Standort für zweite Zentrale So kann Amazon-Chef Bezos die US-Wahl beeinflussen

Philadelphia: Die US-Metropole steht auf der Shortlist für Amazons zweite Zentrale - und sie liegt in Pennsylvania, dem US-Staat, den US-Präsident Donald Trump 2016 mit besonders knapper Mehrheit gewann

Philadelphia: Die US-Metropole steht auf der Shortlist für Amazons zweite Zentrale - und sie liegt in Pennsylvania, dem US-Staat, den US-Präsident Donald Trump 2016 mit besonders knapper Mehrheit gewann

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Wo wird Amazon sein zweites Hauptquartier errichten, für das das Unternehmen seit einigen Monaten öffentlichkeitswirksam einen Standort sucht? Und welche Partei wird künftig den Präsidenten der Vereinigten Staaten stellen? Beide Fragen werden in den USA und darüber hinaus heiß diskutiert und haben auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun. Sie lassen sich jedoch auf bemerkenswerte Weise miteinander verknüpfen. Angestellt wird das Gedankenspiel ausgerechnet in einem Beitrag der "Washington Post ", jener Zeitung also, die sich im Besitz von Amazon-Gründer und Multimilliardär Jeff Bezos befindet.

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Ausgangspunkt der Überlegung ist die Tatsache, dass es einige Bundesstaaten in den USA gibt, in denen die politischen Lager gemessen an den Stimmenanteilen traditionell dicht beieinanderliegen, und in denen die Mehrheit daher in der Vergangenheit häufig wechselte (die sogenannten Swing States). Die Staaten Pennsylvania sowie Florida etwa konnte der aktuelle US-Präsident Donald Trump bei der Wahl 2016 nur mit knapper Mehrheit für sich entscheiden.

Sollte nun der Online-Konzern Amazon  beschließen, sein künftiges zweites Hauptquartier in einem dieser Staaten zu errichten, so spekuliert die "Washington Post", dann könnte dies dem demokratischen Lager möglicherweise zu den entscheidenden Stimmen verhelfen, die beim vergangenen Urnengang fehlten.

Hintergrund: Amazon hat vor einigen Monaten bekanntgegeben, zusätzlich zu jenem in Seattle ein neues, zweites Hauptquartier ("HQ2") bauen zu wollen. Gleichzeitig forderte der Konzern Städte in Nordamerika auf, sich als Standort zu bewerben. Nachdem Amazon zahlreiche Bewerbungen erhalten hatte, hat das Unternehmen vor wenigen Tagen eine Liste mit den 20 noch im Rennen befindlichen Top-Favoriten veröffentlicht. Spätestens seitdem laufen die Spekulation darüber auf Hochtouren, welche Stadt letztlich den Zuschlag erhalten wird. Zuletzt machte in US-Medien beispielsweise eine Einschätzung des Research-Unternehmens GBH Insight die Runde, wonach Atlanta in Georgia die größten Chancen haben soll .

Klar ist jedenfalls: Der Bürgermeister, der die zweite Amazon Zentrale in seine Stadt holt, kann sich wohl glücklich schätzen. Immerhin hat Amazon selbst angekündigt, dass der Bau nicht nur mit Investitionen von mehr als fünf Milliarden Dollar, sondern auch mit der Schaffung von 50.000 neuen Jobs verbunden wäre.

Die Besonderheit nach Einschätzung der "Washington Post" ist nun: Bei den Leuten, die diese Jobs bekommen, dürfte es sich zum Großteil um neu in den jeweiligen Ort ziehende Arbeitskräfte handeln, die mehrheitlich dem demokratischen Lager zuzuordnen wären.

So würden die 50.000 neuen Amazon-Leute wohl abstimmen

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Tatsächlich befinden sich auf der kürzlich veröffentlichten Shortlist mit den 20 Favoriten, die laut Amazon noch für den künftigen Standort von HQ2 in Frage kommen, mit Pittsburgh und Philadelphia immerhin zwei Städte im heiß umkämpften Swing State Pennsylvania. Auch Miami im ebenfalls zu den Swing States zählenden Florida ist laut Amazon nach wie vor im Rennen.

Um zu beurteilen, ob die Entscheidung für eine dieser Städte tatsächlich maßgeblichen Einfluss auf den Ausgang künftiger US-Wahlen haben könnte, ist zunächst ein genauer Blick auf die Personen erforderlich, die vermutlich die 50.000 neuen Amazon-Jobs bekleiden werden. Die "Washington Post" hat dazu gründliche Überlegungen angestellt.

Demnach sucht Amazon für das künftige zweite Headquarter vor allem junge, überdurchschnittlich gebildete Menschen mit Fachrichtung Software-Entwicklung und ähnlichem. Vor allem gehe es wohl um Arbeitskräfte, die frisch von der Universität kommen, mutmaßt die "Post". Bei der vergangenen Wahl habe diese Klientel zu 56 Prozent demokratisch und lediglich zu 35 Prozent republikanisch gestimmt, so die Zeitung. Amazon wolle zwar teilweise lokale Arbeitskräfte einstellen, werde aber ebenfalls in erheblichem Maße Leute von außerhalb an die künftige Location lotsen, heißt es.

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Unter der Annahme verschiedener Parameter, die aus derzeitiger Sicht eigentlich noch unbekannt sind, stellt die "Washington Post" daran anschließend eine Modellrechnung auf, entlang der Frage: Kann Amazon mit seinen 50.000 neuen Arbeitsplätzen tatsächlich das Wahlergebnis in einem Swing State von rot auf blau, also von einem Sieg der Republikaner in einen Sieg der Demokraten verwandeln?

Zu den Einflussgrößen, für die dabei Annahmen getroffen werden, gehört zum Beispiel: Der Anteil der neu hinzuziehenden Arbeitskräfte an der Gesamtzahl; die Größenordnung, in der diese Arbeitskräfte bereits über Familie verfügen (und damit womöglich weitere Wähler mitbringen); die Höhe der Wahlbeteiligung innerhalb dieser Gruppe und verschiedenes mehr.

Wohl keine Änderung bei der Präsidentenwahl

Ergebnis: Laut "Washington Post" könnte Amazon mit seiner neuen Zentrale und den dazugehörigen Arbeitskräften der demokratischen Partei am jeweiligen Ort im Idealfall netto rund 21.000 Wählerstimmen mehr verschaffen. Das wäre zwar mehr als der Vorsprung, den Donald Trump bei seiner Wahl 2016 in den Staaten Michigan oder Wisconsin erzielte. Aus diesen Staaten befindet sich aber keine Stadt auf der Amazon-HQ2-Shortlist.

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In Pennsylvania wiederum, das ja mit zwei Städten auf der Liste vertreten ist, hatte Trump einen Vorsprung von gut 44.000 Stimmen, und in Florida waren es noch mehr. Beide Staaten würden also nach Rechnung der "Washington Post" durch das künftige Amazon-HQ gemessen an der vergangenen Präsidentschaftswahl in ihrem Wahlverhalten kaum entscheidend beeinflusst. Diese Fazit gilt umso mehr, weil das Stimmenplus, das Amazon den Demokraten verschaffen könnte, je nach Wahl der Einflussparameter in der Kalkulation im Zweifel noch geringer ausfallen würde, wie die "Post" betont.

Dennoch behält das Gedankenspiel seinen Reiz: Ein Präsident, der nur auf Grund eines hauchdünnen Vorsprungs in einigen "Swing States" die Wahl gewinnen konnte, und ein Konzern, dessen Mitarbeiterzahl und Macht mit jedem Monat wächst. Sollte die neue Zentrale tatsächlich in einem "Swing State" errichtet werden, ist dies für die Demokraten ein starkes Signal, nun erst recht um die Stimmenmehrheit in diesem Staat zu kämpfen - und Trump aus dem Amt zu jagen.

Die Shortlist: Diese 20 Städte sind noch im Rennen um Amazons künftiges zweites Hauptquartier

Mitte Januar gab Amazon  bekannt, welche 20 Städte der Konzern in die engere Auswahl bei der Suche nach einem Standort für sein künftiges zweites Hauptquartier nimmt. Die 20 Top-Kandidaten sind:

Atlanta

Austin

Boston

Chicago

Columbus

Dallas

Denver

Indianapolis

Los Angeles

Miami

Montgomery County

Nashville

Newark

New York City

Northern Virginia

Philadelphia

Pittsburgh

Raleigh

Toronto

Washington DC

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