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Gas aus der Tiefe: Angst und Hype in den USA

Foto: © Tim Shaffer / Reuters/ REUTERS

Fracking Amerikas Schiefergas-Boom droht jähes Ende

Trotz des Fracking-Booms: Die viel beschworene Renaissance der US-Industrie durch niedrige Energiepreise lässt auf sich warten. Zudem drohen Quellen vorzeitig zu versiegen. Im schlimmsten Fall könnte die Gas-Gier ähnliche Folgen haben wie 2008 der Immobilienhype.
Von Markus Gärtner

Houston - Kaum sechs Monate ist es her, da hat die Internationale Energieagentur die USA wegen der rasant wachsenden Förderung von Öl und Gas aus Schieferstein zum neuen Saudi Arabien ausgerufen. Vor allem US-Medien feierten die größte Umwälzung seit Bestehen der OPEC.

Der rosarote Ausblick für die von China attackierte Supermacht sah so aus: Größter Energieproduzent bis zum Jahr 2020 sowie der Aufstieg zum Nettoexporteur bis im kommenden Jahrzehnt. In der Tat: Die USA deckten im vergangenen Jahr bereits 83 Prozent ihres Energiehungers selbst. Die Ölimporte sanken um 11 Prozent. Und Barack Obama jubelte: "Wir haben Erdgasvorräte für 100 Jahre."

Inzwischen wird in den USA allerdings der Chor der Mahner lauter. Sie warnen, dass viel von dem Gas, das in den Schätzungen genannt wird, zu gängigen Marktpreisen nicht mit Gewinn zu Tage gefördert werden kann. Mehr noch: Sie sagen vorher, dass enorme Erschöpfungsraten bei den Bohrquellen den Traum von der importunabhängigen Supermacht USA schon in etwas mehr als einem Jahrzehnt platzen lassen könnten. Besonders brisant dabei ist, dass Banken vielfach Papiere auf Basis erwarteter Gasgewinne geschnürt haben, die schwer zu realisieren sein dürften.

Dissonanzen im Fracking-Jubelorchester

Wie ist diese Wende möglich? Selbst renommierte Energieexperten wie Daniel Yergin von Cambridge Energy Research hatten bei Anhörungen im Kongress in das Fracking-Jubel-Orchester eingestimmt: "Die USA sind mitten in einem unkonventionellen Öl- und Gas-Boom, der sich bis über die Energie selbst hinaus erstreckt." Gemeint waren Millionen von Arbeitsplätzen, zusätzlicher privater Konsum dank fallender Benzinrechnungen sowie ins Land zurück kehrende Industrie, die energieintensiv produziert.

Sogar der für seine konträren Positionen bekannte Societe Generale-Stratege Dylan Grice ist mit Blick auf das Schiefergas euphorisch: Er hält die unkonventionell geförderte Energie, für deren Gewinnung mit Wasser und Chemikalien unter hohem Druck Schieferstein aufgebrochen wird, für "so revolutionär wie das Internet."

Tatsächlich hat der Anteil der Schiefergas-Förderung aus dem Fracking in den USA binnen zehn Jahren von 2 Prozent auf 37 Prozent der gesamten Erdgasförderung zugenommen. Die USA haben ihre Öl- und Gasförderung allein seit 2008 so stark gesteigert, dass die zusätzliche Förderung der Produktion des siebtgrößten OPEC-Landes Nigeria entspricht.

Doch während von China über Polen bis nach Frankreich und Großbritannien ein Sprung auf das Trittbrett des Schiefer-Booms vorbereitet - oder zumindest erwogen - wird, klingt die Euphorie in den USA derzeit merklich ab.

Rosige Prognosen der Wall Street in der Kritik

Einer der Kritiker ist Arthur Berman, ein Geologe und Teilhaber der Beratungsgesellschaft Labyrinth Consulting Services in Houston. Berman wirft den Analysten der Wall Street und deren Investmentbanken vor, viel zu rosige Prognosen abgegeben zu haben.

Berman kritisiert, in die gängigen Vorhersagen seien die eklatanten Erschöpfungsraten, die zu jährlichen Produktionsminderungen bestehender Bohrquellen von 30 bis 60 Prozent führen, nicht eingearbeitet worden. Die Aussicht auf eine Unabhängigkeit der USA von Energieimporten hält der Geologe schlicht für eine "Illusion."

Seine Preisprognosen sind nicht neu, aber anhaltend korrekt. Schon 2011 hatte Berman für Erdgas in den USA 4,00 Dollar bis 4,55 Dollar je einer Million British Thermal Units für die nächsten 18 Monate vorhergesagt. Aktuell liegt der Preis bei etwa vier Dollar. Doch laut Berman können die meisten unkonventionellen Gasförderer erst ab 8,00 Dollar einen Gewinn erwirtschaften.

Doch schon jetzt, wo der Gaspreis sich im vergangenen Jahr vom Billigniveau (zwei Dollar) etwa verdoppelt hat, gerät die schöne neue Gas-Welt ins Wanken. So steigt die Stromerzeugung aus Kohle in den USA wieder an  - auf Kosten vom teurerem Gas. Der Preisvorteil von Gas in Amerika gegenüber Gas in Europa hat sich ebenfalls deutlich verringert. Von einer "Fracking-Blase" ist bereits in einer deutschen Unternehmensberatung mit US-Expertise die Rede.

Ausbeutung je Gasquelle nur halb so hoch wie angegeben

Die Gasbohrfirmen selbst sind in den USA bereits in heftige Schwierigkeiten geraten. Der extrem gestiegene Konsolidierungs-Druck in der Branche - sowie Asset-Verkäufe in Milliardenumfang - sind ein Beleg für die Prognose von Berman, demzufolge die Ausbeutung je Gasquelle nur etwa halb so hoch sein wird, wie von vielen Betreibern angegeben. Diese stehen unter erheblichem Druck, mit dem Nachweis attraktiver Vorkommen an der Wall Street oder bei deren Banken Geld für Investitionen einzusammeln.

Und sie stürzen sich in der Regel zuerst auf den ergiebigsten Teil eines neuen Vorkommens, das sie ausbeuten wollen und gründen darauf ihre Förderprognosen. Laut Berman sitzen die USA gemessen am aktuellen Verbrauch auf einem Gasvorrat von 11 bis 23 Jahren. Das ist höchstens ein Viertel dessen, was Barack Obama vorschwebt.

Der zweite prominente Zweifler mit Blick auf die rosigen Fracking-Prognosen für die USA ist der kanadische Geowissenschaftler David Hughes. Er ist Forscher am Post Carbon Institute in Santa Rosa, Kalifornien. Das Institut beschäftigt sich mit der Energieversorgung in einer Welt, die sich künftig wieder auf kleinere lokale Märkte konzentriert.

Banken basteln wieder toxische Verbriefungen - mit erhofften Gas-Gewinnen

Hughes hat in penibler Kleinarbeit die Produktionsdaten von 65.000 Bohrquellen an 31 Standorten in den USA ausgewertet und kommt in seiner Studie "Drill, Baby, Drill!" (Bohre, Liebling, bohre!), zu dem Schluss, dass die Förderkapazität der meisten Bohrquellen in den ersten drei Jahren nach Anschluss an eine Pipeline um 80 bis 95 Prozent sinken.

Nach Auffassung von Hughes werfen einige der besten Vorkommen in den USA bereits weniger ab, darunter Haynesville in Texas, Louisiana und Arkansas. Selbst eine Lebenszeit des US-Schiefergas-Booms von 40 Jahren - weniger als die Hälfte der Obama-Prognose - hält Hughes für "traumhaft optimistisch."

Um die aktuelle Förderung aufrecht zu erhalten, wären nach seinen Berechnungen jährlich 42 Milliarden Dollar Investitionen in rund 7000 Bohrtürme nötig. Zum Vergleich: Der Gesamtwert des 2012 geförderten Schiefergases betrug 32,5 Milliarden Dollar.

Schätzungen "mindestens 100 Prozent übertrieben"

Ganz hart ins Gericht geht mit der Schiefergas-Branche die ehemalige Investment-Bankerin Deborah Rogers, die als Analystin bei Merrill Lynch  und Smith Barney arbeitete, bevor sie die US-Notenbank in Dallas in Sachen Energie beriet und dann zum Energy Policy Forum wechselte. Rogers hält die Schätzungen zum Öl- und Schiefergasvorkommen in den USA "für mindestens 100 Prozent übertrieben."

Sie beschuldigt die Wall-Street-Banken, den Schiefer-Boom angeheizt zu haben, bis krasse Überproduktion den Gaspreis um fast 60 Prozent einbrechen ließ. Im Frühjahr 2012 erreichten die Notierungen ein Zehnjahrestief. Die Folge: Unprofitable Produktion zwang zahlreiche Produzenten in die Knie. Eine Konsolidierung setzte ein. Das Übernahmefieber spielte laut der Rogers-Studie "Schieferboom und Wall Street" den Banken allein 2011 satte 46,5 Milliarden Dollar aus Übernahmen und Fusionen in der Schieferbranche ein.

"Als die Preise plumpsten", so Rogers, "spielte die Wall Street das Anlagevermögen gebeutelter Schieferfirmen den größeren Playern der Branche zu." Brisanter noch ist aber dieser Vorwurf von Rogers: "Die zu erwartenden Einnahmen von Schieferfirmen wurden ähnlich wie die hypothekenbesicherten Derivate vor der Finanzkrise 2008 gebündelt und mit der fragwürdigen Besicherung an Fonds verkauft."

Im Klartext: Sollte sich der Gaspreis in Nordamerika auf absehbare Zeit nicht erholen, droht wegen der zu erwartenden Verluste für viele kleinere Förderfirmen erneut ein größerer Ausfall auf die gestrickten Derivate. Zahlreiche große und kleine Firmen mussten bereits schmerzhafte Abschreibungen auf Anlagen im Schiefergas-Geschäft vornehmen, darunter BP, BHP Billiton  und Chesapeake Energy. Das Unternehmen leitete 2012 den Verkauf von Anlagen im Wert von schätzungsweise knapp sieben Milliarden Dollar ein, um seine drückende Schuldenlast von mehr als elf Milliarden zu reduzieren.

Chesapeake - ein "Enron mit Bohrtürmen"?

In US-Medien wurde Chesapeake als "Enron mit Bohrtürmen" bezeichnet, nachdem bekannt wurde, dass der CEO des Unternehmens, Aubrey McClendon einen Milliardenkredit für die Expansion der Bohrkapazität aufgenommen hatte und dafür seinen Anteil in den neuen Bohrtürmen als Sicherheit verwendete. McClendon bezeichnete Chesapeake im Frühjahr 2012 als den "weltweit größten Fracker".

Zweifel gibt es aber nicht nur an der Profitabilität der Schieferfirmen und an der Haltbarkeit des aktuellen Booms. Investmentbanken selbst beginnen den Segen des Booms für die Konjunktur anzuzweifeln.

Goldman Sachs-Ökonom Jan Hatzius wies vor wenigen Tagen darauf hin, dass energieintensive Industrien, die von billigerem Schiefergas in den USA profitieren müssten, nicht besser abschneiden als andere Branchen. Und Analysten wie Peter Hooper bei der Deutsche Bank  weisen darauf hin, dass der Anteil der Energie an den Gesamtkosten in vielen Industrien so klein ist, dass selbst deutlich niedrigere Notierungen für Schieferöl oder -gas wenig bewirken.

Keine segensreiche Wirkung von Fracking auf Exporte

Analyst Paul Dales bei Capital Economics rechnet vor, dass die Industrieproduktion in den USA seit 2009 um 18 Prozent gestiegen ist. Doch Öl und Gas trugen dazu lediglich ein Fünftel bei. Vom BIP-Zuwachs von insgesamt 7,6 Prozent in dieser Zeit gehen daher nur 0,6 Prozentpunkte auf das Konto der Energiewirtschaft.

Und während die Preise für Erdgas seit dem Höhepunkt 2008 zwischenzeitlich um satte 70 Prozent gefallen waren, fielen die Kosten privater Haushalte für Gas und Elektrizität nur um 10 Prozent. Das entspricht einer Entlastung von schlappen 20 Milliarden Dollar für die US-Verbraucher. Das wiederum macht nur 0,2 Prozent vom realen Konsum aus. Dieser stieg seit dem Ende der Großen Rezession um 7,4 Prozent an.

Dass die von vielen Beobachtern versprochene Renaissance der amerikanischen Industrie im Sog niedrigerer Energiepreise noch nicht eingetreten ist, das belegen auch die Exportzahlen der USA. Der Anteil der USA an den weltweiten Exporten hätte bei einer solchen Renaissance zunehmen müssen. Das wird aber laut den Zahlen der OECD nicht belegt.

Auch beim Vergleich von US-Exporten und den Ausfuhren der Europäischen Union - die EU-internen Exporte herausgerechnet - zeigt sich kein wachsender Wettbewerbsvorteil der USA. Das lässt die angebliche Renaissance des Industriesektors in den USA als Flop erscheinen.

Denselben Eindruck vermitteln auch die Zahlen der US-Notenbank, die zeigen, dass das Wachstum der Beschäftigung in der US-Industrie zuletzt eher nachgelassen hat. Deborah Rogers kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Sie hat die Entwicklung der Einzelhandelsumsätze pro Kopf der Bevölkerung und die Haushaltseinkommen in den Epizentren des amerikanischen Schiefergas-Booms ausgewertet. Nach ihren Beobachtungen fallen viele der Schiefer-Hochburgen im Vergleich zu den übrigen Bezirken der jeweiligen Bundesstaaten sogar zurück.

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