Shoppen gegen die Krise Griechen zeigen jetzt Konsum-Patriotismus

Obst, Gemüse und Milch, aber auch Schuhe und Smartphones: Griechenlands Medien appellieren an die Griechen, soweit wie möglich griechische Produkte zu kaufen. So sollen die Verbraucher der eigenen Wirtschaft helfen. Ausländische Unternehmen reagieren allerdings schnell.
Griechen kaufen griechisches Obst: Wirtschaftlicher Selbstheilungsversuch im Supermarkt

Griechen kaufen griechisches Obst: Wirtschaftlicher Selbstheilungsversuch im Supermarkt

Foto: ? Pascal Rossignol / Reuters/ REUTERS

Athen - "Die da, bitte. Das sind doch Boxer, oder?", sagt die junge Frau, als sie ein Schuhwarengeschäft in der Einkaufsmeile der Hafenstadt Piräus vor den Toren Athens betritt. Verkäuferin Maria Petropoulou hört das in letzter Zeit immer häufiger. Statt italienischer oder englischer Markenware erfreuen sich Schuhe griechischer Hersteller wie Boxer einer stetig steigenden Nachfrage. "Die einheimischen Produkte sind zwar vergleichsweise günstig. Aber das ist nicht das Entscheidende. Die Kunden wollen bewusst griechisch kaufen", erklärt Petropoulou.

Das war vor der Krise ganz anders. In Griechenlands Boomjahren avancierten Importprodukte zum Statussymbol. Sogar in den Supermärkten waren einheimische Produkte verpönt. Doch das hat sich radikal geändert. Der Grund: Die Krise ändert das Konsumverhalten. Um Griechenlands rezessionsgeplagte Wirtschaft zu stützen, kaufen die Hellenen gezielt immer häufiger Produkte aus dem eigenen Land. Einer repräsentativen Umfrage der Universität Athen zufolge gingen 36 Prozent der Verbraucher innerhalb der vorigen zwölf Monate gezielt dazu über, griechische Produkte zu bevorzugen. Acht von zehn Befragten gaben an, künftig noch häufiger "Made in Greece" kaufen zu wollen. 83 Prozent wollen damit der griechischen Wirtschaft helfen und Arbeitsplätze im eigenen Land sichern und schaffen.

Vor allem bei frischen Lebensmitteln, Obst, Gemüse und Milchprodukten wählen die Verbraucher mittlerweile fast ausschließlich griechische Waren. Laut der Studie der Universität Athen entscheiden sich 91 Prozent der Befragten in diesen Kategorien für griechische Produkte. Aber auch bei Textil- und Schuhwaren ist "Made in Greece" in Mode. Für immerhin fast ein Drittel der Befragten gilt hier mittlerweile das Motto: "Ich kaufe griechisch!" Wahrscheinlich nicht zuletzt, weil die griechische Presse den Konsum-Patriotismus propagiert: Die Athener Zeitung "To Paron" appelliert auf der Titelseite in den Nationalfarben blau und weiss an ihre Leser: "Kaufe griechisch. Auf Deinem Tisch nur Produkte aus griechischen Händen."

Bürgerbewegung forciert die Selbstfokussierung

Unterdessen hat sich gar eine Bürgerbewegung formiert, die sich den Kauf griechischer Produkte auf die Fahnen geschrieben hat. Ihr Name ist Programm: "Wir verbrauchen, was wir produzieren". Unter dem Slogan "Ich kleide mich, ich esse und reise griechisch !" werden Fernsehspots geschaltet, Prospekte verteilt und Vorträge gehalten. "Wie war es möglich, dass in diesem gesegneten Land mit soviel Sonne und Artenvielfalt jährlich Lebensmittel im Wert von sieben Milliarden Euro eingeführt wurden?", fragte der frühere Minister Nikos Skoulas auf einer gut besuchten Veranstaltung der Bewegung in den Büros der Athener Handels- und Industriekammer (EBEA). Skoulas rechnet vor:

Der krisengeplagte Handel macht sich den neuen Trend jedenfalls zunutze. "Preiswert und griechisch" lautet der Slogan der Supermarktkette Masoutis. Die Kette Mega Electrics betont demonstrativ, dass sie griechisch ist, denn sie will sich vom deutschen Branchenkonkurrenten Media Markt unterscheiden.

"Kauft jeder der zehn Millionen Griechen in diesem Jahr einheimische Produkte im Wert von jeweils 1000 Euro anstatt wie im noch im vorigen Jahr ausländische Produkte, dann wird dadurch unsere Wirtschaft mit zusätzlich zehn Milliarden Euro angekurbelt", sagt Skoulas. Der Trend zu Hellas-Produkten wäre bei Griechenlands Wirtschaftsleistung von nur 200 Milliarden Euro in diesem Jahr vielleicht sogar mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Allerdings reagieren die ausländischen Unternehmen in Griechenland schnell.

Erstes griechisches Smartphone ausverkauft

Die deutsche Discounterkette Lidl führt ohnehin gezielt eine breite Auswahl griechischer Produkte im Sortiment - so, wie sich alle hiesighen Discounter in ihrem Auslandsgeschäft auf die dortigen Vorlieben einstellen und jeweilige Heimatprodukte im Programm haben. Entsprechend ist auf vielen Produkten die griechische Flagge zu sehen.

Der niederländische Brauer Heineken wiederum will für sein in Athen gebrautes Amstel-Bier mit dem markanten Werbespruch punkten: "Hergestellt von griechischen Händen, auf griechischem Boden, mit griechischem Getreide". Das Ziel des Global Players: die aufstrebende griechische Konkurrenz in Schach halten. Denn die im nordostgriechischen Komotini ansässige Brauerei Makedonia-Thrakis hat mit ihrer Marke Vergina schon einen Marktanteil von 6 Prozent erreicht. Zudem feierte die historische Griechen-Marke Fix der Olympic-Brauerei ein überaus erfolgreiches Comeback. Sie bewirbt ihr Produkt mit dem Spruch "der Liebling aller Griechen".

Derweil entdecken die Griechen sogar Technologieprodukte inländischer Herkunft. Anfang Juli brachte der in Thessaloniki ansässige Auto-Navigatoren-Hersteller MLS das erste griechische Handy auf den Markt. Das Smartphone MLS iQTalk will sich auf dem hart umkämpften Handy-Markt gegen die Konkurrenz aus den USA, Europa und Fernost behaupten - und macht sich Mut: "Wir kommen mit der Nachfrage kaum nach. Wir sind ausverkauft", sagt MLS-Vertriebsleiter Stathis Kyriakopoulos. Bis Ende des Jahres strebe MLS mit seinem Smartphone einen Marktanteil von 5 Prozent an - ein ehrgeiziges Ziel. International wettbewerbsfähig sind nur wenige Unternehmen. Selbst Riesen wie Siemens  haben sich vor Jahren deshalb aus dem Geschäft zurückgezogen. Finnlands Nokia  steht an der Wegschere Richtung Untergang.

Der Trend zu einheimischen Produkten wirkt sich jedenfalls positiv auf Griechenlands chronisches Handelsbilanzfdefizit aus. Im ersten Halbjahr 2012 fielen die Einfuhren ohne Mineralölprodukte im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum um 10 Prozent auf 15 Milliarden Euro. Das Handelsbilanzdefizit sank auf sieben Milliarden Euro, das entspricht einem Minus von 22,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im letzten Boomjahr 2007 übertraf der Wert der Einfuhren den der Ausfuhren noch um das Dreifache - eine wichtige Ursache für den Ausbruch der Krise, die Griechenland in seinen Grundfesten erschüttert.

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