Euro-Krise Ab in die Reha-Klinik

Der Wirtschaftsprofessor und Ifo-Chef Hans-Werner Sinn lobt den Widerstand der Kanzlerin. Im Falle einer Vergemeinschaftung der Schulden im Euro-Raum sieht er einen Untergang Europas voraus. Sinn will die Südstaaten in die Rekonvaleszenz entlassen.
Von Cornelia Knust
Will die Gläubiger in die Pflicht nehmen und überschuldete Staaten in die Reha entlassen: Ökonom Hans-Werner Sinn will den Euro durch einen "Austritt an den Rändern" retten

Will die Gläubiger in die Pflicht nehmen und überschuldete Staaten in die Reha entlassen: Ökonom Hans-Werner Sinn will den Euro durch einen "Austritt an den Rändern" retten

Foto: DPA

München - Mit dem Mantel der Geschichte wedeln nicht nur Bundeskanzler wie einst Helmut Kohl, der in seiner Amtszeit den Euro mit auf den Weg gebracht hat. Auch Wirtschaftsprofessoren können manchmal ganz schön grundsätzlich werden. "Entweder wir destabilisieren einige Vermögensportfolios oder unser Staatswesen", sagte Hans-Werner Sinn am Rande der Jahresversammlung seines Forschungsinstituts Ifo in München.

Die Investoren selber müssten die riesigen Abschreibungsverluste tragen, die aus der Banken- und Staatsschuldenkrise erwachsen sind, sagte Sinn vor der Presse. "Jemand anderes steht nicht zur Verfügung". Wenn Gläubiger und Schuldner ein Problem hätten, sei das nicht Sache des Steuerzahlers.

Natürlich schürten die Gläubiger ein Weltuntergangsszenario, um den Zusammenbruch ihres Portfolios zu verhindern. Wenn man sie beruhige, beunruhige man gleichzeitig den Steuerzahler.

Sinn zeigte sich erleichtert über die "außergewöhnliche Klarheit", mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Vergemeinschaftung von Schulden im Vorfeld des heute beginnenden Euro-Gipfeltreffens abgelehnt hat. "Ich bin außer mir über diese Idee und Frau Merkel auch - und zu Recht", sagte Sinn. Notfalls müsse Merkel den Gipfel platzen lassen. Wenn Merkel doch noch nachgäbe, würde das deutsche Kreditrating sofort sinken, die Zinsen steigen, meinte Sinn. Die Folge wäre eine Destabilisierung des ganzen Euro-Systems: "Der Untergang Europas ist dann ziemlich sicher".

Euro durch "Austritt an den Rändern" retten

Die Ökonomen in Deutschland seien sich ja weitgehend einig, dass es eines "Austritts an den Rändern" bedürfe, um den Euro zu retten, erklärte Sinn. Wenn man den europäischen Nationalstaat nicht wolle (er persönlich wolle ihn übrigens), dann sei die Währungsunion nicht zu halten. Sinn sprach nicht nur von Griechenland: Alle hoch verschuldeten Länder sollten sich auf eigenen Wunsch in die Reha-Klinik einweisen lassen können, um per Abwertung ihre relativen Preise anzupassen. Sie könnten dem Euro-System ja dennoch verbunden bleiben und später wieder eintreten.

Sinn räumte ein, dass solche Austritte viele Unwägbarkeiten mit sich brächten, die schwer auszurechnen seien. Die Kosten einer Staatspleite in den fünf Krisenländern für die Gemeinschaft der Euro-Länder könne man dagegen sehr genau beziffern. Sie machten 2100 Milliarden Euro aus, davon allein 700 Milliarden Euro für Deutschland und davon wieder der größte Teil in Form von Target-Salden, also Forderungen der Deutschen Bundesbank an die Notenbanken der betroffenen Länder, die dann nicht mehr zurückkommen.

Wenn der Euro insgesamt zerbreche, kämen noch die Bruttoforderungen Deutschlands an die Europäische Zentralbank (EZB) hinzu. Das sei ja der Grund, warum Deutschland im Euro gefangen sei. Weil im EZB-Rat keine demokratischen Beschlüsse gefasst würden, also Deutschlands Stimme nicht viel mehr zähle als die Maltas, gebe es kein Entrinnen.

Risikoszenario wird wahrscheinlicher

Die Unsicherheit über den Euro dämpft inzwischen auch die deutsche Konjunktur und macht Zukunftsprognosen immer schwieriger. Kai Carstensen, Konjunkturchef des Ifo-Instituts, nimmt für dieses Jahr in Deutschland im Jahresdurchschnitt 0,7 Prozent Wirtschaftswachstum an und für 2013 rund 1,3 Prozent. Das ist schon eine leichte Korrektur nach unten und gilt außerdem nur in einem "Basisszenario", in dem zwar ein Austritt Griechenlands schon verarbeitete ist, aber unter der Annahme, dass die Schuldenkrise dadurch nicht weiter eskaliert. Die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Risikoszenarios, in dem genau diese Eskalation passiert, sei allerdings derzeit fast genauso hoch.

"Die Lage in Deutschland ist gut, aber sie wird schlechter", sagte Carstensen vor der Presse. Weil das restliche Europa Rezession hat und die Weltwirtschaft nicht mehr so brummt, tragen die Exporte in diesem Jahr am wenigsten zum Wachstum bei. Im nächsten Jahr fällt die Schlüsselrolle endgültig der Binnennachfrage zu, die um (für Deutschland traumhafte) 1,5 Prozent zulegen soll - mit entsprechender Wirkung auf die Importe.

Auch bei den Arbeitslosen bleibt es bei Traumquoten: 6,6 Prozent ist die Ifo-Zahl für 2013; diese 6,6 Prozent allerdings wurden auf Monatssicht bereits im aktuellen Juni erreicht. Im kommenden Jahr werde es in Deutschland auch zum ersten Mal nach der Wiedervereinigung ein ausgeglichenes Finanzierungssaldo des Staates geben, also inklusive der Sozialkassen und konjunkturelle Schwankungen herausgerechnet ("strukturelles Defizit").

Die schlechte Nachricht: Die Inflationsrate bleibt trotz sinkender Energiepreise auch im nächsten Jahr bei 2 Prozent, auch wenn die hiesige Teuerungsrate zuletzt auf 1,7 Prozent gefallen war. Kurzfristig bestehe trotz der sehr niedrigen Zinsen noch keine Gefahr für die Preisniveaustabilität, sagte Carstensen, doch die Politik müsse sich jetzt schon darauf vorbereiten, eine Überhitzung bestimmter Märkte zu verhindern.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.