Mittwoch, 18. September 2019

Profiteure der Schuldenkrise Amerika erlebt das Deutschland-Gefühl

Gescheiterte Vorsitzende des "Gemeinsamen Ausschusses zur Schuldenreduzierung": Die stellvertretende Vorsitzende Patty Murray und Senator Max Baucus müssen nach zweimonatiger Verhandlung aufgeben
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Gescheiterte Vorsitzende des "Gemeinsamen Ausschusses zur Schuldenreduzierung": Die stellvertretende Vorsitzende Patty Murray und Senator Max Baucus müssen nach zweimonatiger Verhandlung aufgeben

Es hat etwa Ironisches: Amerika ist zwar außerstande, dringende Sparbeschlüsse zu treffen. Dennoch werfen Kreditgeber den USA immer mehr Geld hinterher. So avancieren die USA zum Profiteur des internationalen Schuldendebakels.

Vancouver - Die Kritik aus den USA am Krisenmanagement der Europäer ist scharf. Doch es gibt derzeit kein Land auf der Welt, das mit seiner eigenen Verschuldung so stark von der Krise in Europa profitiert wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Weil die Eskalation der Schuldenkrise immer mehr Anleger aus dem Euro-Land heraustreibt, kann sich Amerika bereits 26 Prozent billiger neu verschulden als Anfang August. Da notierte die Rendite der US-Anleihe mit zehn Jahren Laufzeit bei 2,7 Prozent. Zu Wochenbeginn ist sie unter 2 Prozent gefallen. Der Grund macht hellhörig.

Amerika erlebt das Deutschland-Gefühl: Die Bundesrepublik freut sich über ängstliche Anleger, die deutsche Schuldentitel selbst zu Minizinsen akzeptieren - anstatt den europäischen Schuldenstaaten zusätzlichen Kredit zu geben. Amerika dagegen profitiert von der Europaflucht. Immer mehr Geld, das den Anleihemarkt sucht, weicht vom alten Kontinent auf die USA und andere Finanzplätze bis nach Fernost aus. Weil der Dollar trotz seiner langfristigen Abwärtsbewegung immer noch unangefochten über 60 Prozent der weltweiten Reserven ausmacht - und der angeschlagene Euro derzeit keine gute Alternative darstellt - flieht Kapital zunehmend in die USA. Seit Jahresbeginn hat sich die Zahl der ausländischen Banken, die mindestens eine Milliarde Dollar bei der Fed-Filiale in New York parken, von 22 auf 47 erhöht. Deren Einlagen haben sich seitdem auf 715 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Doch das ist längst nicht alles.

Die Nachfrage in Übersee nach amerikanischen Aktien und Bonds hat im September den höchsten Stand seit zehn Monaten erreicht. Die Nettokäufe eskalierten regelrecht, von 58 Milliarden Dollar im August, auf 68,6 Milliarden im September. Besonders die Nachfrage für kurzlaufende US-Schuldpapiere, die nach spätestens einem Jahr auslaufen, geht wegen der Nachfrage ausländischer Banken steil nach oben. Banken aus Übersee halten jetzt US-Schuldtitel im Umfang von 1,69 Billionen Dollar, 54 Prozent mehr als zu Beginn der Finanzkrise 2008. Die Folge: Der Dollar hat in den vergangenen Wochen seinen Status als Weltleitwährung, die China ihm langfristig streitig machen will, wieder etwas gefestigt.

Der Greenback hat seit der Ratingwatsche von Standard & Poor's Anfang August, als die USA nach neun Jahrzehnten ihr Toprating AAA verloren, 7,2 Prozent an Wert gewonnen. Besser schnitt nur noch der japanische Yen ab.

Scheitern im Schuldenstreit fatales Signal

Daran hat sich auch seit gestern nichts geändert, obwohl der sogenannte Superausschuss im US-Kongress offiziell bekanntgab, dass er es nicht geschafft hat, mindestens 1200 Milliarden Dollar zusätzliche Einsparungen für die kommenden zehn Jahre zu identifizieren. Diese Aufgabe war dem geheimen Gremium, das aus sechs Demokraten und sechs Republikanern besteht, Ende Juli in den zähen Schuldenverhandlungen aufgetragen worden. Viele in den USA hatten seit Wochen befürchtet, dass es zu diesem politischen GAU kommen würde.

Am Ende gab es nach zwei Monate dauernden Verhandlungen keine Einigung, weil keine der beiden großen Parteien über ihren Schatten springen wollte. Die Republikaner weigerten sich hartnäckig, über höhere Steuern auch nur nachzudenken, geschweige denn, darüber zu verhandeln. Über weite Strecken war es den zwölf zerstrittenen Abgeordneten in den vergangenen drei Wochen nicht einmal möglich, sich komplett am Verhandlungstisch zu versammeln. Stattdessen wurde in kleinen Gruppen weiter geschachert.

So blieben am Ende 800 Milliarden Dollar Differenz, die nicht zu überbrücken waren. Auch die Verlängerung der Steuersenkungen aus der Ära von George W. Bush war äußerst strittig. Die Demokraten waren bereit, sie für mittlere und untere Einkommen fortzuführen. Die Republikaner zeigten keine Kompromissbereitschaft. Jetzt drohen automatische Budgetkürzungen ab 2013. Aber viel schlimmer noch: Ökonomen warnen, dass die politische Pleite im Superausschuss auch dazu führen wird, dass die Arbeitslosenhilfe und die laufende Reduzierung der Social Security Tax nicht verlängert werden können. Letztere ist eine Reduzierung des Beitrags, den Arbeitnehmer mit ihrer Einkommensteuer zur Finanzierung von sozialen Leistungen abführen. Beide laufen Ende des Jahres aus.

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