Euro-Krise EZB senkt Leitzins erstmals unter ein Prozent

Was viele erwartet hatten, ist jetzt eingetreten: Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins für die Euro-Zone auf 0,75 Prozent gesenkt. Damit will die Bank die schwächelnde Konjunktur in Südeuropa ankurbeln. Auch die Notenbanken in Großbritannien und China lockern ihre Geldpolitik.
Euro-Symbol vor EZB-Zentrale in Frankfurt: Die Notenbank will die Konjunktur ankurbeln

Euro-Symbol vor EZB-Zentrale in Frankfurt: Die Notenbank will die Konjunktur ankurbeln

Foto: dapd

Frankfurt am Main - Die Europäische Zentralbank (EZB) reagiert auf die schwache Konjunktur im Währungsraum: Wie von vielen Experten erwartet, sinkt der Leitzins um 0,25 Punkte auf nunmehr 0,75 Prozent. Dies teilte die EZB am Donnerstag in Frankfurt mit.

Es ist das erste Mal überhaupt, dass der Hauptrefinanzierungssatz unter der Schwelle von einem Prozent liegt. Einige Experten hatten eine noch stärkere Reduzierung für möglich gehalten.

Darüber hinaus senkte die EZB den Zinssatz, den sie den Geldhäusern für überschüssiges Zentralbankgeld zahlt. Der Einlagensatz sinkt um 0,25 Punkte auf null Prozent. Der Zinssatz, den die Banken für sehr kurzfristige Ausleihungen von einem Tag zahlen müssen, fiel ebenfalls um 0,25 Punkte auf 1,50 Prozent.

EZB-Präsident Mario Draghi wird die jüngsten Entscheidungen ab 14.30 Uhr vor der Presse erläutern. Laut Experten könnte die Notenbank zusätzliche Krisenmaßnahmen ankündigen, etwa eine abermalige Lockerung ihres Sicherheitenrahmens, der im Refinanzierungsgeschäft mit den Banken gilt.

Großbritannien und China lockern ebenfalls die Geldpolitik

Zuvor hatten bereits andere Notenbank mit geldpolitischer Lockerung vorgelegt. Die Bank of England stockt wie von vielen Experten erwartet ihre Anleihekäufe abermals auf. Das Volumen des Kaufprogramms steigt um 50 Milliarden auf insgesamt 375 Milliarden Pfund, wie die britische Notenbank in London mitteilte. Sie reagiert damit auf die schwache heimische Konjunktur und die großen Risiken infolge der Euro-Schuldenkrise. Den Leitzins, zu dem sich die Geschäftsbanken bei der Notenbank refinanzieren können, bleibt erwartungsgemäß bei 0,5 Prozent. Das ist ein Rekordtief.

Die Aufstockung der Anleihekäufe hatte sich bereits nach der Zinssitzung Anfang Juni angebahnt. Seinerzeit hatten bereits vier Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses zusätzliche Anleihekäufe gefordert, sich damit im Neunköpfigen Gremium aber nicht durchsetzen können. Die Wirtschaft Großbritanniens befindet sich seit Jahresbeginn in der Rezession. Der Preisdruck auf Verbraucherebene ist dementsprechend rückläufig, was der Notenbank Spielraum für eine zusätzliche Stimulierung der Konjunktur bietet

Auch China hat am Donnerstag erneut die Zinsen gesenkt. Nach Angaben der Zentralbank in Peking wurde der Leitzins für Ausleihungen von jeweils einem Jahr um 0,31 Prozentpunkte auf 6,0 Prozent gesenkt. Für Spareinlagen von einem Jahr verringert sich der Zins um 0,25 Prozentpunkte auf 3,0 Prozent.

Zuletzt hatte die chinesische Notenbank im Juni beide Sätze um jeweils 0,25 Punkte reduziert. Davor hatte sie wegen der Lehman-Pleite Ende 2008 ihre Zinsen gesenkt. Im vergangenen Jahr hatte sie drei Mal ihre Leitzinsen erhöht; sie dann aber seit Juli 2011 nicht mehr angetastet. Unlängst hatten sich die Anzeichen für eine weitere Abschwächung des chinesischen Wirtschaftswachstums vermehrt.

Historische Zinssenkung - die Reaktionen Betroffener und von Experten

Michael Kemmer, Verband der Privatbanken BDB: "Die heutige Zinssenkung der Europäischen Zentralbank ist angesichts der wirtschaftlichen Schwäche im Euro-Raum und des nachlassenden Preisauftriebs grundsätzlich nachvollziehbar. Die konjunkturellen Wirkungen einer Zinssenkung auf so niedrigem Niveau sollten allerdings nicht überschätzt werden. Ähnliches gilt für die auf null herabgesetzte Verzinsung von Einlagen bei der EZB. Schon bisher haben Geschäftsbanken Zinseinbußen in Kauf genommen, um Geld bei der EZB zu parken. Das ist ihnen die höhere Sicherheit wert. In der gegenwärtigen Situation wird sich daran auch bei einem Einlagezins von Null nichts ändern."

Bundesverband Deutscher Volks- und Raiffeisenbanken: "Wegen des nachlassenden Preisdrucks im Euroraum und der sehr schwachen Konjunktur insbesondere in den Peripheriestaaten ist die Zinssenkung vertretbar. Angesichts der ohnehin schon niedrigen Zinsen am Geldmarkt trägt sie aber nur wenig zur Belebung der Konjunktur im Euroraum bei." "Viel wichtiger als zusätzliche Impulse der EZB sind für die Belebung der Wirtschaft in den schwachen Volkswirtschaften weitere energische Anstrengungen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und zur Gesundung der Staatsfinanzen."

Gustav Horn, Direktor des IMK: "Der Schritt ist vornehmlich symbolischer Natur. Auf der einen Seite signalisiert die EZB mit ihm, dass sie der Rezession im Euroraum Rechnung trägt. Dies mag helfen, die Märkte ruhig zu halten und die Erwartungen zu stabilisieren. Auf der anderen Seite überlagert die Krise des Euroraums diesen positiven Aspekt völlig. In einem derart unsicheren ökonomischen Umfeld werden auch die niedrigen Zinsen die Unternehmen nicht zu spürbar erhöhten Investitionen anregen. Daher bleibt die Überwindung dieser Krise die dringlichste Herausforderung für die europäische Wirtschaftspolitik."

Ralf Umlauf, Volkswirt Helaba: "Konkrete Hinweise auf weitere Langfristtender gab es nicht. Nach Ansicht von Draghi würden die bisherigen Tender noch Zeit benötigen, um zu wirken. Bis jetzt sei der Kreditfluss weiterhin schwach. Unsere Einschätzung: Die Reduzierung des Hauptrefinanzierungssatzes auf 0,75 Prozent kam nicht überraschend, allerdings zeigen sich Markteilnehmer irritiert darüber, dass der Einlagezins auf null Prozent gesenkt wurde. Es ist fraglich, ob mit dieser Maßnahme der Interbankenhandel angeregt werden kann. Demgegenüber dürfte die Investition in Geldmarktfonds unattraktiver werden und das Wertpapierleihgeschäft weiter austrocknen."

Georg Fahrenschon, Sparkassenverband (DSGV): "Der Zinsschritt ist vor dem Hintergrund der aktuellen Situation vertretbar. Einen nennenswerten konjunkturellen Effekt wird diese Zinssenkung von nahe Null auf noch näher Null jedoch nicht haben."

Hans Reckers, Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands: "Die Leitzinsentscheidung verschafft den EU-Krisenstaaten zwar Luft, um überfällige Reformen umzusetzen und die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Volkswirtschaften zu verbessern. Diese Atempause hat aber nur kurzfristige Wirkungen und ist zudem teuer erkauft. Während die Märkte durch die Herabsenkung des Leitzinses zusätzliche Liquidität erhalten, werden Spareinlagen bei Banken aufgrund des niedrigen Zinsniveaus zunehmend unattraktiver. Die Vermögensentwertung zulasten der Sparkunden ebenso wie der Trend zur Flucht in Sachwerte werden damit nochmals beschleunigt. Kritisch ist zudem, dass die EZB ihren geldpolitischen Handlungsspielraum für den Fall einer weiteren Zuspitzung der Krise durch die heutige Zinsentscheidung weiter eingeschränkt hat."

Kai Carstensen, Ifo-Institut: "Die Zinssenkung wird voraussichtlich keine messbaren Auswirkungen auf die Realwirtschaft in den Krisenländern haben. Die Interbankzinsen sind ohnehin extrem niedrig und die sicheren Langfristzinsen ebenso. Entscheidend für Südeuropa sind die Risikoprämien, und die lassen sich durch Zinsentscheide wohl kaum beeinflussen. Aus meiner Sicht ist die Zinssenkung am ehesten als zusätzlicher Schritt bei der Subventionierung von schwächelnden Banken zu verstehen."

Thomas Amend, Volkswirt bei HSBC Trinkaus: "Die Entscheidungen hatten sich schon abgezeichnet. Die einzige Überraschung ist die Absenkung des Einlagezinses auf null Prozent. Die Zinssenkung dürfte eher psychologische Effekte haben, denn die Zinsen sind ja schon vorher extrem niedrig gewesen. Rein ökonomisch dürfte der Effekt gering sein. Die Politik ist weiterhin am Zug, die Beschlüsse des EU-Gipfels umzusetzen und weitere Maßnahmen gegen die Schuldenkrise zu finden."

cr/dpa/dpa-afx/rtr
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