Samstag, 24. August 2019

Brexit bremst Briten Britische Wirtschaft schrumpft erstmals seit 2012

Brexit-Fan Boris Johnson: "Die EU kann mich mal"
Aaron Chown/AP
Brexit-Fan Boris Johnson: "Die EU kann mich mal"

Großbritannien gegen den Rest der Welt - oder zumindest Europa. Dieses Szenario befeuert Boris Johnson, gerade mal seit zwei Wochen im Amt des britischen Premierministers. Johnson hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union bis zum 31. Oktober zu beenden - notfalls auch ohne Scheidungsabkommen (Brexit ohne Deal). Doch während der geborene New Yorker sich kämpferisch und selbstsicher präsentiert, leidet vor allem eine: die britische Wirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte von April bis Juni zum Vorquartal überraschend um 0,2 Prozent und sank damit erstmals seit Ende 2012, wie die Statistikbehörde ONS am Freitag mitteilte.

Vor dem ursprünglich geplanten Austrittsdatum am 29. März hatten viele Unternehmen Lagerbestände aufgebaut, was zu einem Wachstum von 0,5 Prozent im ersten Quartal führte. Ökonomen rechneten danach mit einer Stagnation. Doch im zweiten Quartal wurden die Vorräte wieder abgebaut - das belastete die Wirtschaft. Das britische Pfund gab in Folge der Bekanntmachung zeitweise 0,4 Prozent nach.

Johnson: "EU can go whistle"

Schuld an der schrumpfenden Wirtschaft ist das Chaos um den Brexit und ein amtierender Premier, der den mit Brüssel ausgehandelten Vertrag noch einmal aufschnüren will. Das aber lehnt die Europäische Union ab. Streitthema Nummer 1 ist dabei der sogenannte Backstop. Diese Garantieklausel soll eine harte Grenze zwischen dem britischen Nordirland und der Republik Irland verhindern. Denn das könnte den alten Konflikt zwischen katholischen Befürwortern einer Vereinigung Irlands und protestantischen Loyalisten wieder schüren. Johnson hetzt, mahnt und polarisiert derweil weiter, die EU "can go whistle", sagte er einmal. Frei übersetzt: Die EU kann mich mal.

"Die politischen Unsicherheiten haben zuletzt zugenommen, da Johnson die 'harte Brexit-Rhetorik' verstärkt hat", sagte Kallum Pickering von der Berenberg Bank. Er schätzt die Wahrscheinlichkeit eines geordneten EU-Austritts nur noch auf 30 Prozent. Auch in Großbritannien gehen Volkswirte davon aus, dass Großbritannien unter einem "Brexit ohne Deal" deutlich stärker leiden wird als die EU: Großbritannien hat also deutlich mehr zu verlieren.

Pfund auf Talfahrt: Boris Johnson makes Britain great again - für Touristen

Und eine Erholung der britischen Wirtschaft ist nicht in Sicht: im laufenden dritten Quartal dürfte es weiter abwärts gehen, sagen Experten. Die hohe Unsicherheit dürfte laut Ökonomen vor allem die Investitionen belasten. IHS-Chefökonom Chris Williamson warnt zudem davor, vorzeitige Schlüsse zu ziehen. Man könne zwar Wachstum erkennen, das seien aber vielmehr falsche Gesundheitszahlen.

Derweil bereitet sich die britische Regierung weiter auf den Ausstieg aus der EU vor: weitere 2,1 Milliarden Pfund (2,3 Milliarden Euro) stellt sie für die Vorbereitung zur Verfügung. 1,1 Milliarden Pfund würden sofort freigegeben, eine weitere Milliarde stünde für den Fall bereit, dass weitere Finanzmittel benötigt würden, erklärte Finanzminister Sajid Javid am Mittwoch. Damit verdoppelt die Regierung das für dieses Jahr für die Brexit-Vorbereitungen vorgesehene Budget.

mit Material von reuters/ dpa

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