Montag, 24. Juni 2019

Wahlkampf in Frankreich Sarkozys drohende Abwahl alarmiert Berlin

Merkel, Sarkozy: Die politische Umarmung der Kanzlerin ist der gewagteste Coup in Sarkozys (fast) aussichtsloser Aufholjagd. Gewinnt Hollande, muss Merkel wieder bei Null anfangen

Frankreichs Präsident Sarkozy droht Herausforderer Hollande zu unterliegen. Für Kanzlerin Merkel wäre eine Abwahl Sarkozys ein Albtraum: Die Folgen für das deutsch-französische Euro-Bündnis wären dramatisch.

Paris - Es ist ja nicht so, dass Nicolas Sarkozy in den vergangenen zwei Wochen mit Aufmerksamkeit für sein Volk gegeizt hätte. In Fessenheim inspizierte er Frankreichs ältestes Kernkraftwerk. In Issy-les-Moulineaux schaute er bei den Gendarmen vorbei. In Lavaur besuchte er einen Kindergarten, in Bourgoin-Jallieu eine Solarfirma. In Ivry machte er, mitten in der Nacht, einer Obdachlosenunterkunft seine Aufwartung.

Damit nicht genug. Sarkozy hielt Grundsatzreden über Alzheimer, Familienpolitik, Religionsfreiheit und das freie Unternehmertum. Und er pries, beim gemeinsamen Interview mit seiner neuen besten Freundin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Deutschland als Modell für Frankreich.

Aber Wahlkampf? Mais non! Immer wieder hatte Sarkozy behauptet, für profane Stimmenbuhlerei habe er keine Zeit, schließlich müsse er Frankreich regieren in diesen Krisenzeiten. Und damit angedeutet, er werde es halten wie seine königlichen Vorgänger Jacques Chirac oder François Mitterrand, die sich erst sechs Wochen vor dem ersten Wahlgang offiziell in den Wahlkampf begaben. Beide gewannen locker.

Nun ist amtlich, was eh schon jeder wusste: Sarkozy möchte seinen Vertrag vom Volk um fünf Jahre verlängern lassen. "Ja, ich bin Kandidat der Präsidentschaftswahlen", sagte der Staatschef am Mittwochabend im französischen Fernsehsender TF1.

In neun Wochen dürfen die Franzosen zum ersten Mal über Sarkozys Nachfolger abstimmen, am 22. April. Die entscheidende Stichwahl der beiden Bestplazierten findet am 6. Mai statt. Dann wird sich zeigen, ob Sarkozy zu früh gestartet ist - oder viel zu spät.

Sozialist Hollande liegt weit vorn - viele halten Sarkozys Kampf für verloren

Sicher ist nur: Fessenheim, Issy-les-Moulineaux, Lavaur, Bourgoin-Jallieu, Ivry, das war nur der Anfang. Von nun an wird der Kandidat Sarkozy den Präsidenten Sarkozy ablösen und unaufhörlich landauf, landab tingeln, alle Kanäle okkupieren und tägliche neue Ankündigungen machen. Er wird also das tun, was dem 57-Jährigen eine der rasantesten Polit-Karrieren der französischen Nachkriegszeit beschert hat - und was er nach Ansicht von Fans und Gegnern auch am besten kann: wahlkämpfen.

Sarkozy hat keine Wahl. Seit Monaten will sein Rückstand gegen den sozialistischen Herausforderer François Hollande einfach nicht schrumpfen. In Umfragen liegt Hollande für den ersten Wahlgang stabil zwischen 5 und 9 Prozentpunkte vor Sarkozy. Im zweiten Wahlgang würde der Sozialist den Amtsinhaber sogar mit fast 20 Prozentpunkten Vorsprung bezwingen.

Das wäre ein Erdrutsch und das vernichtendste Zeugnis, dass die Franzosen je einem Präsidenten an den Wahlurnen ausgestellt hätten. Und noch vertrackter: In einem Moment, in dem Europa eine entschlossene deutsch-französische Führung mehr braucht denn je, bekäme Frankreich einen neuen, unerfahrenen Präsidenten. Für Angela Merkel ist eine Abwahl Sarkozys mehr als nur ein kleiner Albtraum.

Doch die Bundeskanzlerin täte gut daran, sich damit anzufreunden. Viele halten Sarkozys Kampf bereits heute für verloren. "Wenn er die Wahl noch gewinnen will, braucht er schon einen Krieg, in dem er sich als genialer Staatslenker inszenieren kann", sagt ein Topmanager -zynisch - beim Dinner in Paris.

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung