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Europa: Junge Generation in der Jobkrise

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Europa Junge Generation in der Jobkrise

Europas Staats- und Regierungschefs ringen in Brüssel um die richtige Strategie, der Rezession zu entkommen. Mit gutem Grund: Europaweit sind junge Menschen die Hauptleidtragenden der Schuldenkrise. Keine Arbeit, keine Zukunft - eine verlorene Generation wird zur Zerreißprobe für die Gesellschaft.

Hamburg - Alexia Tsouni dachte, sie hätte alles richtig gemacht. Die Wasserbau-Ingenieurin schloss ihr Studium als eine der Besten ihres Jahrgangs ab. Neben ihrer akademischen Ausbildung absolvierte sie diverse Praktika. Englisch und Französisch beherrscht die junge Griechin fließend. Sogar Berufserfahrung hatte sie vorzuweisen. Auf Empfehlung ihres Professors fand sie direkt nach ihrem Abschluss einen Job mit exzellenten Aufstiegschancen.

Dann schlug die Rezession 2008 zu. Ihr Arbeitgeber ging pleite, sie verlor ihre Stelle. Die junge Frau gab nicht auf: Nach unzähligen erfolglosen Bewerbungen machte sie sich selbstständig. Ihre Firma plante kommunale Überflutungsschutzanlagen. Doch das Schuldendebakel Griechenlands zerstörte das aufblühende Geschäft - der Staat zahlte nicht mehr.

Null Arbeit, null Sicherheit, null Perspektive - wie Tsouni ergeht es derzeit in Europa Millionen junger Menschen. Keine gesellschaftliche Gruppe hat die Wirtschafts-, Finanz- und Schuldenkrise, die den Kontinent seit bald fünf Jahren quält, schwerer getroffen als die Jugend.

Spanien, Hellas, Irland: Wenn jeder fünfte junge Mensch keine Arbeit hat

Rund 7,5 Millionen der 15- bis 24-Jährigen in den 27 Ländern der Europäischen Union (EU) haben weder einen Job noch einen Ausbildungsplatz. Die Arbeitslosenquote in dieser Altersgruppe liegt zwei- bis dreimal so hoch wie im Durchschnitt aller Erwerbstätigen.

Besonders arg verschlimmerte sich die Situation der Jungen in Spanien, Griechenland und Irland, wie Bert Colijn vom Wirtschaftsforschungsunternehmen Conference Board in einer Studie für manager magazin errechnete. In diesen Staaten schnellte die Jugendarbeitslosigkeit zwischen 2008 und 2011 um mehr als 20 Prozent in die Höhe.

Fast die Hälfte aller jungen Iberer ist heute ohne Beschäftigung. In Griechenland liegt die Quote bei 45 Prozent. In Irland, Italien, Portugal und Polen hat jeder dritte Jugendliche keinen Arbeitsplatz. In Frankreich, Ungarn und selbst in Schweden sucht jeder vierte Heranwachsende eine Beschäftigung.

Spaltung der Union in wohlhabende Jobbesitzer und Verlierer

Einzig in Deutschland und Luxemburg entstanden seit 2008 neue Stellen für Berufsanfänger. Auch Österreich und die Niederlande zählen zur kleinen Minderheit der gesegneten EU-Staaten, in denen mehr als 90 Prozent aller jungen Bürger eine Arbeitsstelle finden.

"Wir auf unserer Insel der Glückseligen können nicht einfach die erschreckenden Verhältnisse am Arbeitsmarkt der europäischen Peripherie ignorieren", konstatiert der Niederländer Colijn. Denn die Auswirkungen der Missstände werden auch die Kernländer der EU bald zu spüren bekommen: Gesellschaftliche Verwerfungen drohen Schockwellen über die Grenzen zu jagen, soziale Folgekosten könnten EU-weit vergemeinschaftet werden.

Die Spaltung der Union in wohlhabende Jobbesitzer und abgehängte Verlierer könnte schon bald zur Zerreißprobe für das krisengeplagte Europa werden. "Die Jugendarbeitslosigkeit wird für die EU langfristig zu einer noch größeren Gefahr als die Schuldenkrise", warnt der Ökonom.

Längst schon schwelt die Lunte am sozialen Sprengstoff, den die hoffnungslosen jungen Menschen bilden. Krawalle wie sie im vergangenen Jahr in London ausbrachen, sind ebenso wie die - noch - friedlichen Proteste von Jugendbewegungen wie Occupy, Indignados oder Generation Precaire erste Anzeichen möglicher Aufstände, die das Gesellschaftsgefüge der EU-Nationen in ihren Grundfesten erschüttern könnten.

Zur Passivität verdammt und verarmt

Die rein wirtschaftlichen Konsequenzen einer in weiten Teilen zur Passivität verdammten und verarmten Jugend könnten die Kraft der bereits von der Euro-Rettung überbeanspruchten Gemeinschaft überfordern.

Schon heute betragen allein die fiskalischen Kosten für die sogenannten Neets (not in employment, education or training) in der EU rund 100 Milliarden Euro pro Jahr, berechnete Eurofound, eine EU-Organisation. Dabei bezog die Stiftung für die Verbesserung von Lebens- und Arbeitsbedingungen nur deren entgangene Einkommen und die zusätzlichen Transferleistungen ein. Welch wirtschaftliches Potenzial Europa mit der Untätigkeit einer ganzen Generation verliert und wie dadurch langfristig die Finanzierung der Rentensysteme ins Wanken gerät, versucht die Kalkulation gar nicht erst zu erfassen.

"Investiert in die Jugend, investiert in die Zukunft", appelliert angesichts dieser enormen Risiken OECD-Generalsekretär Angel Gurría eindringlich. Auch andere internationale Organisationen wie die Gruppe der 20 wichtigsten Industriestaaten (G 20) oder die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) sehen in der misslichen Situation der jungen Menschen eines der wichtigsten Themen für 2012. Statt nur auf den Euro zu starren und stur die Budgets zu kürzen, müssten sich die EU-Länder dringend um diese "moralische, politische, soziale und ökonomische Tragödie" kümmern, fordert Gurría. Sonst drohe "der Untergang einer ganzen Generation".

Eine schreckliche Vision. Dabei war der Nachwuchs in Europa nie besser ausgebildet als heute. Nie hatten die jungen Menschen bessere Sprachkenntnisse, wendeten geschickter moderne Technologien an, kannten mehr von der Welt als die "Superjugend", wie sie sich selbstironisch in der Zeitschrift "YO" nennt. Dennoch: Nie seit der Nachkriegszeit hatten Europas Heranwachsende schlechtere Zukunftsaussichten als im Jahr 2012.

Perspektive? - Fehlanzeige

Ihre Berufsaussichten sind schon jetzt schlecht, und sie werden mit der in diesem Jahr erneut herannahenden Rezession nicht besser. Als wären diese Perspektiven nicht düster genug, sollen sie in Zukunft auch noch die von ihren Eltern aufgetürmten Staatsschulden abtragen und gleichzeitig deren Renten bezahlen. Da verwundert es fast, dass sie sich in ihrem vom Europäischen Jugendforum herausgegebenen Blatt "YO" nur handzahm als "sitzen gelassene Generation" bezeichnen.

"Wir sind verunsichert und zutiefst frustriert", sagt Andres Villena Oliver, eine der Leitfiguren der spanischen 15M-Bewegung, die aus Protest gegen ihre Situation vom 15. Mai 2011 an wochenlang die Puerta del Sol in Madrid besetzte: "Jeder Zweite von uns weiß, dass er niemals den Lebensstandard seiner Eltern erreichen wird."

Denn selbst wer in den Krisenländern einen der wenigen Arbeitsplätze ergattert, dem drohen prekäre Lebensverhältnisse. Sein Job ist zeitlich befristet, wird mies bezahlt und bei einem erneuten Absturz der europäischen Wirtschaft als erster wieder abgeschafft. Rund 40 Prozent aller jungen Menschen in Europa arbeiten nach Angaben der ILO als unter- oder gar nicht bezahlte Praktikanten, mit untertariflich entlohnten, zeitlich befristeten Verträgen oder in Teilzeit. Ein Trend, der auch im vermeintlichen Jobparadies Deutschland die Zukunftsaussichten der Jugend trübt.

Arbeitslos oder ausgebeutet

Arbeitslos oder ausgebeutet - wer unter unsicheren Verhältnissen die Berufslaufbahn startet, spürt die Folgen noch Jahre später. "Die Narben unserer Jugend verunstalten unsere Biografien ein Leben lang", klagt Peter Matjasic, Präsident des Europäischen Jugendforums.

Die Karriere eines jungen Arbeitslosen entwickelt sich selbst dann, wenn er endlich eine Stelle findet, deutlich schlechter als die von Altersgenossen, die gleich nach der Ausbildung in den Beruf einsteigen. Paul Gregg, Wirtschaftsprofessor an der University of Bath, hat den Effekt auf der Grundlage von Studien in Großbritannien quantifiziert: "Jeder Monat Arbeitslosigkeit in der Jugend senkt später das Einkommen um ein Prozent." Auch verlieren die Betroffenen während ihrer weiteren Berufstätigkeit häufiger ihren Posten: Jedes Jahr Jugendarbeitslosigkeit hat nach Greggs Erhebungen zehn Monate ohne Job im Erwachsenendasein zur Folge.

ILO-Europa-Direktorin Susanne Hoffmann formuliert es drastischer: "Die Wahrscheinlichkeit, auch als Erwachsener arbeitslos zu werden, ist für Personen, die in ihrer Jugend zunächst keinen Job fanden, doppelt bis dreifach so hoch wie im Schnitt der Erwerbstätigen." Zudem wächst die Gefahr exponentiell, ganz aus dem Arbeitsmarkt herauszufallen und permanent an den unteren Rand der Gesellschaft abgedrängt zu werden.

Je länger die joblose Periode nach Schule oder Universität dauert, desto stärker sinkt auch der Wert dieser Ausbildung. Andreas Schleicher, der für die OECD das Pisa-Programm zum Vergleich der Kompetenzen von Schülern entwickelte, hat diese Negativspirale wissenschaftlich untersucht. Demnach verfügen junge Menschen, die keine Arbeit finden, im Alter von 28 Jahren über geringere Berufsqualifikationen als direkt nach ihrem Schulabschluss mit 16.

"Die Auswirkungen spüren wir noch in 40 Jahren."

Arbeitslos, chancenlos, hoffnungslos - die permanente Unsicherheit über ihre Zukunft lässt die jungen Leute auch bei der Lebensplanung verzagen. "Sie leben von einem Tag auf den anderen - in einer Art ausgedehnter Gegenwart", erklärt die bulgarische Soziologieprofessorin Siyka Kovacheva.

Heiraten, Haus bauen, Kinder kriegen - Fehlanzeige. Wie auch, fragt der 27-jährige Georgio aus Italien, der seinen Nachnamen nicht preisgeben will: "Seit meinem Schulabschluss mit 17 war ich genau ein Jahr sozialversicherungspflichtig angestellt. Ich lebe noch immer vom Geld meiner Eltern."

Abhängigkeit und Perspektivlosigkeit dämpfen Elan und Lebensfreude der jungen Menschen derart heftig, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) enorme gesundheitliche Schäden befürchtet - durch Alkoholismus, Fehlernährung oder Spielsucht. Ängste, Depressionen und Verhaltensstörungen wie Magersucht oder Selbstverstümmelungen nehmen nach Einschätzung der Experten unter arbeitslosen Jugendlichen bereits extrem zu. Schon heute litten 10 bis 20 Prozent der jungen Menschen in Europa unter solchen psychischen Störungen.

Jedes einzelne Schicksal ist eine persönliche Tragödie - und gleichzeitig eine Katastrophe für Gesellschaft und Wirtschaft. "Weniger Kinder, weniger Konsum, weniger Produktion, weniger Innovation, dafür mehr soziale Unruhen, Kriminalität und Gewalt", so düster zeichnet Martin Walker, Leiter des Think Tanks der Unternehmensberatung A. T. Kearney, die Zukunft Europas, wenn die Jugendarbeitslosigkeit nicht schnell und nachhaltig bekämpft werde: "Die negativen Auswirkungen spüren wir sonst noch in 40 Jahren."

Nur zu sparen kommt am Ende teuer

Wie aber können die EU-Staaten das Megaproblem lösen? Wer soll angesichts eines bestenfalls anämischen Wachstums neue Jobs schaffen? Woher sollen die Regierungen Mittel für Konjunktur- oder Arbeitsmarktprogramme nehmen, da sie doch durch die Schuldenkrise zu harten Sparmaßnahmen verurteilt sind?

Natürlich kann die Politik direkt keine Arbeitsplätze bereitstellen - Jobs entstehen in den Unternehmen und nicht am Kabinettstisch, das weiß auch Ökonom Walker. Doch liegt es durchaus in den Händen der Regierenden, die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen, um junge Menschen in Lohn und Brot zu bringen.

"In der jetzigen Situation nur zu sparen, kommt am Ende viel teurer, als bessere Chancen für Berufsanfänger zu schaffen", sagt der Wissenschaftler.

Zwar differieren die Gründe für die schlechte Ausgangssituation des Nachwuchses in den diversen EU-Staaten enorm. So baut etwa in Spanien ein übermäßig hoher Kündigungsschutz für ältere Arbeitsplatzinhaber schier unüberwindliche Eintrittshürden für die Jüngeren auf. In Griechenland hält eine niedrige Produktivität, in Italien eine persistente Gerontokratie den Nachwuchs vom Arbeitsmarkt fern.

Überbordende Regulierung, mangelnder Wettbewerb

Vier schädliche Entwicklungen lassen sich identifizieren, die quer durch alle betroffenen Länder Mitschuld daran tragen, dass so viele Junge keinen Arbeitsplatz finden.

  • Verkrustung: Traditionelle Wirtschaftsstrukturen werden durch Subventionen und Regulierung künstlich am Leben erhalten und verhindern das Gedeihen neuer, dynamischer Branchen - die typischen Domänen der Jungen entstehen gar nicht erst.
  • Dualisierung: Ältere Erwerbstätige verharren in Arbeitsverhältnissen mit ausgeprägtem Kündigungsschutz und erhalten im Bedarfsfall Unterstützung und Förderung. Der Nachwuchs dagegen findet nur schlecht bezahlte, befristete Arbeit - häufig auch nur illegal -, die ihn nicht zur Teilhabe am sozialen Netz berechtigt.
  • Fehlqualifizierung: Das Ausbildungssystem vermittelt dem Nachwuchs nicht die Fähigkeiten, die am Arbeitsmarkt gesucht sind.
  • Marginalisierung: Besonders benachteiligte Jugendliche ziehen sich völlig vom Arbeitsmarkt zurück und investieren nicht mehr in ihre Entwicklung.

Maßnahmen, die an diesen Missständen ansetzen, haben häufig den Charme, gar nicht so viel zu kosten. Wer den Jungen helfen will, muss keine Billionenbeträge mobilisieren, wie sie bei der Rettung von Banken und Währung nötig werden. Aber er muss jede Menge politische Widerstände überwinden. Es geht darum, tradierte Systeme aufzubrechen.

"Den meisten Ländern Europas steht eine gewaltige Transformation bevor, die sich durchaus mit der in Osteuropa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs vergleichen lässt", prophezeit Holger Bonin, Arbeitsmarktexperte des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Ein Umbau, der natürlich bei den - meist älteren - Besitzstandswahrern auf heftigen Widerstand stoßen wird. Und der dennoch unumgänglich ist, um mehr Jobs zu schaffen.

Hohe Hürden für Gründer in Griechenland

So behindern in vielen der stark betroffenen Staaten überkommene ökonomische Verhältnisse die wirtschaftliche Dynamik. In Griechenland zum Beispiel mussten Spediteure, die ein neues Unternehmen gründen wollten, bis vor Kurzem für jeden Lkw eine Lizenz für 100.000 bis 300.000 Euro kaufen. Entsprechend wenige Firmen boten Transportleistungen an, die dann natürlich exorbitant teuer waren.

Die hohen Kosten wiederum verhinderten, dass etwa Bauern mehr produzierten und auf weiter entfernten Märkten bessere Preise für Oliven, Käse oder Tomaten erzielten. Allein eine Abschaffung dieser Gebühr würde das griechische Sozialprodukt um einen halben Prozentpunkt steigern, ermittelte die griechische Stiftung für Wirtschafts- und Industrieforschung. Mittlerweile wurde zumindest dieser Markt liberalisiert.

Überbordende Regulierung, mangelnder Wettbewerb, falsche Subventionen und ein überdehnter Staatsapparat zementieren in vielen EU-Staaten noch immer überkommene Wirtschaftsstrukturen und verhindern das Entstehen neuer, konkurrenzfähiger Branchen. Steve Jobs hätte Apple niemals in Italien gründen können, spotten Insider: "Allein die Genehmigung für den Bau einer Garage hätte Jahrzehnte gedauert."

Zumindest auf dem Apennin will nun Ministerpräsident Mario Monti Reformen angehen. Sein Wahlspruch: "Was gut ist für die Wirtschaft, ist auch gut für die Jugend." Denn nur wenn Unternehmen neue Stellen schaffen, haben auch die Neulinge auf dem Arbeitsmarkt Chancen auf eine angemessene Position.

Liberalisierung, Gerechtigkeit, Bildung - auf Worte müssen Taten folgen

Allerdings nur, wenn ihnen die Gesetzgebung zumindest gleiche Chancen gegenüber älteren Mitbewerbern einräumt. Denn allein ihre Situation als Einsteiger ohne Erfahrung mindert auch in der Hochkonjunktur die Aussichten der Jungen auf einen Job.

Wie sich dieses Dilemma lösen lässt, war Mitte Dezember Thema einer Konferenz des Europäischen Jugendforums im Konferenzzentrum der OECD in Paris. Die Fachleute von Jugendorganisationen, Gewerkschaften und Arbeitgebern breiteten zwei Tage lang ein umfangreiches Spektrum an Vorschlägen aus: Von verbesserter Vermittlung und Beratung über Lohnsubventionen und Erleichterungen bei den Sozialabgaben junger Mitarbeiter bis hin zu gerechteren Regeln für Zeitarbeit etwa nach dem dänischen Flexicurity-Modell oder einer Charta für sinnvolle Praktika reichte die Bandbreite der Ideen. Nun will eine Taskforce der G 20 Land für Land identifizieren, welche Maßnahmen wo am wirkungsvollsten und nötigsten sind.

In Großbritannien etwa, dem Land, dessen Arbeitsmarkt lange Zeit als Vorbild an Fairness und Flexibilität galt, müssen junge Menschen bis zu 100 Pfund am Tag zahlen, um ein Praktikum machen zu dürfen. Für besonders heiß begehrte Stellen zahlen gut betuchte Studenten in speziellen Auktionen sogar deutlich höhere Summen - so etwa 85.000 Dollar für Gratisarbeit bei Sir Richard Branson, dem Gründer des Virgin-Konzerns. Nun hat Premierminister David Cameron angekündigt, per Gesetz für gerechtere Regeln bei der Vergabe von Praktika sorgen zu wollen.

Lob für den deutschen Weg

Ob Monti oder Cameron - es ist nicht so, dass Europas Regierende die gigantischen Probleme der Jugendbeschäftigung ignorierten. Spaniens neuer Ministerpräsident Mariano Rajoy etwa will die berufliche Ausbildung seiner jungen Landsleute fördern - nach dem Vorbild der Lehre in Deutschland. Auch viele der in Paris versammelten Experten lobten den deutschen Weg: Die parallele Ausbildung in Schule und Betrieb führe dazu, dass die Unternehmen genau die Fähigkeiten beim Nachwuchs heranbilden könnten, die sie auch tatsächlich benötigten, hieß es in fast jedem Vortrag. Die in vielen Ländern weitverbreitete Diskrepanz zwischen Bildungsangebot und Qualifikationsnachfrage lasse sich dadurch vermeiden.

In verstärkten Bildungsanstrengungen erkennt auch Arbeitsmarktkenner Colijn einen Hoffnungsschimmer für den Nachwuchs in Europa. In seiner Studie für manager magazin ermittelte er, wie viele Jugendliche in den verschiedenen Ländern die Schule abbrechen. Demnach hat sich in Krisenstaaten wie Portugal, Spanien, Griechenland oder Italien die Zahl der Frühaussteiger verringert. Das sei immerhin ein "positives Zeichen", sagt der Conference-Board-Ökonom. Wer einen Abschluss hat, gerät nicht ganz so leicht ins Abseits.

Liberalisierung, Gerechtigkeit, Bildung - Ideen, wie sich die schreckliche Situation der arbeitslosen Jugend Europas verbessern lässt, gibt es offenbar zuhauf. Jetzt müssen die Politiker handeln.

"Versprechungen hören wir seit Jahren", erregt sich Luca Scarpiello vom Jugendforum über all die schönen Reden im edlen Ambiente des OECD-Hauptquartiers. "Wir wollen wissen, was 2012 passiert." Wenn nicht bald etwas zur Verbesserung der Lage geschehe, dann "müssen wir eben auf die Straße gehen und für unsere Rechte kämpfen", sekundiert Hela Khamarou von der französischen Generation Precaire.

Aufbegehren oder Aufbrechen - vor dieser Wahl steht die Jugend Europas. Alexia Tsouni hat sich für Letzteres entschieden. Sie will sich jetzt in Belgien und Luxemburg bewerben. Zumindest eine gute Nachricht für die Unternehmen in den florierenden Kernländern - sie suchen nämlich händeringend nach Fachkräften.

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