Dienstag, 23. April 2019

Migranten Auf ins gelobte Land

Streikende Ärzte in Malaga: Tausende Spanier suchen in Deutschland neue Jobs

2. Teil: Zuwanderung: Wende um 180 Grad in der Politik

Deshalb ist die Bundesrepublik im Begriff, eine Wende um 180 Grad hinzulegen. Jahrelang war die Politik bemüht, sich gegen Fachkräfte aus dem Ausland abzuschotten - stets mit dem Verweis auf die hohe Arbeitslosigkeit. Beispiel: Der verbale Ausrutscher "Kinder statt Inder" von Jürgen Rüttgers (CDU) aus dem Jahr 2000.

Heute rudert Berlin mit allen Kräften in die andere Richtung. Anfang November einigte sich die Koalition auf eine "Blue Card", um die Zuwanderung Hochqualifizierter zu beschleunigen. Wirtschaftsminister Philip Rösler (FDP) geht das nicht weit genug. Er plant "sofortige Niederlassungsgenehmigungen" auch für Nicht-Akademiker.

Den Wandel bekommt auch Monika Varnhagen zu spüren. Sie ist Direktorin der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) in Bonn, dem internationalen Personaldienstleister der Bundesagentur für Arbeit. Bis vor drei Jahren war das Geschäft überwiegend "outgoing", sagt Varnhagen. Die Hauptaufgabe der ZAV bestand darin, deutsche Fachkräfte, die hierzulande keinen Job fanden, ins Ausland zu vermitteln.

Hochqualifizierte arbeiten als Aushilfen

Seit zwei Jahren läuft es genau umgekehrt: Varnhagens Behörde vermittelt Fachkräfte aus dem Ausland nach Deutschland. Hauptsächlich an Mittelständler, deren Personalabteilungen für aufwendiges Recruting im Ausland nicht groß genug sind. Waren es im vergangenen Jahr gerade einmal fünf Ingenieure, die dank der ZAV eine neue Stelle in der Bundesrepublik fanden, werden es in diesem Jahr bereits 150 bis 170 sein. "Auch der Bewerberpool hat sich seit Juni von 2000 auf 3800 Menschen signifikant vergrößert", sagt die ZAV-Direktorin.

Die Crux: "Gerade die hochqualifizierten Einwanderer haben bislang noch erhebliche Schwierigkeiten, einen adäquaten Job zu finden", sagt OECD-Experte Liebig. Viele müssen unterhalb ihrer Qualifikation arbeiten. "Da wird Humankapital vernichtet", warnt IAB-Experte Brücker. Lange Zeit galten Migranten als Niedriglöhner und Hilfskräfte. Der rapide Anstieg des Qualifikationsniveaus der Neuzuwanderer verändert zwar auch die öffentliche Wahrnehmung. "Aber das geht nicht von heute auf morgen", so Liebig.

Auch die Arbeitsgeber müssen noch dazulernen. Viele Unternehmen geben beispielsweise einem deutschen Ingenieur gegenüber ausländischen Konkurrenten den Vorzug. "Bei den Arbeitgebern herrscht häufig Unsicherheit über den Wert der ausländischen Qualifikationen", sagt Migrationsexperte Liebig.

Zwar bringe das im April in Kraft getretene Gesetz zur Anerkennung ausländischer Qualifikationen hier deutliche Fortschritte, letztlich komme es aber darauf an, ob die Arbeitgeber die Qualifikationen von Zuwanderern akzeptieren.

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