Dienstag, 10. Dezember 2019

Schuldenkrise "Die Stimmung in Irland ist wütend"

Nein zum Fiskalpakt: Der Unmut in Irland über die Sparvorgaben wächst

Während Griechenland auf Erleichterung der EU-Sparauflagen hoffen kann, mühen sich Länder wie Irland weitestgehend schweigend durch die Krise. Doch jetzt reicht es, meint Gewerkschafter Macdara Doyle vom Irish Congress of Trade Unions.

mm: Während in Griechenland Barrikaden brennen, scheinen die Iren die Sparmaßnahmen stoisch hinzunehmen. Oder täuscht der Eindruck?

Doyle: Wahrnehmung kann täuschen. Die Stimmung in Irland ist wütend - vielleicht mögen wir es nur nicht, auf die Straße zu gehen. Denken sie daran, die erfolgreichste Partei in Westeuropa, gemessen an ihrer Zeit an der Regierung, die Fianna Fail, wurde in den jüngsten Wahlen pulverisiert. Es gibt politische Grenzen der Sparsamkeit und die sind nun in Irland erreicht.

mm: Aber hat Irland nicht den Fiskalpakt per Referendum abgesegnet?

Doyle: Das Ja-Votum zum Referendum sollte nicht falsch interpretiert werden. Die Menschen haben mit einem Revolver an der Schläfe gewählt.

mm: Kommt Irland nicht voran?

Doyle: Irland kommt auf seinem Erholungspfad nicht voran. Reine Sparsamkeit hat in Irland nicht funktioniert - und auch anderswo nicht. Unsere Arbeitslosigkeit liegt bei 14,8 Prozent - in den vergangenen vier Jahren hat sie sich verdoppelt. Und sie wäre noch höher, wenn die Menschen nicht emigrieren würden, vor allem die jüngsten und klügsten, die ihre Zukunft anderswo suchen. Ende dieses Jahres wird Irland den größten Arbeitsplatzverlust unter allen entwickelten Ländern aufweisen seit Ende der großen Depression. Wir haben auch gesehen, dass die Binnennachfrage im gleichen Zeitraum um gut ein Viertel eingebrochen ist. Auch das gab es noch nicht im Nachkriegseuropa. In aller Kürze: Irlands Wirtschaft wird 2013 ins sechste Jahr der Kontraktion laufen, belastet von den Problemen der Arbeitslosigkeit und ständiger Furcht und Unsicherheit über die Zukunft.

mm: Und was ist die Lösung?

Doyle: Wenn wir irgendeine Hoffnung auf Erholung haben wollen, brauchen wir eine große Investmentinitiative, um die heimische Nachfrage zu stärken und Jobs zu kreieren. Und wir brauchen auch eine europaweite Lösung des Problems der privaten Bankschulden, dieser Bürde, die die irischen Steuerzahler geschultert haben. Unsere aktuellen Schulden - inklusive der Bankschulden - sind nicht bezahlbar. Wir haben doch nur gerade mal 1,75 Millionen Arbeitskräfte. So wie es aktuell läuft, brauchen wir ein zweites "bailout".

mm: In Griechenland sieht es so aus, als würde die EU nochmals über eine Abschwächung der Sparbedingungen mit sich reden lassen. Wie ist die irische Sicht dieser Entwicklung?

Doyle: Auch wenn es Unterschiede zur griechischen Situation gibt, ist das grundsätzlich ein europäisches Problem, das auf europäischer Ebene gelöst werden sollte. Der Versuch, "lokale" Lösungen zu finden, hat die Krise verschlimmert und das Feuer sich ausbreiten lassen. Erst im vergangenen Jahr hat ein EZB-Offizieller damit geprahlt, die Krise in Irland sein eingedämmt. Solche Kurzsichtigkeit hat dafür gesorgt, dass die Krise sogar schlimmer geworden ist.

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung