Sonntag, 25. August 2019

Nach Moody's-Warnschuss Merkel-Kritiker in den USA werden leiser

US-Finanzminister Geithner (r.) fliegt heute nahezu lautlos bei Schäuble auf Sylt ein

Krisengespräch selbst im Urlaub: US-Finanzminister Geithner wird nach Sylt eingeflogen, um sich mit Deutschlands Kassenwart Schäuble abzustimmen. Nach dem Moody's-Warnschuss weicht die bisherige US-Schelte an Kanzlerin Merkel ("Frau Nein") einem zunehmendem Verständnis.

Vancouver - Selten hat die Wall Street Angela Merkel so gefeiert wie am vergangenen Freitag. Während schlechte Nachrichten von Facebook Börsen-Chart zeigen und von der Kaffeekette Starbucks Börsen-Chart zeigen die Anleger in New York enttäuschten, sorgte die gemeinsame Erklärung der Bundeskanzlerin mit Frankreichs Präsident François Hollande - sie seien "entschlossen alles zu tun, um die Euro-Zone zu retten" - für einen kräftigen Kursanstieg im US-Leitindex Dow Jones Börsen-Chart zeigen von fast 200 Punkten.

Die Schlagzeile in der US-Zeitung Philadelphia Inquirer zu der Merkel-Rallye war eindeutig: "Merkel macht die Wall Street zu ihrem Fan". So viel Lob haben Kapitalmärkte - und besonders Politiker - auf der anderen Seite des Atlantiks meistens nicht für die deutsche Kanzlerin übrig.

Merkel wird in der Regel als zögerlich beschrieben, als vom Wahlvolk gebremste und von eiserner Sparpolitik beseelte Regierungschefin, die immer neue Krisen an den Finanzmärkten braucht, um sich zu den längst fälligen Entscheidungen drängen zu lassen. Immer wieder taucht in US-Zeitungen der Titel "Frau Nein" auf.

An diese Krisenroutine erinnerten am Wochenende gleich auch wieder Berichte, wonach in Europa über die Rettung Spaniens verhandelt werde und deutsche Regierungsmitglieder von Finanzminister Wolfgang Schäuble bis hin zu Wirtschaftsminister Philipp Rösler den Aufkauf spanischer Staatsanleihen im großen Stil durch die EZB ablehnten. Spaniens Europaminister Inigo Mendez de Vigo forderte zudem von der Bundesregierung in Berlin mehr Einsatz und Solidarität bei der Krisenbewältigung. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei den Deutschen in einer weitaus schwierigeren Situation sehr geholfen worden.

Verständnis für Merkel steigt

Doch abgesehen davon hat sich international der Ton in den Medien, bei Analysten und bei Politikern mit Blick auf Angela Merkel und die Rolle der Deutschen in der Schuldenkrise Europas in den vergangenen Tagen sichtbar geändert. Die Ratingwatsche von Moody's, die vor einer Woche Deutschland auf die Abschussliste für eine mögliche Abstufung setzte, hat vielen verdeutlicht, dass Europas Anker in der Schuldenkrise Risse bekommen hat. Statt der üblichen Schelte, wie zuletzt im "Toronto Star" in Kanada - "es ist wieder Merkel gegen alle anderen" - kommen jetzt verständnisvollere, teils fast sympathische Töne.

"Jede erfolgreiche Lösung in Europa muss von den Deutschen abgesegnet werden", schreibt der "Philadelphia Inquirer", und "die Deutschen begleichen für gewöhnlich die Rechnungen, wenn kleinere Länder gerettet werden". Die neuen Töne in der Betrachtungsweise sind kein exklusiv amerikanisches Phänomen. Bis hin zum "Business Recorder", Pakistans führender Finanzzeitung, werden nun die Motive der Deutschen - und der Druck, den die Krise im Euro-Land zunehmend auch auf die größte und stärkste Volkswirtschaft in Europa ausübt - analysiert und gewürdigt. So werden im "Business Recorder" auch detailliert die Bedenken der FDP gegen umfangreiche Anleihekäufe der EZB vermerkt. Und die niederländische Zeitung "De Volkskrant" warnt, "der letzte Anker der Euro-Zone droht auszureißen".

Auch in der US-Administration scheint man nach der Ratingwatsche gegen die Deutschen etwas vorsichtiger geworden zu sein. Noch im Februar hatte US-Finanzminister Timothy Geithner anlässlich des G20-Gipfels öffentlich gepoltert, der Fortschritt in der Krisenbekämpfung in Europa reiche nicht aus, eine größere Brandmauer gegen die grassierende Schuldenmisere müsse her. Und beim Treffen mit den EU-Finanzministern in Polen im September hatte Geithner so dick aufgetragen, dass sich mehrere Finanzminister - darunter Österreichs Maria Fekter - empörten, sie wollten keine Belehrung von den USA.

Vor dem heutigen Treffen zwischen Timothy Geithner und Wolfgang Schäuble waren solche Töne nicht zu hören. Geithner fliegt am Nachmittag nahezu lautlos zum Gespräch mit Schäuble auf der Urlaubsinsel Sylt ein. Außer der Feststellung in der vergangenen Woche, Europa nähere sich dem Abgrund, war nichts zu hören.

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