Donnerstag, 19. September 2019

Linde-Chef Reitzle bringt Euro-Austritt ins Gespräch

Linde-Chef Reitzle zu möglichem Euro-Aus: "Schon fünf Jahre später könnte Deutschland noch stärker dastehen"

Als erster Dax-Konzernchef bricht Wolfgang Reitzle das Tabu eines Austritts aus der Währungsunion. Sollte die Euro-Rettung scheitern, würde die deutsche Wirtschaft den Schock überstehen, meint der Linde-Chef. Die Herabstufung einiger Euro-Staaten lässt dieses Szenario näher rücken.

Er glaube zwar, dass die Rettung des Euro gelingen könne, aber er sei "nicht der Meinung, dass der Euro um jeden Preis gerettet werden muss", sagt Reitzle in einem Interview mit dem Hamburger Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL. Der Linde-Chef fürchtet, dass der Reformwille in den Krisenländern nachlasse, wenn die EZB eingreife. Und "wenn es nicht gelingt, die Krisenländer zu disziplinieren, muss Deutschland austreten".

Dies würde zu einer Aufwertung "der D-Mark, des Euro-Nord, oder welche Währung wir dann auch hätten, führen." Zwar würde in den ersten Jahren die Arbeitslosigkeit steigen, weil der Export einbreche, aber dann würde der Druck zunehmen, noch wettbewerbsfähiger zu werden. Die deutsche Wirtschaft könnte diesen Schock nach einigen Jahren überwunden haben. "Schon fünf Jahre später könnte Deutschland im Vergleich zu den asiatischen Wettbewerbern noch stärker dastehen", glaubt Reitzle.

Dieses Szenario sei für ihn "nicht wünschenswert", sagt der Chef des Technologie -konzerns im SPIEGEL, "aber es darf auch nicht zum Tabu erklärt werden". Für Griechenland sieht Reitzle keine Chancen mehr, in der Währungsunion zu bleiben. Griechenland müsse "mittelfristig austreten". Die Kapitalmärkte hätten das Thema "längst abgehakt". Die Schulden Athens werden nach Überzeugung des Linde-Chefs "nicht zu 50 oder 70, sondern zu 100 Prozent abgeschrieben werden müssen".

Der frühere Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, hat das Verhalten der Institution in der Euro-Krise heftig kritisiert - und nachträglich die Gründe für seinen Rücktritt geliefert. In einem Abschiedsbrief wirft Stark laut SPIEGEL seinen Ex-Kollegen im EZB-Rat vor, Entscheidungen getroffen zu haben, "die das Mandat der EZB ins Extreme gedehnt haben".

Er sehe das Risiko, dass die Notenbank wegen ihrer Aufkäufe am Anleihemarkt zunehmend "unter fiskalischer Dominanz operiere". Es sei eine "Illusion zu glauben, dass die Geldpolitik große strukturelle und fiskalische Probleme in der Euro-Zone lösen kann". Wann immer in der Geschichte sich eine Notenbank der Haushalts -politik untergeordnet habe, musste sie Zugeständnisse bei ihrer eigentlichen Aufgabe machen, den Geldwert stabil zu halten, warnt Stark in dem Brief an die 1600 Beschäftigten der Notenbank.

Am Freitag hatte die Ratingagentur Standard & Poor's die Kreditwürdigkeit von neun Euro-Staaten herabgestuft. Auch Frankreich, zweigrößter Geldgeber des Euro-Rettungsfonds EFSF, verlor seine Bestnote "AAA". Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer sieht daher die EFSF-Bonität in Gefahr. "Mit einem nur noch zweitrangigen Rating wird es für den EFSF schwierig, neue Investoren zu finden", schrieb Mayer in der "Bild am Sonntag".

Deutschland wird nach der Aktion von S&P noch mehr zur Fluchtburg des Kapitals. Als einziges Euro-Land mit AAA-Rating verbleibt es ohne negativen Ausblick. Die Renditen von Bundesanleihen mit verschiedenen Laufzeiten erreichten neue Tiefststände; für zweijährige Papiere sanken sie am Freitag auf 0,14 Prozent, für fünfjährige auf 0,73 Prozent. Auch die für zehnjährige Bundesanleihen verlangte Verzinsung von 1,74 Prozent ist nahe dem im September 2011 erreichten Rekordtief.

ak/dpa

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung