Geldschwemme Japans riskantes Spiel mit der Notenpresse

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt kündigt an, die Geldschleusen nach amerikanischem Vorbild noch weiter zu öffnen. Doch statt eines Kursfeuerwerks ernten die Japaner vor allem Misstrauen. Die Aktion könnte zu einem gefährlichen Bumerang werden.
Von Martin Hintze
Ministerpräsident Shinzo Abe: Japan kämpft verzweifelt gegen die Deflation

Ministerpräsident Shinzo Abe: Japan kämpft verzweifelt gegen die Deflation

Foto: Franck Robichon/ dpa

Hamburg - Shinzo Abe will ein Zeichen setzen. Nach knapp zwei Jahrzehnten Wirtschaftsflaute und hartnäckiger Deflation ist Japans frisch gewählter Regierungschef entschlossen, das Ruder endlich herumzureißen. Sein Land werde einen makroökonomischen "Regimewechsel" vollziehen.

Dazu bedient sich der Ministerpräsident eines auf der ganzen Welt beliebten wie gefürchteten Mittels: Neue Schulden sollen die Probleme lösen - ausgerechnet in dem Land, das mit knapp 240 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung so hoch verschuldet ist wie kein anderes Land der Welt.

Die Notenbank des Inselstaates - so sind sich Beobachter einig - folgt schon einmal den Vorgaben des Premiers. Am Dienstag kündigte die Bank of Japan (BoJ) an, die Geldpolitik weiter zu lockern und die Wirtschaft mit frischem Geld aus der Notenpresse zu versorgen. Ab 2014 sollen unbefristete Anleihekäufe die Refinanzierungskosten drücken und den Yen zur Stützung der Exportwirtschaft niedrig halten.

Zugleich hoben die Währungshüter ihr Inflationsziel von 1 auf 2 Prozent. "Die fahren auf den Abgrund zu und geben noch einmal Gas", kommentiert Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer den Kurswechsel. Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ist skeptisch: "Mir macht ziemlich viel Sorge, was die neue Politik der japanischen Regierung ist."

Bank of Japan: Aggressiver als die EZB, vorsichtiger als die Fed und BoE

An den Börsen verpuffte die Ankündigung wirkungslos: In Tokio schloss der 225 Werte umfassende Nikkei  knapp im Minus. Andere asiatische Börsen blieben gänzlich unbeeindruckt. Am Devisenmarkt legte der Yen, den Regierungschef Shinzo Abe eigentlich schwächen will, sogar zu. "Die Maßnahmen der Notenbanker sind Lippenbekenntnisse", heißt es in einer Analyse der Commerzbank. An der aktuellen Situation habe sich nichts geändert.

Viele Anleger hatten wohl gehofft, dass die Anleihekäufe sofort in Kraft treten und dass auch ausländische Papiere gekauft würden. Stattdessen werden nun vor allem auslaufende Programme verlängert. Die Notenbanker ließen zudem offen, wann das neue Inflationsziel erreicht werden soll. "Der Mitteleinsatz ist minimal", sagt Deutsche-Bank-Volkswirt Mikihiro Matsuoka.

Auch wenn es vielleicht auf den ersten Blick nicht so aussieht: Mit der Ankündigung verhalten sich Japans Währungshüter zwar aggressiver als die Europäische Zentralbank, aber immer noch um einiges vorsichtiger als die US-Notenbank Fed oder die Bank von England. Nach Berechnungen der Berenberg Bank würden die Staatsanleihekäufe von 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Dezember auf 23 Prozent des BIPs Ende 2014 steigen. In Großbritannien liegt der Wert bereits heute bei 24 Prozent.

Mit anderen Worten: Bis zum Anschlag aufgedreht sind die Geldschleusen noch nicht. "Die Notenbank hält einen Teil ihres Pulvers trocken", sagt Berenberg-Volkswirt Christian Schulz.

Hochriskante Strategie

Das könnte sich schon bald ändern. Im April soll ein neuer Gouverneur das Ruder der Notenbank übernehmen, der näher an der Politik der Regierung ist. Bis Oktober werden zwei weitere Vorstandsposten neu besetzt - vermutlich ebenfalls mit regierungsnahen Kandidaten.

Damit hätten diese fünf geldpolitischen Tauben spätestens ab Oktober Mehrheit in dem neunköpfigen Gremium. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Geldpolitik nochmals gelockert wird.

Die Strategie wäre hochriskant: "Mit der Unterstützung der Notenbank könnte die Regierung wichtige Reformen weiter aufschieben", sagt Berenberg-Experte Schulz. Höhere Inflationserwartungen und niedrig verzinste Staatspapiere könnten dazu führen, dass die bislang so patriotischen heimischen Anleger sich abwenden. Das wiederum würde die Refinanzierungskosten der Regierung sowie der hoch verschuldeten Unternehmen empfindlich erhöhen.

Bislang hat Japan den Vorteil, dass der Staat überwiegend bei den eigenen Bürgern verschuldet ist: Wenden sich Japans Bürger jedoch als Kreditgeber ab, hat die Regierung in Tokio ein großes Problem.

Schwierige Handelsbeziehungen der "verschlossenen Auster"

Im schlimmsten Fall droht eine massive Kapitalflucht, wodurch der Schuldendienst für die Regierung - ähnlich wie in Griechenland - praktisch untragbar würde.

Die japanische Wirtschaft gilt in vielen Teilen als stark abgeschottet. Ohne Deregulierungen zur Steigerung der Profitabilität kann es jedoch kein nachhaltiges Wirtschaftswachstum geben. Das trifft besonders auf den Dienstleistungssektor zu. "Sollte sich herausstellen, dass die Geldpolitik nur genutzt wird, um die unhaltbar verschuldete Regierung zu finanzieren, droht ein sehr riskanter Inflationsschub", warnt Martin Schulz, Ökonom beim Fujitsu-Research Institute in Tokio.

Deutschland exportierte im Jahr 2011 gerade mal 1,4 Prozent seiner Güter nach Japan. Auch in Europa und im Rest der Welt kauft Japan vergleichsweise wenig ein. Der Inselstaat geriere sich im Außenhandel "wie eine verschlossene Auster", zeigt ein Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für das Europäische Parlament.

Ohne Strukturreformen dürfte die Geldschwemme von Japans Notenbank wieder einmal wirkungslos bleiben.

mit Material von rtr/dpa-afx
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