Samstag, 25. Januar 2020

Regierung verurteilt Wutrede von Ex-Nissan-Chef Japan will Ghosn aus Libanon zurückholen. Aber wie?

Justizministerin Masako Mori
Kazuhiro Nogi/ AFP
Justizministerin Masako Mori

Die japanische Regierung hat die schweren Vorwürfe des geflohenen Auto-Managers Carlos Ghosn scharf zurückgewiesen. Diese Anschuldigungen seien "absolut untragbar", sagte Japans Justizministerin Masako Mori der englischsprachigen Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag. Der frühere Nissan-Chef habe "Unwahrheiten" über Japans Rechtssystem verbreitet. Dabei könne man seine Flucht vor einem Prozess schon allein als Verbrechen ansehen. Ein solches Verhalten würde in keinem Land geduldet.

Rund zehn Tage nach seiner spektakulären Flucht in den Libanon hatte sich Ghosn am Mittwoch mit scharfer Kritik an seinem früheren Arbeitgeber und den japanischen Strafverfolgern zu Wort gemeldet. Er warf Japan eine Verletzung grundlegender Menschenrechte vor. Er sei bis zu acht Stunden am Tag ohne Anwalt verhört worden, um ein Geständnis aus ihm herauszuholen. Die monatelange Untersuchungshaft sei völlig überzogen gewesen.

Japan will Ghosn aus dem Libanon zurückholen. Aber wie?

Mori betonte, Japan werde versuchen, einen Weg zu finden, Ghosn aus dem Libanon zurückzuholen, obwohl das Land kein Auslieferungsabkommen mit Japan hat. Wie das gelingen könnte, dazu äußerte sich die Ministerin nicht.

"Wenn der Angeklagte Ghosn etwas zu sagen hat, dann hoffe ich sehr, dass er alle Anstrengungen unternimmt, um seinen Fall in Japans faire Strafrechtsverfahren einzubringen, und dass er sich um Gerechtigkeit durch ein japanisches Gericht bemüht," betonte Mori.

Ghosn hingegen hatte am Vortag im Libanon erklärt, dass er geflohen sei, weil er nicht die geringste Chance auf ein faires Verfahren gesehen habe. Er sei aber bereit, sich im Libanon, Frankreich oder Brasilien, von denen kein Land ein Auslieferungsabkommen mit Japan hat, einem Gerichtsverfahren zu stellen. Ghosn besitzt alle drei Staatsangehörigkeiten.

Die internationale Aufmerksamkeit auf Japans Justizsystem kommt zu einer Zeit, während sich Mori darauf vorbereitet, im April den Kongress der Vereinten Nationen über Verbrechensverhütung und Strafgerichtsbarkeit zu veranstalten, der alle fünf Jahre stattfindet.


Lesen hier die Wutrede von Carlos Ghosn im Minutenprotokoll


Ghosn war nahezu zeitgleich mit seinem Sturz als Chef der Autobauer-Allianz Nissan/Renault im Herbst 2018 von japanischen Behörden festgesetzt und angeklagt worden. Er wird beschuldigt, Gelder schwarz kassiert, veruntreut und unterschlagen zu haben. Ghosn bestreitet jegliche Verfehlungen.

Er sieht sich als Opfer einer Verschwörung von Verantwortlichen bei Nissan und Behörden des Landes, auch um den Einfluss des französischen Autobauers Renault bei Nissan abzuschütteln. Aus dem Hausarrest entkam er Ende Dezember, angeblich mit dem Flugzeug eines türkischen Privatjet-Anbieters. Ghosn hat die libanesische, brasilianische und französische Staatsangehörigkeit.

rei mit Reuters

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