Samstag, 21. September 2019

Nach Moody's-Warnschuss Merkel-Kritiker in den USA werden leiser

US-Finanzminister Geithner (r.) fliegt heute nahezu lautlos bei Schäuble auf Sylt ein

2. Teil: Moody's-Abstufung hat Merkel gestärkt

Warum die Kritik an den Deutschen und der Bundeskanzlerin international seit der Moody's-Watsche nachgelassen hat, konnte man schon am Wochenende in einer von vielen US-Zeitungen übernommenen Bloomberg-Analyse nachlesen: "Wenn das Schiff sinkt, gibt es keine sichere Kajüte an Bord, wenn Europa sinkt, gibt es kein Land, in dem man sein Geld sicher verwahren kann, nicht einmal in Deutschland."

Zitiert wird in der Analyse der Hinweis von FDP-Haushaltsexperte Otto Fricke, der Warnschuss von Moody's sei eher hilfreich als schädlich, weil er alle anderen europäischen Länder daran erinnere, dass Deutschlands Grenzen bald erreicht seien. In diesem Zusammenhang fiel am Wochenende bis hin zur staatlichen Nachrichtenagentur "Xinhua" in China die Erleichterung darüber auf, dass "Berlin gelassen auf die Abstufung seines Ausblicks durch Moody's" reagiert habe.

Im Klartext: Die Moody's-Watsche hat die Position der Kanzlerin gestärkt, sicher auch innerhalb der Koalition in Berlin. Angela Merkel kann für ihre strikte Haltung jetzt mit mehr Nachsicht rechnen. Wenn der Anker im europäischen Schuldenstrudel selbst zu wanken beginnt, dann wird es noch schwieriger als bisher, die Krise zu beenden.

Die Tatsache, dass fast 60 Prozent der deutschen Ausfuhren in den 27 Ländern der EU verkauft werden, und die Rezessionen in Griechenland, Spanien, Italien und Portugal die Nachfrage nach diesen Exporten bremsen, ist dieser Tage in auffallend vielen Zeitungen in Nordamerika zu lesen. Dort stellte Desmond Lachman, Wirtschaftsexperte beim American Enterprise Institute, zwei Tage vor Merkels und Hollandes viel beachteter Zusicherung - und zwei Tage nach der Moody's-Watsche - die Frage: "Wird Deutschland alles tun was es kann, um den Euro zu retten?"

Weltwirtschaftliche Lage verschlechtert sich zunehmend

Seine Antwort mit Blick auf die Moody's-Entscheidung: "Es gibt bisher Hinweise, dass mit Blick auf Deutschlands eigene Kreditwürdigkeit das Euro-Projekt endlos finanziert wird." Laut Lachman sei zwar "stets damit zu rechen, dass die Deutschen einknicken und das nötige Geld bereitstellen", doch "jetzt weist alles in die andere Richtung". Die deutschen Wähler seien mit der beängstigenden Perspektive konfrontiert, "dass ihre europäischen Partner - und die G20 - sie drängen, ein Fass ohne Boden zu füllen".

Die Nachrichten zur Lage der Weltwirtschaft dürften in der vergangenen Woche geholfen haben, die Sympathie mit der Lage der Deutschen zu fördern. In Großbritannien schrumpft die Wirtschaft im dritten Quartal in Folge. Es ist der schlimmste "Double Dip" in 50 Jahren. In den USA fährt die Dümpelwirtschaft bei nur noch 1,5 Prozent im zweiten Quartal gegen eine Wand. Und der Internationale Währungsfonds (IWF) hat gerade seine Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft im laufenden Jahr gedrosselt. Dazu kamen die enttäuschenden Nachrichten zum Einkaufsmanagerindex in Deutschland und dem eingetrübten Geschäftsklima auf Basis der Ifo-Zahlen.

Selbst in der ansonsten besonders kritischen Presse in Großbritannien ändern sich die Töne. Zwar drängte der Guardian am Wochenende, die Deutschen sollten sich den Schuss von Moody's vor ihren Bug zu Herzen nehmen und den Peripherieländern mehr helfen, um auch ihre eigenen Exporte zu fördern. Doch gleichzeitig wird in einer Analyse der Zeitung festgestellt, selbst Deutschland - das bisher von der Krise profitiert habe - werde nun in den Strudel der Euro-Zone gezogen. "Warum ist Moody's so skeptisch?", wird die Entscheidung der Kreditwächter hinterfragt. Antwort: "Die Risiken in der Euro-Zone haben sich aufgetürmt und bedrohen nun die deutsche Wirtschaft." Immerhin würden 40 Prozent der deutschen Ausfuhren in die Euro-Zone verkauft.

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