Euro-Krise Smaghi würde Geldschleusen weiter öffnen

Gerade erst überschüttete die Europäische Zentralbank die Banken in Europa mit einer halben Billion Euro zu Minizinsen. Nun empfiehlt EZB-Ratsmitglied Bini Smaghi, die Geldschleusen notfalls noch weiter zu öffnen.
Lorenzo Bini Smaghi: Das scheidende EZB-Ratsmitglied rät im Notfall zu einer weiteren Lockerung der Geldpolitik

Lorenzo Bini Smaghi: Das scheidende EZB-Ratsmitglied rät im Notfall zu einer weiteren Lockerung der Geldpolitik

Foto: AP

Frankfurt am Main - Der gefährliche Geldzauber der EZB könnte weitergehen. Zu Beginn der Woche hat Europas Zentralbank die größte Rettungsaktion ihrer Geschichte gestartet; sie hat Banken für drei Jahre rund eine halbe Billion Euro geliehen, und das zu Minizinsen.

Doch EZB-Ratsmitglied Lorenzo Bini Smaghi erwägt schon eine weitere Lockerung der Geldpolitik. Würde zum Beispiel Deflation drohen, seien weitere Aufkäufe von Staatsanleihen nicht ausgeschlossen, sagte er in einem Interview mit der "Financial Times". Derzeit bestehe diese Gefahr zwar nicht, träte sie aber ein, sei die EZB "in der Pflicht zu handeln", sagte Bini Smaghi, der kommende Woche aus dem EZB-Rat ausscheidet.

Bei einer Deflation sinken die Verbraucherpreise. Das kann den Konsum bremsen, weil Verbraucher Käufe in die Zukunft verschieben - in der Hoffnung, dann weniger zu zahlen. Dadurch kann eine gefährliche Abwärtsspirale entstehen.

Mit ihren immer massiveren Eingriffen handelt die EZB immer mehr wie die US-Notenbank Fed. Diese hatte bereits im vergangenen Jahr die Märkte mit 600 Milliarden Dollar geflutet. Das Geld nutzen US-Privatbanken zum Beispiel, um mehr Kredite an Firmen und Haushalte zu vergeben, was die Konjunktur stimulieren soll. Die EZB hatte sich lange gegen solche Eingriffe gestemmt - anders als bei der Fed ist ihr oberstes Ziel die Bekämpfung von Inflation, und gerade die Ausweitung der Geldmenge kann dazu führen, dass die Verbraucherpreise rasch steigen.

Derzeit aber ist die EZB die letzte Instanz in Europa, welche die Euro-Krise überhaupt noch wirkungsvoll eindämmen kann. Entsprechend wirft sie nach und nach immer mehr ihrer Prinzipien über Bord - und rechtfertigt das mit der akuten Gefahr im Euro-Raum.

Misstrauen der Banken untereinander steigt

Tatsächlich sind die eintägigen Bankeinlagen bei der EZB auf den höchsten Stand seit anderthalb Jahren gestiegen. Am Freitag bunkerten die Institute rund 347 Milliarden Euro bei der Notenbank. Die Höhe der Einlagen gilt als Zeichen, wie sehr sich die Banken untereinander misstrauen.

Um eine Ausweitung der Schuldenkrise zu verhindern, müsse die Widerstandsfähigkeit des Finanzsektors erhöht werden, erklärte der Risikorat ESRB am Donnerstag. Dazu müssten die Banken ihre Bilanzen stärken, ohne jedoch die Kreditvergabe abzubremsen. Der Risikorat wacht über die Stabilität des Finanzsystems. In ihm sitzen Notenbanker und Akademiker, an der Spitze der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Der ESRB soll systemische Risiken im Finanzsystem möglichst frühzeitig erkennen und Empfehlungen aussprechen.

Die EU-Bankenaufsicht EBA befürchtet, dass die Geldhäuser in Europa die Wirtschaft nicht mehr in ausreichendem Maße mit Krediten versorgen. Viele Banken versuchen, die höheren Kapitalauflagen der EBA, die sie ab Mitte 2012 einhalten müssen, durch eine Drosselung der Kreditvergabe zu erfüllen. Wenn aber Unternehmen und Privatpersonen keine Darlehen mehr bekommen, würgt das die Wirtschaft ab.

Allerdings sehen nicht alle in der EZB die Lage so düster. Der scheidende EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark etwa warnte vor einer zu pessimistischen Darstellung der Konjunkturentwicklung in der Euro-Zone. Er sei eher positiv überrascht von den jüngsten Wirtschaftsdaten, sagte er der "Welt".

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