Montag, 15. Juli 2019

Europa Junge Generation in der Jobkrise

Europa: Junge Generation in der Jobkrise
Corbis

6. Teil: Liberalisierung, Gerechtigkeit, Bildung - auf Worte müssen Taten folgen

Allerdings nur, wenn ihnen die Gesetzgebung zumindest gleiche Chancen gegenüber älteren Mitbewerbern einräumt. Denn allein ihre Situation als Einsteiger ohne Erfahrung mindert auch in der Hochkonjunktur die Aussichten der Jungen auf einen Job.

Wie sich dieses Dilemma lösen lässt, war Mitte Dezember Thema einer Konferenz des Europäischen Jugendforums im Konferenzzentrum der OECD in Paris. Die Fachleute von Jugendorganisationen, Gewerkschaften und Arbeitgebern breiteten zwei Tage lang ein umfangreiches Spektrum an Vorschlägen aus: Von verbesserter Vermittlung und Beratung über Lohnsubventionen und Erleichterungen bei den Sozialabgaben junger Mitarbeiter bis hin zu gerechteren Regeln für Zeitarbeit etwa nach dem dänischen Flexicurity-Modell oder einer Charta für sinnvolle Praktika reichte die Bandbreite der Ideen. Nun will eine Taskforce der G 20 Land für Land identifizieren, welche Maßnahmen wo am wirkungsvollsten und nötigsten sind.

In Großbritannien etwa, dem Land, dessen Arbeitsmarkt lange Zeit als Vorbild an Fairness und Flexibilität galt, müssen junge Menschen bis zu 100 Pfund am Tag zahlen, um ein Praktikum machen zu dürfen. Für besonders heiß begehrte Stellen zahlen gut betuchte Studenten in speziellen Auktionen sogar deutlich höhere Summen - so etwa 85.000 Dollar für Gratisarbeit bei Sir Richard Branson, dem Gründer des Virgin-Konzerns. Nun hat Premierminister David Cameron angekündigt, per Gesetz für gerechtere Regeln bei der Vergabe von Praktika sorgen zu wollen.

Lob für den deutschen Weg

Ob Monti oder Cameron - es ist nicht so, dass Europas Regierende die gigantischen Probleme der Jugendbeschäftigung ignorierten. Spaniens neuer Ministerpräsident Mariano Rajoy etwa will die berufliche Ausbildung seiner jungen Landsleute fördern - nach dem Vorbild der Lehre in Deutschland. Auch viele der in Paris versammelten Experten lobten den deutschen Weg: Die parallele Ausbildung in Schule und Betrieb führe dazu, dass die Unternehmen genau die Fähigkeiten beim Nachwuchs heranbilden könnten, die sie auch tatsächlich benötigten, hieß es in fast jedem Vortrag. Die in vielen Ländern weitverbreitete Diskrepanz zwischen Bildungsangebot und Qualifikationsnachfrage lasse sich dadurch vermeiden.

In verstärkten Bildungsanstrengungen erkennt auch Arbeitsmarktkenner Colijn einen Hoffnungsschimmer für den Nachwuchs in Europa. In seiner Studie für manager magazin ermittelte er, wie viele Jugendliche in den verschiedenen Ländern die Schule abbrechen. Demnach hat sich in Krisenstaaten wie Portugal, Spanien, Griechenland oder Italien die Zahl der Frühaussteiger verringert. Das sei immerhin ein "positives Zeichen", sagt der Conference-Board-Ökonom. Wer einen Abschluss hat, gerät nicht ganz so leicht ins Abseits.

Liberalisierung, Gerechtigkeit, Bildung - Ideen, wie sich die schreckliche Situation der arbeitslosen Jugend Europas verbessern lässt, gibt es offenbar zuhauf. Jetzt müssen die Politiker handeln.

"Versprechungen hören wir seit Jahren", erregt sich Luca Scarpiello vom Jugendforum über all die schönen Reden im edlen Ambiente des OECD-Hauptquartiers. "Wir wollen wissen, was 2012 passiert." Wenn nicht bald etwas zur Verbesserung der Lage geschehe, dann "müssen wir eben auf die Straße gehen und für unsere Rechte kämpfen", sekundiert Hela Khamarou von der französischen Generation Precaire.

Aufbegehren oder Aufbrechen - vor dieser Wahl steht die Jugend Europas. Alexia Tsouni hat sich für Letzteres entschieden. Sie will sich jetzt in Belgien und Luxemburg bewerben. Zumindest eine gute Nachricht für die Unternehmen in den florierenden Kernländern - sie suchen nämlich händeringend nach Fachkräften.

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung