Nach der Griechen-Wahl "Wir sagen heute 'Guten Morgen, Europa' "

Vassilis Korkidis, Präsident des griechischen Unternehmensverbandes ESEE, freut sich über das Wahlergebnis. Drei Dinge muss die neue Regierung sofort anpacken, sagt der Verbandschef im Gespräch mit manager magazin online. Dann könne es sein Land schaffen - allerdings erst in Jahren.
"Ich hoffe, Europa sagt: 'Guten Morgen, Griechenland'": Europaflagge vor der Akropolis in Athen

"Ich hoffe, Europa sagt: 'Guten Morgen, Griechenland'": Europaflagge vor der Akropolis in Athen

Foto: REUTERS

mm: Herr Korkidis, Die Wahl in Griechenland ist gelaufen, wie gefällt Ihnen das Ergebnis?

Korkidis: Ich glaube, das Wahlergebnis ist eine Erlösung. Die Griechen haben für den europäischen Kurs gestimmt und für den Euro als unsere Währung. Wir sagen heute "Guten Morgen, Europa", und ich hoffe, Europa sagt: "Guten Morgen, Griechenland". Ich glaube, es war unsere zweite und letzte Chance, eine verantwortliche Regierung zu bekommen. Eine seriöse Regierung, die in Europa respektiert wird. Von nun an werden sich die Dinge ändern.

mm: Das klingt sehr optimistisch.

Korkidis: Ja, wir brauchen eine Mehrparteien-Regierung und eine, die dauerhaft im Amt bleibt. Wir wollen das Wort "Wahlen" vor den Europawahlen 2014 nicht mehr hören. Die Griechen und die hiesige Wirtschaft, die kleinen und mittleren Unternehmen, wollen nun vor allem eins: Hart arbeiten. Wir müssen arbeiten um unsere Schulden zu bezahlen. Alle Kaufeute wissen: Wer Verträge schließt, muss verlässlich sein. Ich hoffe, dass Europa uns die nötige Zeit gibt, das Sparprogramm umzusetzen, was wirklich nicht einfach ist.

mm: Allerdings hat Alexis Tsipras mit seinem linken Syriza-Bündnis eine Menge Stimmen bekommen. Wird es für die künftige Regierung, die wohl der konservative Antonis Samaras bilden wird, ein Problem sein, dass so viele Menschen in Griechenland gegen die Sparpolitik sind?

Korkidis: Herr Tsipras wird eine starke Opposition darstellen. In der Demokratie gibt es immer die Regierung und die Opposition. Ich denke, Herr Tsipras ist ein junger Mann, der noch Zeit hat zu reifen und seine Partei zu organisieren. Als zweitstärkste Kraft kann er sogar hilfreich sein. Wir brauchen eine Regierung mit den Besten der Besten. Auch wer nicht in der Regierung ist, muss dabei helfen, Griechenland aus der Krise zu führen. Nicht aus dem Euro.

mm: Glauben Sie, Tsipras wird in die Opposition gehen, oder wird er an der Regierung beteiligt sein, wie es von Pasok-Chef Evangelos Venizelos angedeutet wurde?

Korkidis: Ich sähe ihn gerne in der Regierung, denn die Griechen brauchen eine Regierung mit so vielen Parteien wie möglich. Und die zweitstärkste Partei ist natürlich wichtig für eine Regierung. Aber soweit ich Herrn Tsipras am Wahlabend verstanden hab, will er eine starke Opposition machen. Diese Dinge können sich aber natürlich noch ändern.

mm: Was bedeutet das Wahlergebnis für die griechische Wirtschaft und für die Unternehmen?

Korkidis: Wir hatten zwei Monate zwischen den Wahlen, die in der Wirtschaft großen Schaden angerichtet haben. Aufgrund der Unsicherheit über den künftigen Kurs war Griechenland praktisch isoliert, beispielsweise im Handel oder auch im Tourismus. Ich denke, das Klima ändert sich nun. Und wir müssen die Gelegenheit wahrnehmen, die Dinge zu ändern. Es gibt viel zu tun, und die neue Regierung muss hart daran arbeiten.

mm: Womit sollte sie anfangen?

Korkidis: Drei Dinge sind erforderlich. Das wichtigste ist ein einfaches, stabiles und langfristig angelegtes Steuersystem. Zweitens: Weil wir ein Urlaubsland sind, brauchen wir einen wettbewerbsfähigen Fremdenverkehrssektor mit einem niedrigeren Preisniveau, relativ zu anderen europäischen Ländern. Zudem müssen wir Löhne und Gehälter, Steuern und Preise ins Gleichgewicht bringen. Das sind die Dinge, die sofort angegangen werden müssen. Es gibt ein Wirtschaftsprogramm, das das vorsieht. Es läuft noch nicht richtig und muss vorangetrieben werden.

"Wahrscheinlich müssten wir Griechenland umbenennen"

mm: Und wie sind die Chancen, dass das klappt?

Korkidis: Ich denke, die Stimmungslage an den Märkten ändert sich nun, und das gibt der Wirtschaft eine gute Chance, in Schwung zu kommen. Wir müssen den Leuten einfach Anreize geben, sich für Griechenland und seine Produkte zu entscheiden. Es erfordert viel harte Arbeit in den kommenden Jahren, all das zurückzugewinnen, was wir in den vergangenen Jahren verloren haben.

mm: Aber wie realistisch ist es, so hart zu arbeiten? Es gibt jetzt schon viele Leute auf den Straßen Griechenlands, die gegen diesen harten Kurs demonstrieren.

Korkidis: Ja, das macht auch mir Sorgen. Die Leute müssen einfach verstehen, dass es nicht um eine Entscheidung zwischen Griechenland und ihrem persönlichen Schicksal geht. Die Regierung muss die Botschaft aussenden, dass das wichtigste, das die Leute machen können, ist, zur Arbeit zu gehen. Natürlich weiß ich auch, dass die Arbeitslosigkeit ein großes Problem ist in Griechenland. Deshalb fordern wir, den kleinen und mittleren Unternehmen Anreize zu geben, damit sie die Anzahl ihrer Mitarbeiter aufrechterhalten. Möglich sind beispielsweise steuerliche Anreize.

mm: Was schwebt Ihnen da vor?

Korkidis: Wenn ein Unternehmen zum Beispiel einen Arbeitslosen einstellt, könnte das die Steuerlast der Firma um einen bestimmten Prozentsatz senken. Der Nutzen für die gesamte griechische Wirtschaft wäre viel größer, als wenn der Staat einen Arbeitslosen unterstützt. Es gibt also Lösungen. Und Jobs zu schaffen ist ohnehin das wichtigste. Ein anderes Beispiel sind die Steuerzahlungen, die auf ein automatisiertes, elektronisches System umgestellt werden sollten.

mm: Glauben Sie, das so etwas eingeführt wird?

Korkidis: Es muss eingeführt werden. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.

mm: Apropos Zeit, was glauben Sie, wie lange wird es dauern, bis Griechenland wieder so gesund ist, dass es keine Hilfe von außen benötigt?

Korkidis: Meiner Meinung nach wird das noch neun Jahre dauern. Griechenland wird nicht vor 2021 selbstständig sein können. Aber schon ab 2014 werden sich die Dinge in eine positive Richtung entwickeln. Bis dahin kann Griechenland nur mit Hilfe der Euro-Staaten finanziert werden. Wie Sie wissen, ist der Zugang zu den Kapitalmärkten für Griechenland zurzeit versperrt. Wir haben also nur einen Freund, und das ist die Euro-Zone. Ich glaube fest daran, dass es für Griechenland und die übrigen europäischen Staaten nur eine Lösung gibt, und das sind die Vereinigten Staaten von Europa.

mm: Die Euro-Zone zu verlassen ist keine Alternative?

Korkidis: Nein, das wäre ein Alptraum. Die Drachme ist keine Lösung. Wir müssen vorwärts schreiten, nicht rückwärts. Wenn wir zur Drachme zurückkehren, würde die Währung binnen einer Woche so stark abwerten, dass aus einer 10.000-Euro-Rechnung eine 30.000-Drachmen-Rechnung würde. Das ist auch der Grund dafür, weshalb die Leute hierzulande in den letzten Tagen vor der Wahl zum Supermarkt gelaufen sind, und sich mit Lebensmitteln wie Nudeln, Reis und so weiter eingedeckt haben.

mm: Panik?

Korkidis: Ja, das war Panik. Mindestens zehn Milliarden Euro wurden den griechischen Banken in den vergangenen Monaten entzogen. Nein, mit der Drachme hätten wir keine Chance an den Märkten. Wahrscheinlich müssten wir Griechenland umbenennen, um wieder auf die Beine zu kommen.

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