Mittwoch, 18. September 2019

Inflation auf Fünfjahrestief Ökonomen vergleichen Draghi mit Kaiser Nero 

EZB-Chef Mario Draghi: Griff in den Giftschrank?

Die Inflationsrate in der Euro-Zone ist auf nur noch 0,3 Prozent gesunken. Spekulationen, dass die EZB ihre Geldpolitik weiter lockert, erhalten damit neue Nahrung: Holt EZB-Draghi das Anleihekaufprogramm aus dem Giftschrank?

Luxemburg - Die Inflation im Euroraum ist im August wie erwartet auf den tiefsten Stand seit Oktober 2009 gefallen. Die Jahresrate der Teuerung sank von 0,4 Prozent im Vormonat auf 0,3 Prozent, wie die europäische Statistikbehörde Eurostat am Freitag in Luxemburg nach einer ersten Schnellschätzung mitteilte.

Ökonomen hatten mit dem Rückgang gerechnet. Die Inflationsrate hat sich damit noch weiter vom Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB) entfernt, die eine Rate von knapp zwei Prozent anstrebt.

Die EZB, die am Donnerstag zu ihrer Zinssitzung zusammenkommt, hat ein Anleihenankaufprogramm zum Ankurbeln der Wirtschaft in der Schublade. Sie will es aber nur im Notfall einsetzen.

Einigen Finanzexperten geht das offenbar nicht schnell genug - sie rufen angesichts der neuen Inflationszahlen nach noch mehr billigem Geld. "Das ist schon wieder ein negativer Indikator für die Gesundheit der Wirtschaft in der Eurozone", sagt Luke Bartholomew, Fondsmanager bei Aberdeen Asset Management. "Investoren sind sich sicher, dass Draghi mehr tun möchte, um die Wirtschaft zu stimulieren, aber offensichtlich hat er Probleme, unter den Mitgliedsstaaten eine Einigkeit über die nötigen Maßnahmen zu erreichen."

Draghi vollführe einen Balanceakt zwischen konservativen Europäischen Institutionen und dem Verlangen des Marktes nach mehr Anreizen, so Bartholomew. "Aber mit jedem weiteren Monat, der vergeht, nähern wir uns dem Schreckgespenst der Deflation - und Draghi ähnelt mehr und mehr Kaiser Nero, der herumtrickst, während Rom brennt."

Anfang Juni hatte die Notenbank ein Maßnahmenpaket gegen die zu niedrige Inflation beschlossen. Spekulationen auf eine weitere geldpolitische Lockerung durch die Europäische Zentralbank (EZB) dürften nach den neuen Preisdaten zunehmen. Draghi hatte am vergangenen Freitag vor gesunkenen Inflationserwartungen gewarnt und abermals versichert - falls nötig - alle verfügbaren Instrumente einzusetzen.

Energiepreise drücken Teuerung im August - Kernrate steigt leicht

Verantwortlich für den deutlichen Rückgang im August waren vor allem die deutlich gesunkenen Energiepreise. Diese fielen um 2,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Juli waren sie nur um 1,0 Prozent gefallen. Die Preise von Dienstleistungen (+1,2%) und Industriegütern (+0,3%) legten hingegen zu. Rückläufig waren hingegen die Preise für Nahrungsmittel (-0,3%).

Die sogenannte Kernrate ist im August daher sogar von 0,8 Prozent im Vormonat auf 0,9 Prozent gestiegen. Bei der Kernrate werden stark schwankende Komponenten wie Energie und Lebensmittel ausklammert. Sie gilt als aussagekräftig für den langfristigen Inflationstrend und wird deshalb von der EZB genau beobachtet.

Eine zu geringe Inflation kann unter anderem dazu führen, dass Unternehmen nur zögerlich investieren, weil sich die Investitionen nicht rentieren, und Verbraucher in der Hoffnung auf weiter sinkende Preise Anschaffungen zurückstellen. Das würde das Wirtschaftswachstum hemmen und könnte schlimmstenfalls in eine Spirale stets fallender Preise münden. Eine solche Deflation hatte Japans Wirtschaft jahrelang gelähmt. Die EZB strebt daher eine Inflationsrate von etwa zwei Prozent an.

la/afp/dpa

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