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Philadelphia: Clintons Abschlussparty

Foto: NICHOLAS KAMM/ AFP

Clintons Abschlussrede auf dem Parteitag Hillary begeistert Demokraten

Da ist sie. "Ladies and gentlemen", ruft Chelsea Clinton, "meine Mutter!" Hillary Clinton erscheint, ganz in weiß. Minutenlang genießt sie den Jubel, schreitet winkend von einer Seite der Bühne zur anderen. Die Halle ist bis unter Dach gefüllt, 20.000 Menschen brüllen, weinen, schwenken US-Sternenbanner und "Hillary"-Schilder.

Schließlich fährt ein Rednerpodium aus dem Bühnenboden hoch. Clinton tritt dahinter und atmet tief durch.

"Amerika", ruft sie, "steht erneut am Scheideweg."

Ein etwas unwirklicher Moment

Eben noch war Clinton bei den Delegierten umstritten, jetzt plötzlich liegen sie ihr zu Füßen. Schnell geht das im US-Wahlkampf. So schnell, dass man schwer einschätzen kann, wie ernst solche Treueschwüre wirklich gemeint sind.

Aber alle in Philadelphia scheinen in diesem Moment begriffen zu haben, worum es geht: Das Land steht vor einer harten Schlacht. Trump gefährdet das Fundament der USA. Und Clinton muss es retten.

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Ihre Rede zum Abschluss dieses Parteitags soll die Skeptiker umgarnen, von Bernie-Sanders-Trotzköpfen bis zu unentschlossenen Moderaten. Sie soll nicht weniger, als diese 68-jährige Frau, die inzwischen länger in der amerikanischen Öffentlichkeit steht als sonst eine, neu erfinden.

"Manche Leute wissen einfach nicht, was sie von mir halten sollen", sagt sie und unterdrückt ihr typisches Kichern. "Also möchte ich es euch erklären."

Eine für alle

Es muss sie ermutigen, dass die Halle tobt. Dass die Protestler und Störer, wie sie es die ganze Woche gab, zwar auch diesmal weiter dazwischenrufen - doch von "Hillary! Hillary"- und "USA! USA!"-Sprechchören zum Schweigen gebracht werden.

Clinton verzieht keine Miene, sie kämpft sich eisern durch ihr Manuskript.

Es keine brillante Rede, wie sie Barack Obama am Vorabend gehalten hat. Es ist eine klassische Clinton-Rede: zähe Details, politische Wunschlisten, die jede Interessengruppe befriedigen - Frauen, Minderheiten, Gewerkschafter, Homosexuelle, Arbeiter, Behinderte, Soldaten, Veteranen. Clinton hakt alle demokratischen Schlüsselreize ab: Mindestlohn, Krankenversicherung, "unfaire Handelsabkommen", eine Verneigung an die Sanders-Fraktion.

"Schließt euch uns an!", ruft sie wieder und wieder, an all die Zweifler.

Doch es ist auch eine überraschend persönliche, streckenweise sogar humorvolle Rede. Clinton erzählt von ihrer harten Kindheit, von ihrem Einsatz für Kinder und Arme, von den Lehren jener Jahre: "Niemand schafft es alleine durchs Leben."

Clinton versus Trump

Die etwas pathetischen und nicht immer neuen Anekdoten zeichnen eine krasse Alternative zu ihrem Ego-Rivalen Donald Trump. Auf den geht sie los - mit allem, was sie hat.

Mit Franklin D. Roosevelts Satz, dass man nichts so sehr zu fürchten habe wie die Furcht selbst, stellt sie sich gegen den Geist von Trumps Hass-Wahlkampf.

Mit dem Hinweis, dass man im kaputten Zockerparadies Atlantic City Firmen finde, die alles verloren hätten, weil Trump seine Rechnungen nicht bezahlt habe, greift sie seine Unternehmergeschichte an.

Und sie attackiert seinen Charakter. "Hat Donald Trump das Temperament zum Oberkommandierenden?" Bei der kleinsten Provokation verliere er die Kontrolle. "Jemand, den man mit einem Tweet kitzeln kann, ist keiner, dem wir Nuklearwaffen anvertrauen können." Das Ende des Satzes geht im begeisterten Geschrei unter.

"Nein, Donald"

Denn Clinton weiß, dass die Sicherheitspolitik ein sensibler Punkt ihres eigenen Wahlkampfs ist. Trumps Vorwurf, die Demokraten würden sich nicht für den Kampf gegen den Terrorismus interessieren, zieht bei vielen Amerikanern. Also spricht sie das auch noch an. "Donald sagt - und das ist ein echtes Zitat: 'Ich weiß mehr über den Islamischen Staat als die Generäle.'"

Kunstpause. Dann: "Nein, Donald, das tust Du nicht."

Sie kann das sehr einfach so sagen: Eine Stunde vor ihr hat Vier-Sterne-General John Allen Trump zur Gefahr für die nationale Sicherheit erklärt.

Doch immer wieder kommt sie zurück zu sich selbst. Denn trotz der Jahrzehnte im Rampenlicht ist kaum eine Persönlichkeit Amerikas bis heute so unbekannt und so - absichtlich - missverstanden. Machthungrig, selbstlos, biestig, liebevoll, korrupt, ehrenwert, verlogen, ehrlich, zu links, zu rechts: Clinton ist ein Zerrbild, eine Kollektion von Klischees, auf das Freunde wie Feinde ihre eigenen Träume, Ängste und Verbitterungen projizieren.

"Meine Berufsbezeichnungen sagen euch nur, was ich getan habe", ruft sie. "Aber sie sagen euch nicht, warum."

Besser war die Stimmung nie

Das war die Hauptaufgabe dieses Parteitags: Vier Tage lang beschwörten die Redner "die Hillary, die ich kenne" - eine choreografierte Image-Kur, die sie zur Mutter Teresa blankschrubbte. Vier Tage lang zog die Partei eine Show ab, mit Politikern, Priestern, Polizisten, Aktivisten, Generälen und Megastars wie Meryl Streep und Katy Perry. Es war das perfekte Abbild ihrer Karriere zwischen Arkansas, zwischen Washington und Hollywood.

Den Rest jedoch muss sie nun selbst erledigen. Die Hillary, die ich bin: "To close the deal", sagen sie in Amerika dazu. Die Sache unter Dach und Fach bringen.

Am Ende schafft sie es, zumindest hier in der Halle. Die Stimmung ist so gut wie noch nie in ihrem Wahlkampf.

Die Frage ist, ob sich das übertragen lässt auf die kommenden Wochen und Monate, auf die es ankommt. Bei den Demokraten wird der Parteitag sicher eine gewisse Ent- und Geschlossenheit bewirken, selbst Sanders hat seinen versöhnenden Teil dazu beigetragen.

Aber ob das den Rest des Landes beeindruckt, ist fraglich. Dieser Wahlkampf dürfte noch viele Wendungen nehmen, dafür wird alleine schon Trump sorgen. Und je häufiger der es schafft, die traditionellen Regeln weiterhin außer Kraft zu setzen, desto schwieriger wird es Clinton haben.

Das wird auch sie ahnen, selbst in ihrem Moment des Triumphs.

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