Nord-Minister Habeck "Einen Deckel für Windkraft wird es nicht geben"

Mit Windkraft will Schleswig-Holstein zur Energiemacht aufsteigen. Doch vor dem Energiegipfel bremst der Bund die Nordlichter. Kiels Energiewendeminister Robert Habeck erklärt, warum die Stromschwemme von der Küste für der Rest der Republik ein Segen ist.
Wieviel Windkraft soll es sein? Schleswig Holsteins Energiewendeminister Robert Habeck (r.) und Bundesumweltminister Altmaier (li) sind sich nicht einig

Wieviel Windkraft soll es sein? Schleswig Holsteins Energiewendeminister Robert Habeck (r.) und Bundesumweltminister Altmaier (li) sind sich nicht einig

Foto: Marcus Brandt/ dpa

mm: Herr Habeck, Schleswig-Holstein will bis zum Jahr 2020 satte 300 Prozent seines Strombedarfs mit erneuerbaren Energien erzielen. Sind Sie größenwahnsinnig geworden?

Habeck: Schleswig-Holstein ist schon lange Stromexportland. Jetzt wollen wir das, was das Land mit Atomkraftwerken und fossilen Kraftwerken produziert hat, ersetzen. Nur: Früher hat sich niemand über diesen Stromexport aufgeregt, jetzt, wo es um erneuerbare Energien geht, schon. Damit richtet sich die heutige Diskussion selbst.

mm: Einen entscheidenden Unterschied gibt es durchaus. 300 Prozent über das Jahr bedeuten vielleicht 600 Prozent und mehr in windigen Nächten. Für diese Phasen müssen gewaltige Netze her, die im Schnitt schwach ausgelastet sein werden.

Habeck: Das Stromaufkommen aus Windkraftanlagen schwankt natürlich. Insofern haben wir ein Problem, dem wir mit dem Netzausbau aber begegnen. Zudem liefern moderne Rotoren Strom wesentlich gleichmäßiger als alte, das Gleiche gilt für Offshore.

mm: Befürchten Sie nicht, dass in zehn Jahren der ganze Strom und die Leitungen gar nicht gebraucht werden, beispielsweise weil viel stärker dezentral Strom erzeugt wird, als wir es uns heute vorstellen können?

Habeck: Firmen und Verbraucher werden den größten Teil ihres Stroms weiterhin aus nationalen und europäischen Netzen kaufen. Die Idee von einer Dezentralität, in der sich jedes Dorf selbst mit Strom versorgt, bringt unsere Volkswirtschaft nicht weiter. Windstrom aus dem Norden ist schon jetzt so günstig, dass es sich allemal lohnt, ihn über Hunderte Kilometer zum Verbraucher zu transportieren.

mm: Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) will den Ausbau von Windkraft drosseln. Sind Ihre 300 Prozent beim Energiegipfel mit der Kanzlerin verhandelbar?

Habeck: Wir setzen dieses Ziel bereits Schritt für Schritt um, und auf diesem Weg machen wir weiter. Jede Quote, jeder Deckel widerspricht dem Geist des Strommarktes. Die Folge wäre auch eine Art Windhundrennen: Jeder Betreiber versucht, noch unter dem Deckel zum Zuge zu kommen. Das treibt die EEG-Umlage in die Höhe. Eine solche Deckelung werden die Teilnehmer des Energiegipfels nicht beschließen - jedenfalls nicht, so lange jemand aus Schleswig-Holstein im Raum sitzt.

"50 Prozent Ökostrom bundesweit bis 2020 sind realistisch"

mm: Wozu fährt Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) dann morgen nach Berlin?

Habeck: Über die Struktur des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) können wir ja reden. Zum Beispiel sind wir sofort dabei, wenn die Zahl der Unternehmen begrenzt werden soll, die sich von der EEG-Umlage befreien lassen. Auf diese Weise würde die Umlage für alle anderen Firmen und Verbraucher sinken.

mm: Vermutlich aber nicht allzu stark. Im internationalen Vergleich blieben die Stromkosten für die meisten Firmen weiter hoch. Muss der Ausbau erneuerbarer Energien auch aus Steuermitteln finanziert werden, beispielsweise mit einem Energie-Soli, wie ihn das Institut der deutschen Wirtschaft vorschlägt? Dann würden Wohlhabende stärker zur Kasse gebeten.

Habeck: Dann wären die Stromkosten nicht mehr transparent. Das kennen wir doch von den konventionellen Energien. Wer zahlt denn für die Atomendlagersuche, die Polizeieinsätze im Wendland, für die Lasten des Klimawandels? Das macht der Steuerzahler. Wir sollten Probleme und Kosten nicht kaschieren, sondern ehrlich und offen mit ihnen umgehen. Trotzdem müssen die Lasten für einkommensschwache Familien erträglich bleiben. Da würden weniger Ausnahmen vom EEG für Firmen schon helfen, wie auch konsequentes Stromsparen - und gegebenenfalls Unterstützung dabei.

mm: Die Bundesregierung will den bundesweiten Anteil von Strom aus erneuerbaren Energien bis 2020 auf 35 Prozent erhöhen. Was wollen Sie?

Habeck: Realistischer ist das mittlere Szenario aus dem Netzentwicklungsplan. Danach kommen wir bis 2020 auf 50 Prozent, 2030 betrüge der Anteil 65 Prozent. Diese Werte dürfen wir aber nicht als Deckel, sondern eher als Rahmen verstehen. Tatsächlich könnten sie natürlich auch höher liegen.

mm: In jedem Fall soll Schleswig-Holstein nach Ihrem Willen eine Macht für Billigstrom aus erneuerbaren Energien werden. Die Geschichte lehrt, dass die Industrie immer dorthin geht, wo es günstige Energie gibt. Wann eröffnet die erste Aluminiumschmelze in Nordfriesland?

Habeck: Prinzipiell wird unser Bundesland für Industriebetriebe attraktiver. Einige Weichen sind aber noch nicht gestellt. So ist es für manche Unternehmen offenbar noch attraktiver, auf dem Werksgelände Strom aus Öl zu erzeugen, als ihn aus dem Windpark nebenan zu kaufen. Die Anreize fehlen bisher, die Industrie verhält sich sehr zögerlich. Künftig sollte sich das aber ändern.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.