Ukraine-Krise Nato spricht von mehr als 1000 russischen Soldaten in der Ukraine

Das russische Militär hat nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko mit einer Invasion des Landes begonnen. Laut Kiew ist die Stadt Nowoasowsk russischen Truppen in die Hände gefallen. Moskau bestreitet einen Einmarsch.
Pro-russische Rebellen in der Ostukraine: Direkte Unterstützung durch russische Soldaten?

Pro-russische Rebellen in der Ostukraine: Direkte Unterstützung durch russische Soldaten?

Foto: Sergei Grits/ AP/dpa

Kiew / Moskau - Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat Russland einen Militäreinmarsch in sein Land vorgeworfen. Wegen der "russischen Intervention" habe er einen Staatsbesuch in der Türkei abgesagt. "Der Platz des Präsidenten ist heute in Kiew", sagte Poroschenko. Die Lage im Raum Donezk habe sich "extrem verschärft".

Der prowestliche Staatschef forderte Sondersitzungen des Weltsicherheitsrats und des EU-Rates. "Die Welt muss sich zur heftigen Verschärfung der Lage in der Ukraine äußern", sagte er. Poroschenko berief den Sicherheitsrat des Landes zu Beratungen ein.

Nato spricht von mehr als 1000 russischen Soldaten in der Ukraine

Russland setzt nach Angaben der Nato derzeit mehr als 1000 eigene Soldaten innerhalb der Ukraine ein. "Wir schätzen, dass deutlich mehr als 1000 russische Soldaten innerhalb der Ukraine operieren", sagte ein ranghoher Offizier der Nato am Donnerstag im militärischen Nato-Hauptquartier in Mons. "Das ist eine eher konservative Schätzung. Dahinter steht sehr große militärische Stärke." Auch präsentierte die Nato Satellitenbilder, die ihre Einschätzung stützen sollen: Sie zeigten Beweise für hochmodern ausgerüstete russische Soldaten auf ukrainischem Boden.

Es habe in den vergangenen beiden Wochen eine deutliche Verstärkung der russischen Militäroperationen gegeben. Im russischen Grenzgebiet zur Ukraine seien schätzungsweise rund 20 000 Soldaten stationiert. Sie seien besser ausgerüstet als zuvor eingesetzte Truppen. "Das ist eine Invasionsarmee", sagte der Nato-Offizier.

Ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters berichtete von einer Kolonne gepanzerter Fahrzeuge, die sich in der Nähe eines russischen Dorfs etwa drei Kilometer von der Grenze zur Ukraine befindet. In Truppentransportern sitzen demnach Personen mit schmutzigen Gesichtern, einer mit einer Gesichtsverletzung. Ein Lkw sei beschädigt und werde abgeschleppt.

Die Insassen und die Fahrzeuge wiesen keine militärische Markierungen auf. Nummernschilder seien entfernt worden. Im Grenzgebiet in Südrussland wurden Militärhubschrauber mit einem roten Stern in der Nähe von Truppen gesichtet.

Russland bestreitet Einmarsch

Russland dementierte nach einer Sondersitzung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) einen Einmarsch in der Ostukraine. Die russische Führung habe "keinerlei Interesse" an einer Invasion in der Ostukraine, sagte der russische OSZE-Vertreter Andrej Kelin laut Nachrichtenagentur APA in Wien. "Wir haben ganz klar gesagt, dass Russland mit Ausnahme von zehn Grenzsoldaten keine Truppen in der Ostukraine hat." Zu den aktuellen Berichten könne er nur sagen, dass Russland nicht an einer Entsendung von Truppen interessiert sei.

Das ukrainische Militär hatte zuvor mitgeteilt, die Kontrolle über eine Grenzregion im Südosten weitgehend verloren zu haben. Verantwortlich seien Einheiten aus dem Nachbarland. "Gestern gingen die Stadt Nowoasowsk sowie eine Reihe von Ortschaften der Kreise Nowoasowsk, Starobeschewo und Amwrosijewka unter die Kontrolle russischer Militärs", erklärte der nationale Sicherheitsrat in Kiew.

Nach der Meldung über die Einnahme der Grenzstadt forderte der ukrainische EU-Botschafter Konstantin Jelissejew am Donnerstag von der EU umfassenden Militärbeistand. Auf seiner Facebook-Seite warf er Moskau eine "unverhohlene Invasion" vor. Die EU-Politik der "Beschwichtigung" gegenüber dem "Aggressor" müsse aufgegeben werden, die europäische Solidarität mit der Ukraine müsse sich in einer "weitreichenden militärischen und technischen Hilfe" sowie in "bedeutenden Sanktionen" gegen Moskau zeigen. Die Entscheidungen müssten auf dem EU-Gipfel am Samstag gefällt werden. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton zeigte sich "extrem besorgt" über die Meldungen aus Kiew.

Zuvor hatte der Separatistenführer Alexander Sachartschenko bei einem Auftritt im russischen Fernsehen zugegeben, dass russische Soldaten in den Reihen der Rebellen kämpfen: "Unter uns sind kämpfende Soldaten, die ihre Ferien lieber mit uns verbringen als am Strand." Die Unterstützer aus Russland hätten sich angeblich beurlauben lassen, um "ihre Brüder" im Freiheitskampf zu unterstützen. "Wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass es unter uns viele Russen gibt, ohne deren Hilfe wir es sehr schwer hätten."

Geheime Beerdigungen in Russland

Laut Sachartschenko haben etwa 3000 bis 4000 russische Soldaten an der Seite der Rebellen gekämpft. Dies sei jedoch freiwillig geschehen, ohne Weisung aus Moskau. "Viele sind heimgefahren. Viel mehr sind aber geblieben."

Leider habe es auch Tote gegeben, sagt Sachartschenko. Medien in Moskau hatten zuletzt über geheime Beerdigungen berichtet, bei denen angeblich gefallene russische Soldaten beigesetzt wurden. Zu den Berichten äußerte sich nun erstmals auch der Kreml. "Das benötigt eine ausführliche Prüfung, bevor irgendwelche Schlüsse gezogen werden", sagte Sprecher Dmitrij Peskow.

Ella Poljakowa vom russischen Verband der Soldatenmütter sprach von etwa hundert russischen Soldaten, die in eine Klinik in St. Petersburg gebracht worden seien. Wo und wie die Männer verwundet wurden, sei unbekannt, sagte Poljakowa, die dem Kreml-Menschenrechtsrat angehört.

Rebellen rücken bei Donezk weiter vor

Bisher hatte die Regierung in Moskau ein Engagement in der Ukraine immer bestritten. Als in dieser Woche zehn russische Fallschirmjäger auf ukrainischem Gebiet gefangen genommen wurden, sprach man in Moskau von "einem Versehen".

Die Regierung in Kiew und das US-Außenministerium werfen Russland vor, die Separatisten im Osten des Landes zu unterstützen. Im Gebiet um die Großstädte Donezk und Luhansk sei eine russische Gegenoffensive im Gang, sagte die Sprecherin des US-Außenministeriums, Jennifer Psaki.

Russland warnt Nato

Der französische Präsident François Hollande äußerte sich besorgt über die Berichte. Sollten die Angaben stimmen und sich russische Soldaten auf ukrainischem Boden aufhalten, wäre dies "nicht zu tolerieren und inakzeptabel". Russland könne nicht erwarten, eine anerkannte Macht des 21. Jahrhunderts zu sein, wenn es die Regeln nicht respektiere.

Zuvor hatte Russland die Nato gewarnt, ihre Truppen in der Nähe der russischen Grenze zu verstärken. Ein solcher Schritt würde die Beziehungen zur Regierung in Moskau nur komplizieren, sagte der russische Nato-Botschafter Alexander Gruschko der Agentur Interfax. Die Aufstellung und die Aktivitäten von Nato-Truppen an der Grenze zu Russland würden in der russischen Militärplanung berücksichtigt.

"Wir werden alles Nötige unternehmen, um für eine verlässliche Sicherheit zu sorgen und um den Schutz vor jeglicher Bedrohung zu garantieren", sagte Gruschko. Beim Nato-Gipfel am Donnerstag und Freitag kommender Woche soll über langfristige Strategien beraten werden.

la/dpa/reuters
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