Dienstag, 15. Oktober 2019

Kollateralschäden Die Angst vor der Kontopfändung greift um sich

Warteschlange vor einem Bankautomat in Nikosia: am Donnerstag sollen die Banken wieder öffnen

Zypern ist vorerst gerettet - doch zu welchem Preis? Dem Inselstaat droht eine schwere Rezession, der Ruf der Euro-Retter ist ramponiert. Und in Südeuropa fürchten die Bürger um ihre Ersparnisse. Wer überlässt sein Geld noch spanischen oder italienischen Banken?

Hamburg - Gerade einmal zehn Wochen ist Jeroen Dijsselbloem im Amt. Und spätestens gestern Abend dürfte der Euro-Gruppenchef sich seinen ersten handfesten Rüffel eingefangen haben. In einem Interview hatte der Niederländer erklärt, die Beteiligung von Aktionären, Anleihegläubigern und Sparern an der Sanierung von Banken - wie sie für Zypern geplant ist - tauge als "Blaupause" für künftige Rettungsaktionen im Krisenfall. Die Reaktion folgte prompt: Die Börsen, die zuvor das Rettungspaket für Zypern bejubelt hatten, drehten ins Minus - erst in Europa, dann in den USA und zuletzt auch in Asien. "Die Euro-Retter haben einen Präzedenzfall geschaffen. Jetzt ist es kein Tabu mehr, Bankkonten zur Rettung heranzuziehen", heißt es in einer Morgan-Stanley-Studie.

Schnell bemühte sich Dijsselbloem um Schadensbegrenzung. Er sei falsch zitiert worden. "Das englische Wort template (Blaupause) kannte ich noch nicht einmal." Die Beteiligung von Gläubigern und Eigentümern an der Rettung der zyprischen Banken sei ein Einzelfall und kein Modell für künftige Krisen, stellte Benoit Coeure, Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB), klar. Er liegt damit auf einer Linie mit der Bundesregierung. "Ich denke, Herr Dijsselbloem hat da etwas Falsches gesagt", schob Coeure nach.

Doch die Katze ist aus dem Sack. "Auch andere Länder haben sehr schwache Banken, die letztlich rekapitalisiert werden müssen", sagt Simon Tilford, Chefökonom des britischen Thinktanks Centre for European Reform (CER) manager magazin online. "Wer eine Zwangsabgabe auf Bankkonten einführt, riskiert, dass Bürger in Spanien oder Italien zwei Mal darüber nachdenken, ob sie ihr Geld den heimischen Banken überlassen", sagt Tilford.

Deutsche misstrauen Merkels Spargarantie

Auch in Deutschland macht sich Angst breit. Laut einer der Befragung des Forsa-Instituts im Auftrag von RTL und dem Nachrichtenmagazin "Stern" vertrauen nur noch 41 Prozent der Deutschen der Aussagen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), dass die Spareinlagen im Lande sicher seien. 54 Prozent glauben ihr nicht.

Dass zumindest in Südeuropa die Menschen nicht in langen Schlangen vor den Geldautomaten stehen und ihre Konten leerräumen, ist dem zypriotischen Parlament zu verdanken. Die Volksvertreter hatten das erste Rettungspaket, das die Troika und die Regierung ausgehandelt hatten, krachend abgeschmettert. Der Grund: Der Plan sah vor, auch Guthaben unterhalb der versicherten 100.000 Euro-Grenze mit einer Abgabe zu versehen. Damit hätten die Euro-Retter - so die einhellige Meinung der Ökonomen - einen Bankrun und damit einen Zusammenbruch des Finanzsystems riskiert.

Unterdessen wurde die Öffnung der zypriotischen Banken wieder einmal verschoben. Offenbar benötigen die EZB und Zypern noch Zeit, um die Geldhäuser mit Notliquidität von der Zentralbank auszustatten und die Kapitalverkehrskontrollen, die eine Flucht von Geldern ins Ausland unterbinden soll, zu installieren. Vor allem kleinere Banken fürchten einen Ansturm der Kunden, hieß es aus dem Finanzministerium in Nikosia.

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