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Altenpflege in Japan: Rentnerroboter im Einsatz

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Pflegenotstand Toyota baut Pflegeroboter für Japans Rentner

Sie sind oftmals wohlhabend, aber zunehmend gebrechlich: Japans Rentner aus der Babyboomzeit brauchen Hilfe im Alltag. Roboter sollen ihnen nun zur Seite stehen. Toyota hat dazu den neuesten Typ vorgestellt - und setzt auf das große Geschäft in der Zukunft.
Von Andrea Jeska

Tokio - In Tokios Stadtviertel Akihabara, das Mekka aller Elektroartikel, entsteht bisweilen der Eindruck, Japans Technologiekonzerne betrachteten die Welt als Spielplatz. Kreischend und fiepend, dudelnd und tanzend, hüpfend und zuckend fallen einen quietschbunte Geräte an, die niemand vermissen würde, wären sie nicht erfunden worden. Doch fernab dieser kindlichen Technikmeile entstehen in Forschungslabors wegweisende Geräte, die die Welt verändern werden.

Während der Umsatz in der elektronischen Unterhaltungsindustrie zurückgeht, steigt die Nachfrage nach intelligenten Robotern mit hohem Nutzwert. Panasonic  stieg 2009 in den Robotermarkt ein und bezifferte den erhofften Umsatz mit Maschinen, die Menschen das Leben erleichtern sollen, sogenannten Partnerrobotern, bis 2016 mit 315 Milliarden US Dollar. Jetzt hat auch der Autohersteller Toyota  just eine Dreier-Serie von Pflegerobotern vorgestellt. Und nach etlichen gescheiterten Versuchen, einen wirklich pflege-tauglichen Roboter auf den Markt zu bringen, könnten diese Modelle Hoffnungsträger werden.

Vorgeführt wurde das Modell von Eiicho Saitho, Professor für Rehabilitationsmedizin an der Fujita Health University, die an der Entwicklung beteiligt ist. Saitho, der ein gelähmtes Bein hat, demonstrierte, wie der neue Roboter die Bewegungsfreiheit gelähmter Patienten erhöht. Der Nutzwert, sagte Saitho, werde die hohen Forschungskosten eines Tages relativieren.

"Für mich symbolisiert die relativ schlichte Technik die längst überfällige Zeitenwende in Japans Roboterindustrie. Endlich verabschieden sich die Ingenieure von hochkomplexen menschenähnlichen Robotern, die bisher das Markenzeichen Japans waren und sich durch eine simple Formel auszeichneten: "Sexappeal: Hundert Punkte, Nutzwert null Punkte", kommentierte der Sinologe Martin Kölling ds neue Gerät.

Neuer Roboter soll die Altenpflege revolutionieren

Ob Gehhilfe für gelähmte oder bewegungsbehinderte Menschen, Koordinations-und Bewegungshilfe oder Hebeapparat, ob bettlägerige Menschen umzubetten und zu transportieren - Toyotas neuer Roboter soll die Altenpflege revolutionieren. Bedient hat sich der weltgrößte Autohersteller dazu aus dem eigenen Technikfundus, es wurden Software, Sensoren und Antriebsmodule aus der Autobranche verwendet. Die Elektronik ist in einem Rocksack untergebracht, den noch der Patient tragen muss. Toyota hat versprochen, an einer alltagstauglichen Variante zu arbeiten.

Höchste Zeit, vielleicht. Denn nirgends vollzieht sich der demographische Wandel zu einer überalterten Gesellschaft schneller als in Japan. Mehr als Eindrittel sind mittlerweile über 50 Jahre alt, mehr als ein Viertel über 65. Bis 2050 wird Nippons Silbergeneration 40 Prozent der Gesellschaft ausmachen. Zudem sind die Japaner langlebig. Mit 82,2 Jahren Lebenserwartung stehen sie an weltweit dritter Stelle; Deutsche leben im Durchschnitt 79,8 Jahre.

Schon jetzt sind Japans Rentner ein starker wirtschaftlicher Faktor. Sie sind die Generation der Babyboomer aus den geburtenstarken Jahrgängen 1947 bis 1949 und waren in ihrer Erwerbsphase die reichste Generation, die das Land je hatte - und vielleicht auf lange Zeit haben wird. Wie auch bei den deutschen Senioren ist ihre Kaufkraft stark. Sie reisen, geben viel Geld für Fitness und gute Ernährung aus, wählen bei Kleidung und Technik das teurere Produkt und gönnen sich exklusive Restaurants und Hotels. Der demographische Wandel lässt sich inzwischen in den Frühstücksräumen der Sterne-Hotels ablesen.

Dort sind es die 60-Plusler, die das Büfett abgrasen. Die steigende Arbeitslosigkeit bei gleichzeitig sinkenden Löhnen schließt immer mehr junge Leute von der Teilnahme am Konsum aus, während die Rentner ihr Polster aus den Boom-Jahren nun investieren. Einer Studie des Dai-Ichi Life Research Centers zufolge besitzen die Alten zusammen 10 Prozent des japanischen Gesamtvermögens, konkret heißt das: Sie haben jeder durchschnittlich 90.000 Euro auf dem Konto.

Ein ganzer Stadtteil für Seniorenwaren

Die Silbershopper, wie die kauflustigen Rentner genannt werden, werden entsprechend umworben. Was in der deutschen generationsübergreifenden Werbung der Fielmann-Spot, in dem der Sohn vom Vater wissen möchte, was er anders machen würde, könnte er die Dinge noch einmal wiederholen, ist den Japanern die Kampagne des Bierbrauers Kirin. In dieser empfiehlt der 78-jährige Schauspieler Sugawara Bunta seinem jugendlichen Gegenpart ein anständiges Lager von Kirin - und das einzig mit Überzeugungskraft seines verwitterten, markigen Gesichts, das den Jungschnösel an seiner Seite blass wirken lässt.

Die Autoindustrie hat Fahrzeuge entwickelt, die speziell auf die Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnitten sind. Und unter dem Namen Raku-Raku sind Handys auf dem Markt, die größere Tasten, ein vergrößertes Display und vereinfachte Funktionen haben. Im Stadtteil Sugamo richten sich die Ladenbesitzer mit ihrem Angebot fast ausschließlich an die ältere Kundschaft und verkaufen neben praktischer Unterwäsche und bequemen Schuhen, neben Regenmänteln und Gehstöcken auch Großpackungen Viagra und spezielle Mittelchen zur Erhaltung des Körpers, Geistes und der Schönheit.

Die Rüstigen von heute aber werden die Bettlägerigen von morgen sein, und Japan braucht Lösungen, wie die zu erwartende Lawine an Pflegebedürftigen bewältigt werden kann. Noch sind die Roboter nicht Teil des Alltags, da geraten sie auch schon in die Kritik. Im Deutschlandfunk forderte der Philosph Michael Funke von der TU Dresden, es müsse eine Roboterethik geben und die Bedürfnisse des Nutzers müssten stets im Vordergrund stehen. Doch selbst ein Verhaltenskodex für Partnerroboter wird das Problem der menschlichen Zuwendung nicht klären.

Von der Roboterhand berührt

Der Zusatzbegriff "Partner" gaukelt ein Verhältnis zwischen Roboter und Mensch vor, welches nicht zu verwirklichen sein wird. Ein Roboter kann nicht zuhören und seine Berührungen ersetzen keinen menschlichen Kontakt.

An der technischen Universität von Georgia wurde untersucht, wie Patienten auf die Berührung von Robotern reagieren. Das Fazit: Partnerroboter werden in ihren Berührungen akzeptiert, solange sie diese aus Pflegegründen ausführen.

Damit das so funktioniert, müssten die Roboter kommunizieren können, wie sie den Patienten pflegen. Der Patient muss weiterhin diese Kommunikation "angemessen interpretieren können." Das klingt, als täte sich ein weites Betätigungsfeld für Kommunikationsforscher auf. Und es klingt nach Problemen. Wenn schon die Mensch-zu-Mensch-Kommunikation ein Pool von Missverständnissen ist, könnte die Mensch-Roboter-Kommunikation ein Fiasko werden.

Bislang ohne Antworten ist die Frage, ob es also künftig Rentner geben wird, die gut versorgt sind, weil sie sich einen Roboter leisten können und solche, die - weil auch Pflegepersonal knapp und teuer ist - alleine vor sich hinvegetieren. Zum Rentner-Reichtum gibt es auch in Japan einen Gegenpart: die Altersarmut. 22 Prozent der Alten bezieht eine Rente, die unter der Hälfte des mittleren Erwerbseinkommens liegt. In Deutschland sind es lediglich 9,9 Prozent. Altersarmut trifft jeden fünften Japaner über 65, so eine Statistik der "Japan Organisation for Employment of the Elderly and Persons with Diabilities". Zu diesen Problemen in direkter Relation stehen die Selbstmord- und Kriminalitätsraten unter alten Menschen. Japan nimmt da eine unrühmliche Führungsrolle ein.

Für Deutschlands Überalterungsprobleme wird Japan wegweisend in der Frage sein, wer die Pflege übernimmt, wer das bezahlt und ob es ein privilegiertes und ein armseliges Siechtum geben wird. Noch hat Toyota für den Pflegeroboter keine Preisvorstellung veröffentlicht. Doch ein Sprecher von Toyota Deutschland versichert, der Vorsatz, den Pflegeroboter für die Masse bezahlbar zu machen, sei groß. "Ein Hilfsgerät für alte Leute soll ja schließlich kein Lexus sein."