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Black Friday in den USA: Kaufrausch trotz Rezessionsangst

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Black Friday in den USA Shoppingorgie soll die Wende bringen

Am heutigen "Black Friday" startet in den USA die größte Shoppingorgie des Jahres. Da die US-Konsumenten verunsichert sind, haben Händler für die Rabattschlacht aufgerüstet: Gap verteilt 3D-Brillen für die Suche nach Schnäppchen, Lowe's gibt 42.000 iPhones aus - und sogar das FBI macht mit.
Von Markus Gärtner

Vancouver - Es ist die Mutter aller Shoppingschlachten. Der Tag, an dem die Hälfte aller Amerikaner in die Kaufhäuser stürmt. Black Friday hat seinen Namen, weil er im Kalender für die großen Einzelhändler der USA die entscheidende Wende darstellt: Es ist der Tag nach Thanksgiving, wenn offiziell das Weihnachtsgeschäft beginnt und die meisten Einzelhändler zum ersten Mal im Jahr in die schwarzen Zahlen kommen.

"Black Friday" ist der Startschuss für fünf Wochen Geschenke- und Rabattorgien, bei denen mehr umgesetzt wird als im Rest des Jahres. Der heutige Freitag gilt daher als wichtiger Indikator für die Stimmung der Konsumenten, deren Ausgaben 70 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beisteuern.

Diesmal bekommt der Black Friday noch mehr Beachtung als sonst. Denn Amerika musste zuletzt miserable Zahlen zur Konsumstimmung verkraften, und auch das Wachstum der US-Wirtschaft fiel im dritten Quartal geringer aus als erhofft. Die US-Bürger fürchten den Rückfall in die Rezession.

Bis nach Deutschland sind von dem heutigen Massenansturm wichtige Signale für die Konsumstimmung in den kommenden Monaten zu erwarten. Denn die vergangenen Jahre haben gezeigt: Amerikas Konsumenten sind oft ein Frühindikator für das, was in deutschen Kaufhäusern geschieht.

Wer die Konsumzahlen der US-Notenbank mit denen des Statistischen Bundesamtes vergleicht, sieht: Der Konsum begann in den USA schon Ende 2006 einzubrechen. Das erste schwache Verkaufsquartal in Deutschland kam zwar schon Anfang 2007. Doch erst ab Ende 2008 wurden die privaten Konsumausgaben für längere Zeit schwach. Umgekehrt hat der private Konsum in den USA nach der Großen Rezession schneller angezogen als hierzulande. In den USA legte er schon 2010 mit einem Plus von 2 Prozent gegenüber dem Vorjahr kräftiger zu, während in Deutschland der Zuwachs mit 0,6 Prozent noch verhalten blieb.

Um die Stimmung für das Weihnachtsgeschäft in den USA trotz zuletzt trüber Wirtschaftsdaten zu retten, muss ein Befreiungsschlag her - und die beste Chance, die sich dafür bietet, ist eine Einkaufsorgie an diesem Wochenende.

Seit Wochen rüsten die großen Retailer auf - auch FBI schaltet sich ein

Seit Wochen rüsten sich die großen Retailer der USA mit Werbeprospekten, Rabattangeboten und Infokampagnen für die Schlacht um die Käufer. Sogar die Gerüchteküche wird gezielt eingesetzt, um den Hunger der Konsumenten zu steigern. Bis zum FBI schalten sich so ziemlich alle Institutionen der USA in das Rabattgemetzel ein. Die Bundespolizei warnt auf ihrer Webseite sowie auf Zehntausenden von Flugblättern vor Auktionsbetrügern und Identitätsdieben - Amerikas Power-Shopper sollen auch im Rabattrausch Vorsicht walten lassen.

Doch das hält niemanden davon ab, sich in die Kauforgie zu stürzen. Je früher, desto besser. Als erste in der Schlange derer, die das große Rabattfestival kaum erwarten können, haben Amerikas Fernsehsender eine Frau in Florida identifiziert. Sie schlug schon vor Tagen vor dem Laden der Elektronikkette Best Buy in Tampa ihr Zelt auf.

Doch weil Amerikas Konsumenten ziemlich erschöpft und verunsichert sind, muss diesmal noch mehr geboten werden als sonst. Die Discountangebote der Vorjahre sind nur schwer zu steigern.

Also öffnen die Großen der Branche - darunter Wal-Mart , Toys "R" Us und die Bekleidungskette Gap - jetzt einfach noch früher die Shoppingpforten. Die ersten schon um 22 Uhr am Donnerstagabend. Sogenannte "Door Crasher", superbillige Lockangebote, sollen die Kunden in die Ländern ziehen.

Wal-Mart bietet Kinder-Bettdecken für 4,47 Dollar an. JC Penny einen Camcorder für Kinder, der ganze 30 Dollar kostet. Gap gibt 3D-Brillen aus, mit denen man in den Läden ansonsten unsichtbare Supersonderangebote auf einzelnen Produkten findet.

Sears gibt Gutscheinbücher aus, die 3000 Dollar Einsparungen erlauben, wenn man alle abgebildeten Produkte kauft. Und die Mall of America, der größte Shoppingtempel des Landes in Bloomington, Minnesota - wo am Black Friday 300.000 Leute erwartet werden - öffnet schon um Mitternacht, so früh wie nie in seiner Geschichte. Ausgelobt werden 300 Preise zwischen 25 und 1000 Dollar. "Die verängstigten Konsumenten haben zwischen den Einzelhändlern einen fieberhaften Kampf um Marktanteile ausgelöst", erklärt die Direktorin Mary Delk bei Deloitte Consulting in Charlotte, North Carolina.

Auf Black Friday folgt Cyber Monday: 40 Millionen US-Bürger im Kaufrausch

Der International Council of Shopping Centers geht davon aus, dass 40 Millionen Amerikaner in diesem Jahr den Thanksgiving-Tag am Donnerstag abkürzen wollen, um sich in der Nacht auf Freitag rechtzeitig in den Kaufhäusern die besten Angebote zu sichern. "Die Leute sind mehr denn je auf Schnäppchenjagd", sagt der Sprecher des Kaufhausverbandes, Jesse Tron.

Selbst der Computer Apple , sonst sehr auf Preisstabilität bedacht, hat für Freitag eine Rabattschlacht angekündigt. Um das Shoppingfieber anzuheizen, wurden sogar Smartphone-Apps entwickelt. Wer das Programm "Shopkick" auf seinem Gerät installiert, kann allein schon durch das Betreten der Läden von angeschlossenen Einzelhandelsketten - darunter Best Buy, Macy's, Target und Navy - Punkte sammeln.

Und weil im Zeitalter der mobilen Kommunikation und des Internets die Kunden "realtime" über die jeweils besten Preise informiert sind, hat die Heimwerkerkette Lowe's an ihre Beschäftigten 42.000 iPhones ausgegeben. Das soll sie für die unbarmherzigen Schachereien mit der geizigen Kundschaft aufrüsten.

Kein Wunder. Denn selbst der Black Friday hat einen ernst zu nehmenden Konkurrenten. Es ist der folgende Montag, der "Cyber Monday" genannt wird. Die traditionellen Einzelhändler fürchten sich vor diesem Mitstreiter. Denn Kunden, die sie am heutigen Freitag nicht in die Läden locken, verlieren sie möglicherweise an die Webseiten der Onlinekonkurrenz. Für Amazon  zum Beispiel gehört der kommende Montag zu den wichtigsten Tagen des Jahres.

Und die Online-Konkurrenz legt zu: Der Marktforscher Comscore berichtet, dass die Umsätze im Interneteinzelhandel seit Anfang November um 14 Prozent gestiegen sind. Der beste Tag war demnach der 16. November mit landesweit 688 Millionen Dollar Umsatz.

Miese Konjunkturdaten im Vorfeld

Die Rahmenbedingungen für diesen wichtigsten Tag im US-Einzelhandel sind jedoch ungünstig. Eine Reihe von Konjunkturdaten sorgen für Gegenwind: Die Einkommen in den USA stiegen im Oktober zwar um 0,4 Prozent, die höchste Zunahme seit März, doch die Amerikaner halten ihre Geldbeutel zu. Der private Konsum kletterte im Oktober um magere 0,1 Prozent, weniger, als Analysten erwartet hatten. Und die Wall Street erlebt gemessen an der Kursentwicklung des S&P 500 dem Vermögensberater Bespoke Investment zufolge die schlechteste Thanksgiving-Woche seit 1941.

Neben den eigenen Schuldenproblemen und der schwächelnden Konjunktur machen sich die amerikanischen Konsumenten auch Sorgen über die globale Großwetterlage. Diese hilft dem Weihnachtsgeschäft nicht. Die HSBC hat für China gerade den schwächsten Einkaufsmanagerindex seit März 2009 gemeldet. Nachrichten von der Schuldenkrise in Europa verunsichern zusätzlich. Und zuhause in den USA verliert die Konjunktur sichtbar an Schwung. Die US-Notenbank kündigte in dieser Woche angesichts der eskalierenden Schuldenkrise in Europa einen scharfen Stresstest für die Banken an. Das verunsichert viele.

Shoppingverbände mit vorsichtigen Prognosen

Kein Wunder also, wenn ungeachtet verschiedener Jubelmeldungen bei Shoppingverbänden die eher vorsichtigen Prognosen zunehmen. Im diesjährigen Weihnachtsgeschäft wird der Umsatz mit 2,8 Prozent nur etwa halb so stark zunehmen wie im Vorjahr, als er 5,2 Prozent wuchs, prognostiziert die National Retail Federation.

Diese Zurückhaltung hat einen guten Grund, wie die jüngsten Umfragen zur Stimmung der Konsumenten belegen. Der Consumer Comfort Index von Bloomberg beispielsweise liegt mit aktuell Minus 50,1 Punkten zum neunten Mal in den vergangenen zehn Wochen unter der Marke von Minus 50. Das gab es seit 26 Jahren nicht. Der Index wird 2011 - bei einem Schnitt von Minus 46,6 Punkten seit Januar - das zweitschlechteste Jahr seiner Geschichte erleben.

Satte 35 Prozent der Befragten Amerikaner sagten in der vorigen Woche, derzeit sei eine schlechte Zeit für neue Anschaffungen. Anhaltend hohe Arbeitslosigkeit, das Scheitern der Sparverhandlungen im sogenannten Superausschuss und die allgegenwärtige Euro-Schuldenkrise nagen am Vertrauen der Verbraucher. "Nichts kann Konsumenten mehr entmutigen", sagt der Ökonom Richard Yamarone, der für Bloomberg die Umfrage auswertete, "als wenn es zu einer wichtigen Verkaufssaison schlechte Nachrichten gibt".

Kauflaune stagniert

Auch auf der Webseite des Meinungsforschers Gallup sieht man wenig erfreuliche Zahlen zur Laune der US-Konsumenten. "Das Vertrauen der Amerikaner in ihre Volkswirtschaft", heißt es dort, "liegt derzeit deutlich unter dem Vorjahresniveau". Gallup hat die Amerikaner vor wenigen Tagen über ihre Shoppingpläne für die nächsten Wochen befragt. Das Resultat: Sie wollen 2011 im Durchschnitt für Weihnachten 712 Dollar pro Person ausgeben, gegenüber 715 Dollar im Vorjahr. Das ist Stagnation.

Der von den Shoppingmalls erwartete Großansturm wird also nicht zu dem gewünschten Umsatzsprung führen. Gegenüber 2010 ist das eine große Enttäuschung. Denn da erholten sich die Umsätze nach drei stagnierenden Jahren deutlich.

Enttäuschend verläuft auch das Jahr 2011 selbst. Im Juni und Juli verbuchten die Einzelhändler kräftige Gewinne gegenüber dem Vorjahr. Doch dann fiel die Stimmung der Konsumenten auf das Niveau der Finanzkrise von 2008. Ein Ende der Durststrecke ist nicht abzusehen. "Unsere täglichen Umfragen zeigen eine wachsende Zurückhaltung bei den Konsumenten", heißt es bei Gallup.

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