Streit um Umgang mit IS Die Wut entlädt sich - 14 Tote bei Kurden-Protesten in der Türkei

Die Untätigkeit der Türkei im Drama um die Stadt Kobane ruft die USA auf den Plan. Im eigenen Land mündet sie in wütenden Protesten: In der Türkei starben mindestens 14 Menschen. Straßenschlachten gab es auch in Deutschland.
Bei nächtlichen Protesten und gewalttätigen Auseinandersetzungen wie hier in der türkischen Stadt Diyarbakir starben in der Türkei bislang 14 Menschen

Bei nächtlichen Protesten und gewalttätigen Auseinandersetzungen wie hier in der türkischen Stadt Diyarbakir starben in der Türkei bislang 14 Menschen

Foto: ILYAS AKENGIN/ AFP

Ankara/Washington/Kobane/Hamburg - Die US-Regierung ist wegen des bislang zögerlichen Verhaltens der Türkei im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zunehmend besorgt. Zugleich haben Proteste von Kurden in der Türkei gegen deren Syrien-Politik 14 Todesopfer gekostet. Die UN warnten in der Nacht noch einmal eindringlich vor dem Fall der Kurden-Bastion Kobane an der türkisch-syrischen Grenze, sollten IS-Milizen die Stadt nach zwei Wochen Kampf nun überrennen.

"So sollte sich ein Nato-Verbündeter nicht verhalten, während einen Steinwurf von seiner Grenze entfernt die Hölle los ist", kritisierte ein nicht namentlich genannter Regierungsvertreter in der "New York Times" die Zurückhaltung der Türkei. Trotz US-Luftangriffen und Gegenwehr kurdischer Kämpfer sind IS-Milizen weiter in die strategisch wichtige Stadt Kobane eingerückt. Bislang hat die Regierung in Ankara trotz eines Parlamentsmandats militärisch nicht gegen den IS eingegriffen.

Das führte in der Nacht im eigenen Land zu erheblichen Protesten von Kurden, die sich gegen Ankaras Syrien-Politik richteten. Dabei wurden bislang 14 Menschen getötet. Allein in der südöstlichen Großstadt Diyarbakir seien acht Demonstranten getötet worden, berichtete die Zeitung "Hürriyet" am Mittwoch.

In der Kurdenhauptstadt gab es Zusammenstöße mit der Polizei, aber auch mit Anhängern der islamistischen Partei Huda-Par. Ein Vertreter der Sicherheitskräfte bestätigte die Presseberichte zur Opferzahl. Zuvor war von zwölf Toten die Rede gewesen.

Die Demonstranten werfen Ankara vor, dem drohenden Fall der nordsyrischen Kurdenstadt Kobane an die Schlächter des Islamischen Staats (IS) tatenlos zuzusehen. Das Parlament billigte zwar jüngst den Einsatz der Armee in Syrien und dem Irak, doch startete die Regierung von Ministerpräsident Ahmet Davutoglu bisher keine militärische Intervention. Die Kurdenpartei HDP hatte deshalb zu den landesweiten Protesten aufgerufen, tausende Menschen folgten dem Appell.

Brennende Autos, geplünderte Banken, Ausgangssperren

In Diyarbakir und anderen kurdischen Städten im Südosten der Türkei wurden Regierungs- und Parteigebäude beschädigt, Fahrzeuge in Brand gesetzt sowie Banken und Geschäfte geplündert. Mindestens drei Tote wurden aus der Stadt Mardin gemeldet, zwei aus Siirt sowie jeweils einer aus den Städten Batman und Mus.

In den kurdischen Provinzen Diyarbakir, Mardin, Siirt und Van wurden Ausgangssperren verhängt. Die Armee wurde erstmals seit Aufhebung des Ausnahmezustands vor zwölf Jahren wieder auf den Straßen eingesetzt.

Die Polizei setzte auch in der Metropole Istanbul und der Hauptstadt Ankara Tränengas und Wasserwerfer gegen die Demonstranten ein. In Istanbul wurde ein Demonstrant durch einen Schuss in den Kopf schwer verletzt. Mindestens 98 Menschen wurden laut der Nachrichtenagentur Dogan festgenommen. Proteste gab es auch in der Küstenstadt Antalya sowie in Mersin und Adana im Süden des Landes.

PKK droht mit Verhandlungsabbruch, Straßenschlacht in Hamburg

Innenminister Efkan Ala forderte die Demonstranten am Abend zum Rückzug auf und warnte vor "unvorhersehbaren Folgen". Die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) drohte, sollte Ankara nicht den Fall der Stadt Kobane an die IS-Dschihadisten verhindern, werde sie die seit zwei Jahren laufenden Friedensverhandlungen abbrechen.

Zu Ausschreitungen zwischen Kurden und radikalen Muslimen kam es auch in Deutschland. Neben gewalttätigen Auseinandersetzungen in der niedersächsischen Stadt Celle meldete die Polizei auch eine Straßenschlacht in Hamburg, bei der am Dienstag mehrere Menschen verletzt wurden.

Nach einer Demonstration gegen die Terrormiliz Islamischer Staat hatten sich etwa 400 Kurden in der Nähe einer Moschee versammelt. Dort stellten sich ihnen am Dienstagabend etwa 400 "radikale Muslime" entgegen, wie ein Polizei-Sprecher sagte. Dabei habe es sich mutmaßlich um Salafisten gehandelt. Als es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppen kam, schritt die Polizei auch mit Wasserwerfern ein.

Zuvor hatten etwa 500 Kurden in der Hamburger City friedlich Solidarität mit den vom IS bedrohten Menschen in der Stadt Kobane gefordert. Anschließend blockierte aber eine Gruppe von etwa 80 Kurden für etwa eine Stunde mehrere Gleise am Hamburger Bahnhof.

rei mit Nachrichtenagenturen

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