Fotostrecke

Mittler in der Krise: Der neue Euro-Gruppenchef Dijsselbloem

Foto: AFP

Neuer Chef der Euro-Gruppe Jeroen Lückenbüßer

Mitten in der Krise setzt die Euro-Gruppe einen Novizen auf ihren wichtigsten Posten. Der Niederländer Jeroen Dijsselbloem wird Gruppenchef nicht wegen seiner Qualifikation, sondern weil gegen ihn am wenigsten sprach. Scheitern muss er nicht - aber das Risiko ist groß.

Hamburg - Die Handynummern von Angela Merkel und François Hollande - wenn nicht schon geschehen, wird Jeroen Dijsselbloem sie sich rasch besorgen müssen. Dazu am besten auch die Daten des griechischen Premiers Antonis Samaras oder etwa von Pedro Passos Coelho aus Portugal.

Sie alle muss Dijsselbloem künftig gut erreichen können. Denn der niederländische Finanzminister übernimmt eine zentrale Aufgabe in der großen Oper namens Euro-Rettung. Genauer: Er ist der neue Dirigent.

Wenn keine Überraschung geschieht, wird Dijsselbloem am heutigen Montagnachmittag in Brüssel zum Chef der Euro-Gruppe gewählt. Er folgt damit auf den Luxemburger Jean-Claude Juncker, der das Amt acht Jahre lang prägte. Zweieinhalb Jahre beträgt zunächst die Amtszeit des Neulings aus Den Haag.

Die Wahl Dijsselbloems kann man unterschiedlich beurteilen: Für den 46jährigen Sozialdemokraten, der erst vor zwei Monaten niederländischer Finanzminister wurde und sein Debüt bei einer Euro-Gruppensitzung gab, ist es wohl der vorläufige Höhepunkt einer Blitzkarriere auf internationalem Parkett. Kritiker dagegen sehen es anders. Für sie handelt es sich bestenfalls um einen ordentlichen Kompromiss - eher jedoch um einen weiteren Offenbarungseid der europäischen Konsenspolitik.

Kein Wunschkandidat

Denn Dijsselbloem ist kein Wunschkandidat, von so ziemlich Niemandem. Er ist vielmehr das Ergebnis eines Ausscheidungsspielchens à la Reise nach Jerusalem. Der studierte Agrarökonom verfügt nicht etwa über die beste Qualifikation für das Amt des "Mister Euro". Er war am Ende einfach derjenige, gegen den am wenigsten sprach. Jeroen Kleinster-Gemeinsamer-Nenner also. Oder Jeroen Lückenbüßer.

Wie kam es dazu? Kandidaten aus kleinen, politisch leichtgewichtigen Ländern wie Estland oder Malta waren von vornherein chancenlos. Angesichts der Euro-Schuldenkrise kam für den Spitzenposten zudem nur ein Politiker in Frage, dessen Heimat über eine einwandfreie Bonität und stabile Staatsfinanzen verfügt. Damit waren auch Spanien, Italien, Portugal oder gar Griechenland aus dem Rennen.

Überhaupt verfügen nur noch vier der insgesamt 17 Euro-Länder über das Spitzenrating "AAA" der einflussreichen Ratingagentur Standard & Poor's, nämlich Deutschland, Luxemburg, Finnland und eben die Niederlande.

Tatsächlich hatte der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zeitweise Interesse am Euro-Chefsessel signalisiert. Das stieß jedoch auf Gegenwehr beim französischen Präsidenten Hollande (womit sich die Chancen des dortigen Finanzministers Pierre Moscovici endgültig erledigt hatten). Ein Luxemburger konnte es nicht werden, weil schon Juncker aus dem Ministaat kam. Und kein Finne, weil mit Währungskommissar Olli Rehn bereits ein Landsmann einen Schlüsselposten der EU-Kommission besetzt (auch gegen Belgien sprach, dass Europa-Ratspräsident Herman van Rompuy dort Zuhause ist).

Klug, vermittelnd - aber humorlos

Bleiben also die Niederlande - und damit Euro-Krisen-Novize Dijsselbloem. Wohl gemerkt: Die skurrile Nominierung sowie die mangelnde Erfahrung bedeuten selbstverständlich nicht, dass der gebürtige Eindhovener, der heute mit Partnerin und zwei Töchtern im niederländischen Wageningen lebt, von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre. Das Risiko wäre jedoch mit einem erprobteren Kollegen zweifellos geringer gewesen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Vorgänger Juncker gewaltige Fußstapfen hinterlässt. Der Luxemburger war Dijsselbloem schon zum Start um Längen voraus. Als Juncker am 1. Januar 2005 das neu geschaffene Amt an der Euro-Gruppen-Spitze übernahm, hatte er bereits mehr als zehn Jahre als Finanzminister auf dem Buckel, und ähnlich viele als Regierungschef. Dijsselbloem dagegen widmete sich bis zum Herbst vergangenen Jahres vor allem der Bildungspolitik. Einmal mischte er zwar auch in Brüssel mit. Aber das waren nur einige Monate als Referent im EU-Parlament, vor mehr als 20 Jahren.

Künftig wird Dijsselbloem neben Fachkenntnis auch viel Geschick beweisen müssen. Der Chef der Euro-Gruppe kann zwar alleine kaum wichtige Entscheidungen treffen. Doch er hat sie zu organisieren. Dabei muss er verhandeln und moderieren, häufig antichambrieren und hier und da auch ein wenig intrigieren.

Juncker beherrschte die komplette Klaviatur. Der 58jährige war Gesicht und Seele der Euro-Gruppe und schaffte es immer wieder, die teils gegensätzlichen Interessen von Partnerländern wie Deutschland und Frankreich auszugleichen. Bis zum Umfallen kämpfte der Luxemburger um eine Lösung der Schuldenkrise und den Fortbestand der Gemeinschaftswährung.

Freude in Berlin, Skepsis in Paris

Zudem war er ein kleiner Entertainer. Juncker schimpfte und witzelte nicht selten in einer für Berufspolitiker ungewohnten Offenheit. Dijsselbloem dagegen wird in Brüssel zwar bereits als Kollege geschätzt. Ein guter Vermittler und kluger Stratege sei er, heißt es. Allerdings gilt er auch schon jetzt als nahezu humorlos. Späße wie im März 2012, als Jean-Claude Juncker dem spanischen Wirtschaftsminister Luis de Guindos spaßeshalber an die Gurgel ging, wird man also wohl künftig nur noch spärlich zu Gesicht bekommen.

Wichtiger als der Charme des neuen Euro-Lenkers ist allerdings dessen politische Linie. Wie steht er etwa zu Sparkurs, Schuldenschnitten oder Bankenunion? Viel hat Dijsselbloem dazu bislang noch nicht verlautet. Schon bei seinem Amtsantritt in Den Haag Anfang November stellte er allerdings klar, er werde "knallhart" konsolidieren. Arbeitsmarktreformen und eine Anhebung des Renteneintrittsalters liegen ihm am Herzen.

Auf der Website seines Ministeriums schreibt Dijsselbloem, in den nächsten Jahren werde die niederländische Regierung versuchen, das Land mit umfangreichen Reformen stärker zu machen. Er selbst werde sich gänzlich auf gesunde Staatsfinanzen, eine weitere Regulierung des Finanzsektors sowie ein starkes Europa konzentrieren.

Beobachter sehen den Niederländer daher eher auf der Linie von Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble (beide CDU). In Paris dagegen summt bei solchen Tönen leise der Probealarm. Bis zuletzt äußerte Finanzminister Moscovici Vorbehalte gegen Dijsselbloem. Komplett verhindern dürften die Franzosen den Mann mit dem Jungengesicht, der randlosen Brille und den dunklen Locken allerdings wohl kaum. Wie auch - es gibt ja keine Alternative.

Mittler in der Krise: Der neue Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem