Wende auf dem Arbeitsmarkt Die Spanier kommen

In Südeuropa herrscht Massenarbeitslosigkeit, während in Deutschland viele Unternehmen händeringend Fachkräfte suchen. Jetzt werben die ersten Firmen gezielt hochqualifizierte Spanier an. Dennoch läuft die Zuwanderung nach Deutschland eher schleppend.
Stark gesucht: Deutsche Unternehmen steigern die Anwerbung von Hochqualifizierten in den europäischen Krisenstaaten

Stark gesucht: Deutsche Unternehmen steigern die Anwerbung von Hochqualifizierten in den europäischen Krisenstaaten

Foto: picture alliance / dpa

Hamburg - Paula Bernedo Juez ist zufrieden: An nur einem Tag hat sie fünf Vorstellungsgespräche hinter sich gebracht. Für die Chance auf einen neuen Job ist die Maschinenbauingenieurin eigens aus ihrer Heimat Gran Canaria in den tiefsten Schwarzwald gereist: Gemeinsam mit 99 weiteren spanischen Ingenieuren ließen die örtlichen Wirtschaftsförderer sie zum Bewerbungs-Marathon nach Villingen-Schwenningen einfliegen.

Für eine Stelle auf Gran Canaria oder auf dem spanischen Festland hatte die Ingenieurin zuvor vergeblich Bewerbungen geschrieben. "Noch vor wenigen Jahren war es einfach, als Ingenieurin eine neue Stelle zu finden", sagt Bernedo Juez. "Aber jetzt finden selbst sehr gut ausgebildete Ingenieure mit Berufserfahrung kaum noch Jobs."

Die Rezession im krisengeschüttelten Spanien fordert ihren Tribut, berichtet die Ingenieurin. Viele ihrer Freunde und Bekanntensind arbeitslos. Mittlerweile ist jeder vierte Spanier ohne Job. Vor allem junge Menschen fürchten um ihre berufliche Zukunft. Fast 50 Prozent der Unter-25-jährigen im Land suchen vergeblich nach einer Arbeitsstelle.

Einladung aus dem Schwarzwald

Da kam die Einladung aus dem Schwarzwald für die Nachwuchsingenieure wie gerufen: 24 Mittelständler aus der Region hatten bei den Wirtschaftsförderern einen Bedarf von 59 Ingenieursstellen angemeldet. Auch Stefan Ahlhaus, Personalleiter beim Medizintechnikhersteller Karl Storz, hat die spanischen Bewerber unter die Lupe genommen. "Vier Bewerber wären tatsächlich geeignet, um offene Stellen zu besetzen", sagt er.

Der 2000-Mitarbeiter-Betrieb spürt den Fachkräftemangel in Deutschland bereits seit Längerem. "Die Situation ist nicht dramatisch, aber wir müssen schon häufig monatelang suchen, bis wir eine offene Stelle besetzen können", berichtet Ahlhaus. Der Hauptgrund: "Qualifizierte Fachkräfte können sich ihren Job aussuchen. Es ist nicht leicht, sie zu überzeugen." Die Vermittlungsaktion der regionalen Wirtschaftsförderer kam also gelegen: "Wir sehen das als eine Art Testballon. Bisher haben wir uns noch nicht aktiv im Ausland umgeschaut, um den Fachkräftebedarf zu decken."

Ein Hindernis für die Kandidatensuche im Ausland seien fehlende Sprachkenntnisse - das zeige sich auch bei den spanischen Bewerbern, die nach Villingen-Schwenningen gekommen sind. "Einige sprechen wenig oder gar kein Deutsch", sagt Ahlhaus. Das sei ein Problem: "Nicht für alle Stellen reichen Englischkenntnisse im Arbeitsalltag aus. In vielen Abteilungen wäre die Kommunikation schwierig."

Deutschland avanciert zum Einwandererstar der OECD

Die Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeber (BDA) macht fehlende Sprachkenntnisse ebenfalls als wichtigste Bremse für die Zuwanderung aus: "Gut qualifizierte Bewerber aus dem europäischen Ausland sind bei den Unternehmen durchaus gefragt", sagt ein Sprecher der Organisation. "Fehlende Sprachkenntnisse sind aber oft ein Hindernis."

Die deutschen Betriebe seien in dieser Hinsicht sehr konservativ, bestätigt auch Herbert Brücker, Experte für Migration beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). "Das ist ein Grund, warum die Zuwanderung in den deutschen Arbeitsmarkt bisher trotz der hohen Arbeitslosenzahlen in den südeuropäischen Ländern überschaubar bleibt."

So seien bis Ende 2011 gerade einmal 30.000 bis 35.000 Menschen aus den Krisenländern Spanien, Griechenland, Irland und Italien nach Deutschland eingewandert. "Die Zuwanderungszahlen aus Südeuropa steigen, aber langsam und von einem niedrigen Niveau aus", sagt Brücker. Deutlich mehr Zuwanderer kämen aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten im Osten Europas.

"Insgesamt ist die Nettozuwanderung im Jahr 2011 auf fast 280.000 Menschen gestiegen", berichtet Brücker. "Das ist deutlich mehr als der langjährige Durchschnitt von rund 75.000 Zuwanderern pro Jahr." Deutschland ist damit das OECD-Land, das aktuell das stärkste Wachstum der Migration zu verzeichnen hatte, meldet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD).

300.000 Zuwanderer benötigt

Schafft es Deutschland, dieses Zuwanderungsniveau in den kommenden Jahren zu halten, könnte das die zu erwartenden Lücken am heimischen Arbeitsmarkt fast schließen: "Wir werden mittelfristig 200.000 bis 300.000 Nettozuwanderer brauchen, damit der Arbeitsmarkt hierzulande nicht austrocknet", rechnet IAB-Experte Brücker vor.

Steigende Zuwanderungszahlen sind also eine gute Nachricht für den deutschen Arbeitsmarkt. Hinzu kommt: Das Qualifikationsniveau der Neu-Zuwanderer ist gestiegen. "Mittlerweile verfügt rund die Hälfte aller Zuwanderer über eine hohe berufliche Qualifikation. Vor wenigen Jahren lag der Anteil der Hochqualifizierten noch bei nur 20 Prozent", sagt Brücker.

Die verstärkte Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte hat dem deutschen Arbeitsmarkt gut getan, bestätigt Steffen Henzel vom Münchener Ifo-Wirtschaftsforschungsinstitut. "Wir hatten eigentlich für das Jahr 2012 einen Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials erwartet", sagt er. Das heißt: Verfügbare Arbeitskräfte wären ohne die vermehrte Zuwanderung dieses Jahr knapp geworden - und das, obwohl die Unternehmen gleichzeitig vergleichsweise viele offene Stellen anbieten.

"Die Beschäftigtenzahl und die Zahl der offenen Stellen stagnieren zwar aktuell, aber auf einem hohen Niveau", sagt Hetzel. In einigen Branchen käme es deshalb weiterhin zu Engpässen, obwohl die Zahl der offenen Stellen im Juni auf den niedrigsten Stand seit gut einem Jahr sank. Doch werde der Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials dieses Jahr durch die unerwartet hohe Zuwanderung ausgeglichen, sagt Henzel. "Das sorgt für Entspannung am Arbeitsmarkt."

400 Ingenieure aus den Krisenstaaten für 3000 Euro Monatslohn

Damit dieses Prinzip auch in Zukunft funktioniert, wenn die demographische Entwicklung das Angebot an Arbeitskräften zunehmend ausdünnt, muss Deutschland allerdings noch einiges tun. Der aktuelle Integrationsbericht der Bundesregierung zeigt: Migranten sind auf dem deutschen Arbeitsmarkt bisher nicht gut integriert.

Die Arbeitslosigkeit von Einwanderern ist seit rund zwanzig Jahren konstant etwa doppelt so hoch wie die der Deutschen - und das, obwohl die Zahl der Migranten mit höheren Bildungsabschlüssen steigt. "Bei den Neu-Zuwanderern, die ein hohes Qualifikationsniveau mitbringen, wird die Integration in den Arbeitsmarkt zwar leichter fallen", sagt IAB-Experte Brücker. "Aber der deutsche Arbeitsmarkt muss sich noch viel stärker öffnen, um für Fachkräfte aus dem Ausland attraktiv zu werden."

Vereinzelte Anwerbeaktionen wie die Ingenieursvermittlung in Villingen-Schwenningen könnten nicht viel bewirken - nicht zuletzt, weil der Ingenieurmangel hierzulande nach Angaben des Ingenieurverbandes (VDI) hierzulande schon Milliardenschäden verursacht. "Anwerbeaktionen müssten viel systematischer umgesetzt werden. Unternehmen, Verbände und staatliche Einrichtungen müssten gemeinsam Programme entwickeln, um Arbeitskräfte anzuwerben", sagt IAB-Experte Brücker dann auch.

Sprachkurs, 6 Monate Probezeit, dann unbefristetes Arbeitsverhältnis

Unternehmer, die im Ausland Fachkräfte suchen, fühlen sich von der Politik noch häufig allein gelassen. Die international tätige Ingenieurgesellschaft Rücker in Wiesbaden startete daher auf eigene Faust eine Anwerbeaktion für Ingenieure aus den europäischen Krisenstaaten: 400 Ingenieure für den Fahrzeug- und Maschinenbau, die Luftfahrt, die Elektrotechnik und den Anlagenbau will der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Rücker nach Deutschland holen. Dazu bietet ihnen das Unternehmen auch einen zweimonatigen Deutsch-Intensivsprachkurs. Nach einer sechsmonatigen Probezeit mit einem Gehalt von 3000 Euro winkt ein unbefristetes Arbeitsverhältnis.

Rücker kritisiert, dass es keine staatlichen Hilfen für die Integration der ausländischen Fachkräfte gibt: "Um unsere Chancen im Ausland optimal nutzen zu können, erwarten wir von der Politik mehr Engagement. Und zwar mit praktischen, konzeptionellen und finanziellen Initiativen, um die Eingliederung in den deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern." Konkrete Vorstellungen, wie ein staatlich gefördertes Willkommens-Paket aussehen könnte, hat er auch schon: Rücker fordert Subventionen für Intensiv-Sprachkurse und Weiterbildungsmaßnahmen und Hilfe bei der Wohnungssuche.