Donnerstag, 22. August 2019

Die Wirtschaftsglosse Der Preis des Nobelpreises

Was das alles kostet: Seit mehr als einem Jahrzehnt verjubelt die Nobel-Stiftung das mühsam aufgebaute Vermögen

Der Nobelpreis ist auch nicht mehr das, was er mal war. Die Europäische Union sowieso nicht. Am Ende des Tages treffen sich in Oslo zwei abgewirtschaftete Institutionen, die nur zu bedauern sind.

"Eine große Ehre für die Europäische Union und alle ihre 500 Millionen Bürger", bedankte sich EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso am Freitag für den Friedensnobelpreis. Eine große Ehre, mag ja sein, "eine Botschaft der Hoffnung und des Vertrauens", meinetwegen auch noch. Aber was haben wir sonst davon?

Abgesehen davon, dass es mit dem Frieden in Europa nicht so weit her ist (wie absehbar, ging schon am Nachmittag der Streit los, wer im Dezember den Preis in Oslo abholen darf: Barroso, Parlamentspräsident Martin Schulz, der kommunistische zyprische Präsident Dimitris Christofias als amtierender Ratschef, Mr. Euro Jean-Claude Juncker, Angela Merkel als heimliche Herrscherin, oder warum nicht Mario Draghi, dessen EZB den Kontinent wirklich zusammenhält?)

Monetär ist der Preis, obwohl der höchstdotierte der Welt kaum geeignet, die Euro-Krise zu lindern (das Blog "Alphaville" der "Financial Times" ätzt trotzdem, die Bundesbank untersuche sicher bereits die "inflationären Folgen").

Arvid Kaiser
manager-magazin.de
Arvid Kaiser
Gewiss, das Nobelpreiskomitee möchte uns einmal von den aktuellen "schweren wirtschaftlichen Problemen und sozialen Unruhen" ablenken und auf das wirklich Wichtige, nämlich "sechs Jahrzehnte Beitrag zu Frieden und Versöhnung", hinweisen.

Schön und gut, aber die Nobel-Stiftung weiß, wie das ist mit dem langen Atem. Gute Jahrzehnte folgen auf schlechte Jahrzehnte, und umgekehrt. Seit 1999 hat sich das aus dem Erbe des Industriellen Alfred Nobel hervorgegangene Vermögen, inflationsbereinigt und in Euro gerechnet, mehr als halbiert. Der aktuelle Jahresbericht weist einen Verlust aus, vor allem die Investitionen in Aktien liefen zuletzt schlecht.

Deshalb griff der Aufsichtsrat im Juni zu drastischen Maßnahmen. Erstmals seit 1949 wurde die Preissumme gekürzt, und zwar gleich um ein Fünftel von zehn auf acht Millionen Schwedenkronen, so stark wie noch nie.

Was die EU jetzt bekommt, ist real 40 Prozent weniger wert als die zehn Millionen Kronen, die den Vereinten Nationen als Friedensnobelpreisträgerin schon 2001 zuflossen. Die Nobel-Stiftung hat ausgerechnet, dass sogar die Kaufkraft der 150.782 Kronen, die Wilhelm Röntgen im ersten Preisverleihungsjahr bekam, höher war.

Sowieso ist der Ertrag, durch 500 Millionen Menschen geteilt, nur noch ein Bruchteil eines Cents. Das passiert nur den armen Säuen, die in der Kategorie "Frieden" antreten. Naturwissenschaftler müssen sich den Preis höchstens mal zu dritt teilen (deshalb kamen die tausenden Forscher, die am Genfer Cern das Higgs-Boson nachwiesen, auch nicht für den Physik-Preis in diesem Jahr infrage). Richtig gut trifft es dagegen die Literaten, die häufig als Einzelpersonen gewürdigt werden.

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.

Als Wertmaximierer unter den Nobelpreisträgern darf der indische Schriftsteller V.S. Naipaul gelten, der die zehn Millionen 2001 allein bekam. Die EU dagegen spielt in einer Liga mit den ewigen Verlierern: Albert Einstein etwa, der 1921 ausgezeichnet wurde, als das Nobel-Erbe schon einmal beinahe aufgezehrt war, oder die Penicillin-Entdecker Alexander Fleming, Howard Florey und Ernst Boris Chain, die sich im ähnlich schlechten Jahr 1946 den Medizinpreis teilen mussten.

Europa wird bis zur Preisverleihung weiter sparen müssen, und die Nobel-Organisation auch. Schön, wenn wenigstens der Frieden noch so lange hält

Video hilft dem Politstar

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