19. Bis Mittwoch waren es landesweit schon elf Todesopfer vornehmlich im Seniorenalter. Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom rief nach dem ersten Todesfall in dem bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat den Notstand aus. Der US-Kongress brachte ein Milliardenpaket zur Bekämpfung der Epidemie auf den Weg. Die US-Notenbank Fed senkte gar überraschend ihren Leitzins, um sich abzeichnenden Auswirkungen der Virusausbreitung auf die Wirtschaft entgegenzuwirken.

Generell sind Industrienationen weit besser für Seuchen gewappnet als Entwicklungsländer, in denen es nur wenige und schlecht ausgerüstete Krankenhäuser gibt. Gesundheitsexperten warnen jedoch vor einem erhöhten Epidemie-Risiko in den USA.

Ein Grund dafür ist, dass ein großer und wachsender Teil der Bevölkerung - etwa 8,5 Prozent - keine Krankenversicherung hat. Außerdem leben elf Millionen Migranten ohne Aufenthaltserlaubnis im Land, die jeden Kontakt mit den Behörden meiden. Zudem gehen viele Menschen krank zur Arbeit - aus Angst, ihren Job zu verlieren. "Das alles kann die Ausbreitung des Virus steigern", sagt der Epidemiologe Brandon Brown von der University of California.

In den USA gibt es zwar einige der besten Krankenhäuser der Welt und hervorragende Ärzte. Doch diejenigen, die nicht über ihren Arbeitgeber versichert sind und auch nicht arm genug, um in den Genuss der staatlichen Versicherung zu kommen, fallen aus dem System. Für sie wird es schnell teuer: Eine Routineuntersuchung kann mehrere hundert Dollar kosten.

Laut Gesetz haben auch Unversicherte im Notfall ein Recht auf medizinische Versorgung. Das bedeutet aber nicht, dass sie im Nachhinein nicht doch dafür bezahlen müssen.

"Breitet sich das Virus weiter aus, wird uns das möglicherweise die Ungleichheiten beim Zugang zur medizinischen Versorgung deutlich machen", sagt Brian Garibaldi von der Johns-Hopkins-Klinik in Baltimore.

Als eine der wichtigsten Schutzmaßnahmen angesichts der Coronavirus-Epidemie empfiehlt die US-Gesundheitsbehörde CDC, auch bei leichten Symptomen einer Atemwegserkrankung zu Hause zu bleiben. "Aber viele Leute, die auf ihren Job angewiesen sind, können das nicht", sagt Epidemiologe Brown.

Die Vereinigten Staaten sind das einzige Industrieland der Welt, in dem es keine gesetzlich festgeschriebene Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt. Viele Firmen bezahlen acht Krankheitstage pro Jahr. Im Niedriglohnsektor bedeutet krank zu sein aber sehr oft, gar kein Geld zu verdienen.

Eine Umfrage des Personaldienstleistungsunternehmens Robert Half unter 2800 Arbeitnehmern im Oktober ergab, dass 33 Prozent immer zur Arbeit gehen, wenn sie krank sind. 57 Prozent gaben an, gelegentlich trotz Krankheit zu arbeiten.

In Zukunft könnte es eine Impfung gegen das Coronavirus geben. Fraglich ist aber, ob alle in den USA sich den Impfstoff dann auch leisten können. "Wir können den Preis nicht kontrollieren, weil wir den Privatsektor brauchen, um in die Forschung zu investieren", sagte US-Gesundheitsminister Alex Azar vergangene Woche im Kongress.

Ed Silverman, ein Kolumnist der Branchennachrichtenseite "Pharmalot", findet diese Aussage "ungeheuerlich". "Niemand sagt, dass Gewinne verboten sind", schrieb er. "Aber sollen wir Amerikaner am Coronavirus sterben lassen, weil die Impfung unerschwinglich ist?"

cr/afp

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