Montag, 30. März 2020

Furcht vor zweiter Corona-Welle Die Exit-Strategie für den Lockdown

Mobile Corona-Teststelle in Baden-Württemberg
Uwe Anspach / DPA
Mobile Corona-Teststelle in Baden-Württemberg

Wie lange soll diese wirtschaftliche Lähmung dauern? Diese Frage treibt jetzt viele Bürger und Unternehmen um. Und vor allem: Was bringt sie? Ist die Corona-Pandemie dann wirklich im Griff?

Am Dienstag hat das Londoner Imperial College eine neue Studie zu den Auswirkungen verschiedener Reaktionsmodelle veröffentlicht, die Aufsehen erregt. Sie kommt nicht von irgendjemandem: Der Epidemiologe Neil Ferguson, der das Team leitet, gilt als einflussreicher Berater der britischen Regierung, die bislang bewusst auf Herdenimmunität als Strategie setzte - also das Virus sich lieber ausbreiten zu lassen und den wirtschaftlichen Betrieb offenzuhalten. Nun ist Ferguson selbst an Covid-19 erkrankt.

Die Imperial-College-Studie markiert eine Kehrtwende. Aus mehreren Simulationen haben die Forscher die Erkenntnis gewonnen, dass an einem Lockdown wie in China oder einigen europäischen Ländern kein Weg mehr vorbeiführt - die Todesopfer einer schnellen Ausbreitung und die Gefahr eines Kollaps im Gesundheitssystem wären zu groß.

Dennoch steht die Strategie, alles dicht zu machen, in der Studie weiterhin nicht viel besser da: Die Forscher rechnen mit einer zweiten Welle im November/Dezember, nachdem die Sperren aufgehoben sind. Wenn sich zuvor isolierte Menschen nun wieder treffen und die meisten eben noch nicht immunisiert sind, hat das Virus freie Bahn. Sofern sich die Maßnahmen auf das Schließen von Schulen und Universitäten und allgemeines Social Distancing ohne eine generelle Quarantäne beschränken (ähnlich wie derzeit in Deutschland), wäre die zweite Welle sogar genauso schlimm wie der vermiedene Frühjahrs-Peak der ersten.

Genau diese Angst vor einer zweiten Welle, diesmal importiert aus Europa, geht derzeit in Asien um. China, das vor knapp zwei Monaten als erstes Land zum Lockdown griff und damit die Neuinfektionen auf zuletzt nur noch eine am Tag drückte, beginnt nun die Rückkehr zur Normalität. Andere Länder wie Singapur oder Taiwan, die eine Ausbreitung mit rigorosen Kontrollen frühzeitig verhinderten und daher bislang nie dichtmachen mussten, greifen jetzt auch härter durch.

Der frühere IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard fordert, sich auf einen Lockdown von "einem Jahr oder mehr" einzustellen - solange, bis eine Impfung verfügbar ist. Mag Dietmar Hopp als Haupteigner von Curevac, einer der am Impf-Rennen beteiligten Firmen, auch Optimismus versprühen: Noch 2020 auf einen Impfstoff zu hoffen, gilt als gewagt.

Die radikalen Maßnahmen in Europa sind zumeist bis Mitte April, teilweise auch kürzer, befristet. Sicherlich lassen sie sich noch um einige Wochen verlängern - aber eine ewige Starre wäre schwer durchzuhalten.

Weil er das Blanchard-Szenario nicht für gangbar hält, ruft der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum in einem Twitter-Thread nach einem "plausiblen Exit-Szenario". Die Zeit der geschlossenen Betriebe müsse genutzt werden, um sich auch ohne Impfung gegen die zweite Welle zu wappnen.

Dass dies gelingen könne, beruhe auf begründeter Hoffnung. Um die zu erfüllen, müssten die Staaten jetzt jedoch schnell handeln.

  • Neben der intensiven Forschung an Impfstoffen und heilenden Medikamenten zählen dazu auch
  • die massenhafte Beschaffung von Corona-Tests und die Einrichtung separater Testzentren, um Verdachtsfälle möglichst lückenlos zu erfassen
  • die systematische Dokumentation aller Kontakte der Infizierten und Isolation der Verdachtsfälle.
  • Um ganz sicher zu gehen, könnten die Staaten auch wie China während des Lockdowns neue Kontrolltechniken entwickeln

Eine solche "Test-Track-and-Trace"-Methode gilt als Rezept für den bisherigen Erfolg mancher asiatischer Staaten, die durch die Erfahrung mit der Sars-Epidemie 2002/2003 bereits auf eine Corona-Epidemie vorbereitet waren. Diese Option fehle in den pessimistischen Modellrechnungen des britischen Imperial College, monieren Chen Shen, Nassim Nicholas Taleb und Yaneer Bar-Yam vom New England Complex Systems Institute in einer schnellen Replik.

Und es gebe noch eine weitere Hoffnung: "Da Lockdowns zu exponentiell sinkenden Fallzahlen führen, könnte eine vergleichsweise kurze Zeitspanne ausreichen, um das Aussterben des Pathogens zu erreichen." Das allerdings ist mehr eine Hoffnung als eine Exit-Strategie.

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