Dewey & LeBoeuf Pomp-Anwälte machten sich zur Hollywood-Kulisse

Ihre Büros waren so bombastisch, dass Hollywood sie als Kulisse für einen George-Clooney-Thriller nutzte, selbst der Hausmeister hat Dewey & LeBoeuf 300.000 Dollar in Rechnung gestellt. Jetzt sind die maßlosen Anwälte pleite - und ähneln den Desaster-Bankern in der Finanzkrise.
Von Markus Gärtner
Avenue of the Americas: Pompöser Dienstsitz der Pleite-Anwälte von Dewey & LeBoeuf

Avenue of the Americas: Pompöser Dienstsitz der Pleite-Anwälte von Dewey & LeBoeuf

Foto: Corbis

New York - Es waren Gier, Maßlosigkeit und das Unvermögen, zur rechten Zeit bei rückläufigem Geschäft und explodierenden Vergütungen die Reißleine zu ziehen. Jetzt hat Dewey & Leboeuf in New York mit mehr als 1300 Anwälten die größte Pleite einer Kanzlei in der US-Geschichte hingelegt. Alle Büros in den USA werden geschlossen. Das gilt auch für Niederlassungen in Frankfurt, London, Paris, Madrid, Peking und Sao Paulo.

Im Insolvenzantrag, der in der Nacht auf Dienstag europäischer Zeit bei einem Gericht in New York eingereicht wurde, sind 245 Millionen Dollar Verbindlichkeiten aufgeführt. Sie stehen 193 Millionen Dollar Eigenkapital gegenüber. Die Vergütungszusagen sollen laut Bloomberg in einzelnen Fällen 100 Millionen Dollar erreicht haben.

Zahlreiche Partner standen mit mehr als fünf Millionen auf der Gehaltsliste. Zu diesen "Regenmachern" genannten Superstars gehören der M&A-Spezialist Morton Pierce sowie der auf Fälle in Lateinamerika spezialisierte Firmenanwalt Michael Fitzgerald.

Dewey wird das Opfer seiner Vergütungszusagen - sie waren maßlos, obwohl die Geschäfte mit Fusionen und Übernahmen schrumpften und Finanz-Deals für Gewerbeimmobilienunternehmen eher schleppend verliefen. Zudem zeigten sich US-Gerichte in der jüngsten Vergangenheit wegen der eskalierenden Zahl von Patentstreitigkeiten strapaziert und sagten in vielen Fällen weniger Schadenersatz zu als vermutet.

"In schwierigen Zeiten schnüren die Geschworenen in den Gerichten die Gürtel enger und sprechen Schadenersatz vorsichtiger zu. Sie wissen, dass sie mit den Firmen nicht so hart ins Gericht gehen können", erläutert der Anwalt Steven Routh bei der Kanzlei Orrick, Herrington & Sutcliffe.

Auf Jagd nach Staranwälten - mit stetig steigenden Garantieprämien

Das schmälert die Gewinne vieler Kanzleien, die sich seit Jahren darin überbieten, mit stets steigenden Garantieprämien Staranwälte von Wettbewerbern anzuheuern und in einer Wirtschaft zu wachsen, in der volatile Finanzmärkte die Klienten vorsichtiger und bei juristischen Auseinandersetzungen zurückhaltender gemacht haben.

An prominenten Fällen hat es bei Dewey nicht gemangelt. Die Kanzlei vertrat das berühmte Baseball-Team der Los Angeles Dodgers, die sich erst Anfang Mai durch einen Zwei-Milliarden-Dollar-Verkauf an die Guggenheim Baseball Partners aus der Insolvenz verabschiedeten. Zum Käuferkonsortium gehört die Basketball-Legende "Magic Johnson."

Dewey beriet auch den Computer-Konzern Dell  bei zwei kürzlich abgeschlossenen Übernahmen sowie den New Yorker Star-Developer Harry Macklowe. Die Kanzlei verteidigt auch den Genspezialisten Illumina gegen ein feindliches Übernahmeangebot des Pharmagiganten Roche.

Um solche Kundschaft anzulocken, mietete sich Dewey in einer der feinsten Adressen New Yorks auf zehn Etagen in der Avenue of the Americas ein. Die Büros waren so elegant und glanzvoll, dass hier Szenen des George-Clooney-Thrillers Michael Clayton gedreht wurden.

Praktikanten für 3000 Dollar je Woche

Überraschend kommt die Pleite keineswegs. Allein von Januar bis März sprangen 20 Prozent der beteiligten Partner ab. Bis in der vergangenen Woche wechselten 250 der 304 Partner der Kanzlei zu anderen Firmen.

Vor zwei Monaten hatte es intern Gerüchte gegeben, die Versicherung von Dewey übernehme keine Arztkosten mehr. Die privat platzierten Anleihen der Kanzlei wurden schon Anfang des laufenden Monats von der CRT Capital Group, die sich auf Wackelanleihen spezialisiert hat, auf einen Restwert von 45 bis 55 Cent je Dollar geschätzt. Lieferantenforderungen werden nur noch auf fünf bis acht Cent je Dollar geschätzt.

Dann der nächste Schritt: Im April wurden alle Praktika für Jurastudenten in diesem Sommer abgesagt. Die angehenden Anwälte hätten 3000 Dollar pro Woche verdient.

Und am vergangenen Wochenende trennte sich Dewey von seinem Chairman Steven Davis. Der Bezirksstaatsanwalt von Manhattan hat eine Untersuchung über angebliches Fehlverhalten von Davis eingeleitet. Dewey einigte sich seit April mit einer wachsenden Zahl von Kreditgebern und Anleihehaltern über ausstehende Forderungen, für die Dewey Anlagevermögen oder eigene Forderungen als Sicherheit bot.

Ein Partner nach dem anderen geht: "Als ob ein Damm bricht"

"Wenn eine Kanzlei pleite geht, ist das als ob ein Damm bricht", sagt der Bankrott-Spezialist Chip Bowles bei der Kanzlei Bingham Greenebaum in Louisville, Kentucky, "erst gehen nur wenige Partner, und wenn neue Aufträge für Streitfälle nicht mehr die laufenden Ausgaben bezahlen können, geht es ganz schnell."

Weil in dieser Branche scheidende Partner meist ihre Kunden und Streitfälle mitnehmen, hat die massenhafte Flucht der Dewey-Partner zu einem Einbruch der erwarteten Erlöse geführt. "Die wachsende Zahl von Abgängen hat weitere Abgänge ausgelöst und eine Spirale in Gang gesetzt", erklärt Jonathan Mitchell, der die Abwicklung der Kanzlei übernommen hat. Mitchell sieht sich mit einem Schlamassel offener Verfahren, hereinströmender Forderungen und ungedeckter Vergütungsgarantien konfrontiert.

Selbst die Hausmeister der Kanzlei haben Dewey auf Erstattung von 300.000 Dollar unbezahlter Rechnungen verklagt. "Ich wäre nicht überrascht, wenn die Abwicklung des Unternehmens sechs, sieben Jahre dauert, vielleicht sogar zehn Jahre", sagt Ed Reeser, der frühere geschäftsführende Partner im Büro von Los Angeles bei der Kanzlei Sonnenschein Nath & Rosenthal.

Reeser vergleicht die Dewey-Pleite mit dem "großen Feuersturm von Chicago", bei dem 1871 neun Quadratkilometer der Stadt abbrannten. Doch im Gegensatz zu den Opfern von damals fallen die meisten Dewey-Anwälte weich.

Kultur nachlassender Kontrollen und steigender Maßlosigkeit

Dewey & LeBoeuf ging 2007 aus der Fusion der Kanzleien Ballantine und LeBoeuf, Lamb, Greene & McRae hervor. Die Finanzkrise und die schlimmste Rezession seit 80 Jahren standen gerade bevor. "Diese negativen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, kombiniert mit dem rasanten Wachstum der Kanzlei und den horrenden Kompensationszusagen, ergaben eine Situation, in der der Cashflow nicht mehr reichte, um die Ausgaben und Vergütungszusagen zu decken", erläutert Mitchell die spektakuläre Pleite.

Ballantine wurde 1909 gegründet. Der berühmteste Partner der Kanzlei war der zweimalige Republikanische Präsidentschaftskandidat Thomas E. Dewey. Die Fusion kurz vor Ausbruch der Finanzkrise sollte die vereinten Partner in die erste Liga der international agierenden Kanzleien befördern.

Doch in einer Kultur mangelhafter Transparenz, nachlassender Kontrollen und eskalierender Vergütungen für eine kleine Zahl von Partnern in einem elitären Zirkel der Kanzlei konnte der Kollaps nicht ausbleiben.

Wenn das Karussell abbricht

"Die Kombination ausgeuferter Verbindlichkeiten und üppiger Bezahlung koppelte das Gebaren der Firma vom eigenen Erfolg ab und ließ keinen Raum mehr für Fehler", bilanziert der Anwalt Bruce MacEwen in der Kanzlei Adam Smith in New York, "die Märkte haben die Eigenschaften, Firmen mit dieser Attitüde zu bestrafen."

Die Pleite passiert in einem schwierigen Umfeld für die rasant wachsenden Kanzleien, die sich durch Größe und das Anheuern von Staranwälten am Markt besser positionieren wollen. Das Volumen der Fusionen und Übernahmen ging weltweit im ersten Quartal 2012 um satte 33 Prozent zurück. Der Abwärtstrend begann im zweiten Halbjahr 2011.

Allein das M&A-Karussell im Minensektor brach in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres laut dem Berater Ernst & Young um ein Drittel ein. Und wegen der dümpelnden Konjunktur in Europa und den USA haben sich die Finanzierungskosten für Deals im gewerblichen Immobiliensektor erhöht. All das übt Druck auf die Geschäfte der Kanzleien aus.

Schillernde Büros, üppige Marketing-Kampagnen

Wie bei der jüngsten Finanzkrise werden auch im Falle Dewey alte Erinnerungen wach. Schon 2003, in den Nachwehen des Dotcom-Crashs, ging in San Francisco auf spektakuläre Weise mit 900 Anwälten die Kanzlei Brobeck, Phleger & Harrison pleite.

Das 77 Jahre alte Traditionshaus, zu dessen Klienten der Ausrüster Cisco  gehörte, war in den 90er Jahren auf der Technologiewelle geritten und machte satte Geschäfte. Doch immer mehr Partner in großen Kanzleien wie Brobeck wanderten zu den jungen Dotcom-Firmen ab, die ihnen noch bessere Vergütungen zahlten. Die Kanzleien mussten sich auf ein sündhaft teures Bietergefecht bei den Vergütungen einlassen.

Um sich besser zu positionieren, wurden schillernde Büros eröffnet und die ganze Energie auf den boomenden Dotcom-Sektor fokussiert. Hinzu kamen üppige Marketing-Kampagnen. Brobeck wurde 2001 die erste Kanzlei der USA, die landesweit im Fernsehen Werbung schaltete. Die Kampagne auf CNN soll damals zehn Millionen Dollar gekostet haben.

Brobeck erregte 1998 Aufsehen, als ein Anwalt namens Tower Snow den Vorsitz übernahm. Unter Snow wurden die Einstiegsgehälter drastisch angehoben, um mit den besten Adressen der Branche in New York mitzuhalten.

Die Zahl der Partner wurde schnell ausgebaut. Doch die Vielzahl an Börsengängen, Venture Capital-Deals und Fusionen spülte zuverlässig gutes Geschäft herein. Der Umsatz sprang in nur zwei Jahren von 214 Millionen Dollar auf 314 Millionen Dollar Ende 2000. In diesem Jahr stieg die Zahl der Anwälte in der Kanzlei um 40 Prozent an.

Dann ging der Dotcom-Boom abrupt zu Ende - und genauso abrupt implodierte das System der Kanzlei Brobeck, Phleger & Harrison. Die Pleite der Anwälte von Dewey & LeBoeuf ist also kein Erstfall.

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