Mittwoch, 27. Mai 2020

Corona und die Wirtschaft Tag der Arbeitslosigkeit

Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit: Auch in Deutschland wird die Arbeitslosigkeit durch die Corona-Krise in die Höhe gehen.

Zum 1. Mai: Die Corona-Krise kommt auf den Arbeitsmärkten an. Viele Gesellschaften durchleiden derzeit einen beispiellosen Verlust von Jobs. Auch Deutschland ist nicht immun.

Die üblichen Rituale fallen aus. Die roten Fahnen bleiben eingerollt, die Trillerpfeifen im Schrank. Stattdessen veranstaltet der Deutsche Gewerkschaftsbund am Freitag einen infektionsfreien Live-Stream. Der "Tag der Arbeit" dürfte dieses Jahr eine ziemlich traurige Veranstaltung werden.

Eine Woche steht bevor, in der die Statistiker ein Stück Klarheit darüber schaffen werden, wie es tatsächlich um die Wirtschaft steht. Nach Wochen der Shutdowns ist ein schauriges Panorama zu erwarten.

Beiderseits des Atlantiks werden neue Zahlen zur Schrumpfung der Wirtschaft im ersten Quartal 2020 veröffentlicht, für die USA am Mittwoch, für die Eurozone am Donnerstag. Derweil werden auch die Verheerungen auf den Arbeitsmärkten deutlich. In den USA wird die Arbeitslosenquote wohl auf mehr als 15 Prozent steigen (Donnerstag). Noch vor einigen Wochen herrschte in Amerika fast Vollbeschäftigung.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Am gleichen Tag legt die Bundesagentur für Arbeit auch hierzulande neue Daten vor. Dank umfangreicher staatlicher Stützungs- und Kurzarbeitsprogramme werden sie zwar nicht so dramatisch ausfallen wie die amerikanischen. Eine aktuelle Prognose des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sagt vorher, dass die Zahl der Erwerbstätigen in den kommenden Monaten um eine halbe Millionen sinken wird. Wie es danach weitergeht, ist unabsehbar. Es sei "derzeit nicht auszuschließen, dass sich die globale Rezession zu einer systemischen Krise auswächst. Dabei würden immense und langanhaltende Schäden in der Real- und Finanzwirtschaft entstehen", so die IAB-Forscher. Mit entsprechend schwerwiegenden Folgen für die Beschäftigung. (Achten Sie auch auf die Quartalsberichte vieler Großunternehmen in dieser Woche.)

Nach Jahren des deutschen Booms, in dessen Verlauf Millionen neuer Arbeitsplätze entstanden, schlägt pünktlich zum Tag der Arbeit die Erkenntnis durch, dass die sozialen Folgen der schwersten Rezession seit Generationen gravierend sein werden. Kurzfristig schrumpft das gesamte Arbeitsvolumen. Längerfristig sind tiefgreifende Verschiebungen in der Struktur der Beschäftigung zu erwarten.

Die Zukunft der Arbeit dürfte ziemlich anders aussehen als ihre unmittelbare Vergangenheit.

Frust, Zynismus und die Folgen

International das gleiche Bild: Selbst optimistische Prognosen - die davon ausgehen, dass die Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte wieder Fahrt aufnehmen wird - zeigen erhebliche Jobverluste in diesem Jahr an. So sagt der Internationale Währungsfonds (IWF) für diverse Länder einen drastischen Anstieg der Arbeitslosenquoten voraus.

Soziale Verwerfungen drohen insbesondere dort, wo die Wohlstandsniveaus niedrig und die sozialen Netze löchrig sind. Dies betrifft nicht nur Entwicklungsländer in Afrika und Schwellenländer wie Indien, wo der Jobverlust unter Shutdown-Bedingungen Hunger und Elend bedeuten kann. Auch innerhalb Europas werden einzelne Regionen deutlich härter betroffen sein als der Durchschnitt.

Während die IWF-Prognose für die Kernregionen des EU-Binnenmarkts, gerade für Deutschland, moderate Jobverluste kommen sieht, schnellt in den Randregionen die Zahl der Beschäftigungssuchenden rapide in die Höhe. Von Portugal und Irland bis nach Tschechien, Polen und Rumänien - die Quoten werden sich 2020 verdoppeln bis verdreifachen. In Spanien und Griechenland werden sie wieder auf über 20 Prozent steigen.

Nach der quälend langen Eurokrise hatten sich Europas Südstaaten gerade wieder halbwegs erholt. Nun kommt der nächste Schlag. Zum zweiten Mal binnen zehn Jahren erleben dort die Bürger im aktiven Alter, dass ihre Arbeitskraft nicht gebraucht wird und ihre Existenz unsicher ist. Unter solchen Bedingungen gedeihen Frust und Zynismus. Politische Systeme, die bislang schon fragil waren, drohen weiter abzudriften. Auch dagegen soll das voluminöse EU-Hilfspaket wirken, das immer noch nicht fertig gepackt ist.

Abermals sind vor allem die Notenbanken als Krisenfeuerwehr gefordert, nicht nur in der Eurozone, auch in den USA und in Japan; achten Sie auf die Entscheidungen der Zentralbank-Gouverneure in Tokio (Montag), Washington (Mittwoch) und Frankfurt (Donnerstag). Aber ihre Macht ist begrenzt: Sie können allenfalls den Totalabsturz der Konjunktur und der Finanzmärkte verhindern. Gegen die tiefgreifenden Veränderungen der Wirtschaftsstrukturen - und damit auch der Arbeitswelt - können sie wenig ausrichten.

Welche Art des Wandels wird die Corona-Krise anstoßen? Hier sind drei Hypothesen:

Weniger Industrie, weniger einfache Jobs

Erstens: Länder mit starker Industrie werden Industriejobs einbüßen - andere werden welche gewinnen. Die bisherige Globalisierung war auf die Gewissheit ausrechenbarer Rahmenbedingungen gebaut. Feingliederige Wertschöpfungsketten spannten sich über Grenzen und Kontinente hinweg. Die Corona-Krise und das ökonomisch-soziale Desaster, das sie nach sich zieht, zeigen jedoch, dass wir in einer unsicheren, unberechenbaren Welt leben. Diese Erfahrung wird dazu führen, dass die internationale Arbeitsteilung zurückgedreht wird. Unternehmen werden auf Diversifizierung ihrer Zulieferer setzen, Nationen auf die Diversifizierung ihres Branchenmix.

Offene Volkswirtschaften mit großen, wettbewerbsfähigen Industriesektoren geraten in ein schwierigeres Umfeld. So auch die Bundesrepublik: Hierzulande trug die Güterproduktion zuletzt immer noch 20 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Die Kunden jedoch sitzen überwiegend im Ausland, wie Deutschlands stattlicher Außenhandelsüberschuss zeigt. Doch Exportieren wird in der Post-Corona-Welt schwieriger. Entsprechend bedroht sind klassische Industriejobs. Spiegelbildlich entwickelt sich in diesem Szenario die Industriebeschäftigung in bisherigen Defizitländern, wie den USA und Großbritannien, die längerfristig einige Jobs gewinnen könnten - allerdings bei deutlich höheren Kosten und/oder schlechterer Qualität.

Zweitens, die Digitalisierung beschleunigt sich rapide. Bereits voriges Jahr haben wir an dieser Stelle zum Tag der Arbeit über die Digitalisierung und ihre Bedeutung für den Arbeitsmarkt diskutiert. Damals hatte gerade die OECD prophezeit, ein Fünftel aller Jobs in Deutschland sei bedroht, ein weiteres Drittel werde einem tiefgreifenden Wandel ausgesetzt sein. Der Grund für diese Beschäftigungsrevolution sei insbesondere die Automatisierung. Die Zahl der weltweit eingesetzten Roboter ist seit 2010 explosionsartig gewachsen. Dank immer größerer Rechnerkapazitäten sind diese Maschinen nun in der Lage, immer komplexere Tätigkeiten zu übernehmen.

Die Pandemie und die neuen zwischenmenschlichen Distanzgebote dürften diesen Trend beschleunigen: Anders als Menschen sind mit Künstlicher Intelligenz ausgestattete Roboter immun gegen Covid-19. Betroffen sind nicht nur Fabriken, sondern auch Callcenter, häufig in einkommensschwächeren Regionen gelegen, die nun das Rationalisierungspotenzial realisieren, das automatisierte Spracherkennungssysteme bieten.

Drittens, viele arbeitsintensive Dienstleistungen sind bedroht. Wenn es weniger Berufspendler, Geschäftsreisende und Touristen gibt, braucht es auch weniger Taxifahrer, Stewardessen und Hotelkräfte. Wenn weniger international gehandelt wird, braucht es weniger Trucker, Hafenarbeiter und Zugbegleiter. Regionalisierung und Digitalisierung mögen gut für die Umwelt sein, weil dadurch transportbedingte Emissionen vermieden werden. Viele Menschen mit niedrigen bis mittleren Qualifikationen jedoch werden ihre Jobs verlieren - Minijobber, Soloselbständige ohne Vermögenspolster, Zuwanderer in prekärer Beschäftigung, und zwar gerade in ärmeren Ländern und Regionen.

Zu tun gibt's genug

Zum Schluss etwas Hoffnungsvolles: Die pandemiebedingten Jobverluste bedeuten nicht unbedingt eine Rückkehr zu jener dauerhaften Massenarbeitslosigkeit, die Deutschland bis Mitte 2000er Jahre plagte. Denn parallel zur Corona-Krise und zu den resultierenden Verwerfungen kommt eine gegenläufige Entwicklung: Wegen der Alterung der Gesellschaft schrumpft das Arbeitskräfteangebot. Die geburtenstarken Jahrgänge verabschieden sich in den Ruhestand. Zugleich ist es fraglich, ob es künftig noch Zuwanderer im gewohnten Umfang auf den deutschen Arbeitsmarkt zieht.

In den 2020er Jahren wird Arbeitskräfteknappheit zum Dauerzustand, wie das seit dem vorigen Jahrzehnt bereits in Japan der Fall war. Auch wenn der Shutdown derzeit ein anderes Lebensgefühl vermitteln mag: Zu tun gibt es wahrlich genug.

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