Bernie Ecclestone Formel meins

Grabenkämpfe und Egoismus im Fahrerlager behindern die Formel 1 nicht nur bei ihrer Expansion. Sondern sie lenken auch davon ab, dass die "Königsklasse" sportlich eine der besten Saisons aller Zeiten erlebt. Ein kritischer Einblick.
Von Xander Heijnen
Die Schattenseite von Bernie Ecclestone und seiner Rennserie: "Die Formel 1 hat ein gespaltenes Verhältnis zum Geld"

Die Schattenseite von Bernie Ecclestone und seiner Rennserie: "Die Formel 1 hat ein gespaltenes Verhältnis zum Geld"

Foto: REUTERS

Auf die Frage, was denn die beste Lektüre über die Formel 1 ist, habe ich mehr als einmal halb scherzend Macchiavellis "Der Fürst" oder Sunzis "Die Kunst des Krieges" genannt. Auch wenn diese Führungshandbücher Hunderte oder gar Tausende Jahre vor dem ersten Autorennen geschrieben wurden, sind sie unersetzlich, wenn man die sportlichen und geschäftlichen Kämpfe der modernen Formel 1 ergründen möchte. Mittlerweile bräuchte diese Literaturliste allerdings eine Ergänzung, nämlich Pikettys "Das Kapital im 21. Jahrhundert". Dieses Werk beschreibt, wie eine zunehmende Ungleichheit der Vermögensverteilung Demokratie und Wirtschaft bedroht - ein Thema, das auch die Formel 1 betrifft.

War es vor Jahren noch die ungleiche Einnahmenverteilung zwischen den Teams auf der einen und den F1-Gesellschaftern auf der anderen Seite, die viele irritierte, so ist dies seit dem drastisch erhöhten Gewinnanteil für die Teams kein Thema mehr. Die Rennställe haben nämlich zusammen in den vergangenen sechs Jahren mit 4,5 Milliarden US-Dollar Preisgeld mehr Geld aus der Formel 1 erhalten als CVC Capital Partners. Der Großaktionär der Rennserie kassierte im gleichen Zeitraum rund 4,4 Milliarden US-Dollar. Diese Balance war vor wenigen Jahren noch undenkbar.

Da der Verteilerschlüssel aber sehr stark zum Vorteil der drei größten und erfolgreichsten Teams ausgelegt wird, geht die Schere zwischen Arm und Reich auch in der Formel 1 immer weiter auseinander. Das Problem der Serie ist die wachsende finanzielle Ungleichheit zwischen den Top-Teams, dem Mittelfeld und den kleinsten Rennställen. Während ein kleines Team wie Caterham mit weniger als 90 Millionen Dollar auskommen muss, verfügen die großen Herstellerteams über das Vier- bis Fünffache. Dabei zeigt die Geschichte: Gerade bei den großen Teams wäre ein Sparprogramm angebracht.

Ständig Schreckensmeldungen

Wie ironisch ist es vor diesem Hintergrund, dass ursprünglich für 2010 eine Budgetobergrenze von 60 Millionen Dollar pro Team angestrebt und dann abgelehnt wurde und dass trotz der gefühlt wöchentlichen Schreckensmeldungen aus den Finanzabteilungen der kleineren Teams auch die für 2015 angestrebte Obergrenze von 200 Millionen Dollar von den großen Rennställen blockiert wurde.

Auch wenn diese Blockade zumindest aus sportlicher Sicht nachvollziehbar ist, müssen sich alle verantwortlichen Entscheider über die möglichen Folgen im Klaren sein. Serien-Promoter Bernie Ecclestone hat vor einigen Wochen erneut über die Folgen einer F1 ohne Sauber, Marussia und Caterham spekuliert: Die restlichen acht Teams müssten dann eben mit je drei Autos fahren. Zeitweise schien er dieses Szenario sogar zu präferieren, aber mittlerweile dürfte der Brite auch hier seine Bedenken haben.

Nicht nur für die Underdog-Teams und ihre Fans, sondern auch für viele Sponsoren wären dies nämlich brutale Aussichten. Manche würden so ihren Platz in der Formel 1 verlieren, andere müssten sich ganz neu aufstellen. Da die Mittelfeld-Teams nämlich plötzlich Letzter werden könnten, hätte dies eine immense Auswirkung auf die Wahrnehmung und somit die Positionierung der involvierten Marken.

Mehr Geld, weniger Fans

In einer solchen Krise könnte wie immer natürlich auch eine Chance stecken. So gibt es beispielsweise den Vorschlag, dass die dritten Fahrzeuge von kleinen Teams eingesetzt werden, womöglich sogar in ihren eigenen Farben. Sollte es also erlaubt werden, Fahrzeuge in verschiedenen Designs fahren zu lassen, würde dies neue kommerzielle Möglichkeiten schaffen. Die Sponsoren, die ein solches Modell unterstützen würden, könnten so eine größere Sichtbarkeit erlangen. Zudem dürfte es auch kleineren Sponsoren die Tür zur Formel 1 öffnen. Dennoch wäre dieses Szenario nicht nur negativ für das Image der Formel 1, es wäre ein Armutszeugnis.

Das Hauptproblem könnte aber etwas anderes sein. Die Sponsoren in der "Königsklasse", egal ob groß oder klein, wollen nämlich maximale Sichtbarkeit und viele Kundenbegegnungen. Und da kämpft die Formel 1 nach wie vor mit sich selbst. Sowohl bei den Einschaltquoten als auch bei den Zuschauerzahlen ist sie in vielen Ländern weit von den Erfolgszahlen der Vergangenheit entfernt.

Der Grund hierfür ist vor allem darin zu sehen, dass das F1-Establishment über Jahrzehnte die Maxime der Geldvermehrung über die Maxime der Fanvermehrung gestellt hat. Nach wie vor steigen zwar die Gesamteinnahmen der Formula One Group, aber Ecclestone und Co. fahren einen extrem riskanten Kurs. Wenn man sich weltweit immer mehr in Richtung Pay-TV bewegt, die Ticketpreise weiter steigen lässt und kaum etwas dafür tut, dass sich neue Generationen von Fans bilden, darf die Formel 1 sich nicht wundern, wenn sie irgendwann nirgendwo mehr ausverkaufte Tribünen hat.

Sie sehen: Die Formel 1 hat nach wie vor ein gespaltenes Verhältnis zum Geld. Das zeigen vielleicht auch die Tatsachen, dass ein Mittelfeldteam wie Lotus Schulden in neunstelliger Höhe hat und allein Bernie Ecclestones Kosten aus den jüngsten Gerichtsprozessen mehr als doppelt so hoch waren wie der aktuelle Jahresetat des Fußballbundesligisten SC Paderborn.

Großinvestoren im Fahrerlager

Trotz dieser irrsinnigen Verhältnisse gibt es gute Gründe dafür, ein Formel-1-Team besitzen zu wollen - wenn man es sich leisten kann. Denn im Verhältnis zu anderen globalen Sportarten sind die F1-Teams vergleichsweise günstig zu haben. Wenn dann eines Tages endlich eine vernünftige Einnahmen- und Kostenbalance gefunden wird, sitzt man als Teambesitzer auf einem außerordentlich wertvollen Asset.

Und so verwundert es nicht, dass immer wieder Großinvestoren aus Übersee im Fahrerlager gesichtet werden - sie warten einfach auf den perfekten Zeitpunkt für einen Einstieg. In dieser chaotischen Lage bräuchte der Sport mehr denn je einen starken Automobil-Weltverband (FIA). Dieser hat allerdings seine Machtposition gegenüber dem Vermarkter und den Teams geschwächt - im Tausch gegen eine Vervierfachung seiner Einnahmen sowie einiger Aktienoptionen.

Mag dieser finanzielle Opportunismus in der Debatte über Reglements, Budgets und Rennkalender bisweilen noch relativ folgenlos sein, so muss dennoch verhindert werden, dass sich die FIA sich in der Diskussion über verschärfte Sicherheitsbestimmungen nach dem Unfall von Jules Bianchi in die Enge treiben lässt. Jetzt ist mehr denn je eine starke Führung gefragt! Und mit dem Thema Führung sind wir wieder bei den drei am Anfang genannten Büchern. Eines haben nämlich alle gemeinsam: das Grundverständnis, dass man als Machtinhaber stets seine eigenen Interessen über die der anderen stellt. Die Formel Meins geht weiter.

Diesen Text veröffentlichten wir mit freundlicher Genehmigung von SPONSORs , dem Fachmagazin für Sport-Business.

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